Praktikum gehört für immer mehr Jugendliche zur Ausbildung
Auszubildende wagen den Sprung ins Ausland

Münsterland -

Allein in die Ferne: Nie war es für Auszubildende so einfach wie heute, ein Praktikum im Ausland zu absolvieren. Trotzdem nutzen die Gelegenheit nur sechs Prozent der jungen Menschen. Dabei bringt es ihnen so viel, wie zwei Azubis uns erzählten.

Sonntag, 22.12.2019, 13:30 Uhr aktualisiert: 22.12.2019, 17:14 Uhr
Eric Sundrum lernt Industriekaufmann bei Lichtgitter in Stadtlohn, Judith Sundermann wird Bauzeichnerin: Beide nutzten die Gelegenheit für ein Auslandspraktikum.
Eric Sundrum lernt Industriekaufmann bei Lichtgitter in Stadtlohn, Judith Sundermann wird Bauzeichnerin: Beide nutzten die Gelegenheit für ein Auslandspraktikum. Foto: Gunnar A. Pier

Judith Sundermann hätte auch bei einem Maurer, Tischler oder Zimmermann mit anpacken können. Ein Praktikum gehört zu ihrer Ausbildung als Bauzeichnerin. Aber als sie im Ordner mit den Berichten bisheriger Azubis in ihrer Firma blätterte, kam ihr eine ganz andere Idee. Und wenig später fand sie sich in Südschweden wieder. Auslandspraktikum: erwünscht und gefördert – aber noch nicht so verbreitet, wie Experten es sich wünschen.

Allein in die weite Ferne: Für Judith Sundermann aus Westerkappeln gar nicht so selbstverständlich. „Es war für mich schon ein großer Schritt, für vier Wochen dahin zu gehen, wo ich keinen kenne.“ Aber das, was sie dort erlebt hat, „und dass ich mich überhaupt getraut habe, hat mir menschlich viel gebracht.“

Das ist ein Punkt, den auch Nadine Rosell hervorhebt. „Mobilitätsberaterin“ steht auf ihrer Visitenkarte, aber sie verkauft keine E-Scooter oder 9-Uhr-Tickets, sondern hilft denen, die ein Auslandspraktikum planen. „Die meisten kommen gestärkt und selbstbewusster zurück“, erklärt die Mitarbeiterin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen. „Das ist eine unheimliche Persönlichkeitsentwicklung – und das merken auch die Unternehmen.“ Deshalb spielen die häufig gerne mit.

Drei Wochen in Tschechien

Wie bei Eric Sundrum aus Gescher. Der 19-Jährige lernt im dritten Jahr Industriekaufmann bei der Firma Lichtgitter in Stadtlohn. Nahezu alle Abteilungen in dem großen Unternehmen, das Gitterroste für unterschiedlichste Einsatzzwecke herstellt, hat er bereits kennengelernt. Aber ein Auslandsaufenthalt ist obligatorisch und war einer der Gründe, warum sich Sundrum für diesen Arbeitgeber entschied. Also verbrachte er die letzten drei Oktoberwochen in der Lichtgitter-Niederlassung in Tschechien.

Normalerweise arbeitet Eric Sundrum in Stadtlohn.

Normalerweise arbeitet Eric Sundrum in Stadtlohn. Foto: Gunnar A. Pier

Überwindung

„Das war erst mal eine Überwindung“, erzählt er und erinnert sich an den Moment, als er mit dem Taxi am Hotel vorfuhr und sich fortan alleine durchschlagen musste. „Aber man kommt da ziemlich schnell rein.“ Sein Englisch genügte, um klarzukommen, viele Kollegen sprachen gar Deutsch. Und am Ende konnte er die wichtigsten Umgangsfloskeln auf Tschechisch. „Man muss offen auf die Leute zugehen, dann klappt das auch.“ Schnell konnte er in Tschechien mitarbeiten.

Auslandspraktikum

Dass Auszubildende ein Praktikum im Ausland machen, ist ausdrücklich erwünscht. Bis zu ein Viertel der Ausbildungszeit sind möglich, wenn der Arbeitgeber mitspielt.

Die Praktika sind ausdrücklich ein „Arbeitsaufenthalt“, wie Nadine Rosell von der IHK betont. Die Wochen sind also Arbeitszeit, Urlaub dafür zu nehmen ist nicht erlaubt.

Die Kosten für Anreise und Unterkunft muss theoretisch der Auszubildende bezahlen. Doch es gibt Fördertöpfe, die gut gefüllt sind. Die EU stellt im Rahmen des Programms „Erasmus+“ jährlich 30 Milliarden Euro zur Verfügung.

Wer ein Auslandspraktikum plant, bekommt Hilfe bei der IHK und der Handwerkskammer sowie bei den meisten Berufsschulen. Sie kennen sich aus mit der Suche nach Stellen und Geldgebern.

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Nadine Rosell ist Mobilitätsberaterin bei der IHK in Münster. "Die meisten kommen gestärkt und selbstbewusster zurück", sagt sie.

Nadine Rosell ist Mobilitätsberaterin bei der IHK in Münster. "Die meisten kommen gestärkt und selbstbewusster zurück", sagt sie. Foto: IHK/Grundmann

Viel Unterstützung

Mit der Verwirklichung des dreiwöchigen Ausflugs hatte er wenig Arbeit. Weil die Bedeutung derartiger Praktika allgemein gesehen wird, gibt es organisatorische und finanzielle Hilfen unter anderem von den Berufsschulen und den Kammern. Dennoch nutzen nach Angaben von Mobilitätsberaterin Nadine Rosell nur sechs Prozent der Auszubildenden die Chance – angestrebt würden zehn Prozent.

Idee kam per Zufall

Judith Sundermann ist eher zufällig auf den Gedanken gekommen. Also wandte sie sich an die IHK und bekam Kontakt zu einer Organisation, die sich dann um alles kümmerte: Praktikumsstelle, Anreise, Gastfamilie in Schweden. Von Mitte April bis Mitte Mai arbeitete sie vier Wochen lang in einem Architekturbüro. Da war alles anders. Gewohnt ist sie die großen Dimensionen ihres Arbeitgebers AGN Niederberghaus & Partner – jetzt war sie in einem ganz kleinen Büro. Dazu die flachen Hierarchien, eine viel stärkere Trennung von Freizeit und Arbeit, die fremde Umgebung, eine andere Software: „Das Drumherum war völlig anders.“

Judith Sundermann

Judith Sundermann Foto: Gunnar A. Pier

„Mir wurde gesagt, ich sei eine Hilfe“

Dennoch bekam die Westerkappelnerin, die voraussichtlich Ende Januar ihre Ausbildung abschließt, eigene Aufgaben in größeren Projekten. „Mir wurde gesagt, ich sei eine Hilfe“, erklärt sie – und strahlt.

Dass sie nach diesen vier Wochen verändert zurück kam, zeigt sich auch an den nächsten Reiseplänen der bisher so reiseunlustigen Münsterländerin: Vier Wochen Thailand stehen auf dem Zettel . . .

Kommentar: Macht euch auf den Weg!

Manchmal muss man sich eingestehen, alt genug zu sein für einen altväterlich klingenden Rat. Also: Liebe junge Menschen, nutzt die Chancen und wagt ein Praktikum im Ausland! Nur sechs Prozent tun es? Das ist traurig.

Dass die Welt immer internationaler wird und selbst der kleine Handwerker in der münsterländischen Provinz nicht mehr ohne das Ausland auskommt, ist die eine Sache. In der globalisierten Welt kommt besser zurecht, wer davon etwas gesehen hat.

Aber es ist noch mehr. Die Erfahrung, auch in der Fremde klarzukommen, gibt einem Kraft und Selbstbewusstsein. Wer gelegentlich die Komfortzone verlässt, sich „in Gefahr“ begibt und feststellt, dass das unversehrt zu überstehen ist, kommt gestärkt zurück.

Nie war all das einfacher als heute. Wer ein Praktikum im Ausland machen möchte, muss sich dank der vielen angebotenen Hilfen nicht um viel kümmern. Und es kostet kein Geld, weil etwa die EU zuzahlt. Es kostet nur etwas Mut und Initiative.

Also, liebe junge Leute, rafft Euch auf, macht Euch auf den Weg in die Welt! Die Türen stehen offen, Ihr müsst nur eintreten.

Gunnar A. Pier

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