Herpesvirus bei Pferden
„80 bis 90 Prozent enden tödlich“

Lienen/Tecklenburger Land -

Das Equine Herpesvirus beschert Pferdebesitzern Sorgenfalten auf der Stirn. Jüngst gab es Meldungen vom Krankheitsausbruch in Recklinghausen, im Kreis Borken und Kleve. Das NRW-Landgestüt in Warendorf hat sogar vorsorglich seine Ställe für Besucher geschlossen. Im Tecklenburger Land gibt es noch keine bestätigten Fälle.

Dienstag, 14.01.2020, 06:11 Uhr aktualisiert: 14.01.2020, 07:00 Uhr
Tröpfcheninfektion: Übertragen werden die Herpesviren unter anderem durch direkten Kontakt.
Tröpfcheninfektion: Übertragen werden die Herpesviren unter anderem durch direkten Kontakt. Foto: Julia Siomuha

In seiner mehr als 25-jährigen Laufbahn sind dem Mettinger Tierarzt Ansgar Reyering schon Fälle des Virus untergekommen. Er weiß: „In 80 bis 90 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich.“ Denn mit dem bei Menschen bekannten Lippenherpes hat diese Erkrankung nichts zu tun (siehe Infokasten). „Die Erkrankung gehört zur Familie der Herpesviren, wir sprechen aber vom Equinen Herpesvirus EHV 1 oder EHV 4“, erläutert Reyering.

Ausbrechen kann die Virusinfektion durch sogenannte latent infizierte Virusträger. Das bedeutet, dass ein Pferd schon einmal in Kontakt mit den Viren gekommen ist, die Erkrankung aber nicht oder nur in schwacher Form ausgebrochen ist. Die Viren blieben aber im Körper des Tieres und brechen in der Regel bei einer Herabsetzung des Immunsystems, zum Beispiel bei Stress, aus. „Dann können diese Pferde zum Ausscheider von Viren werden, ohne selbst klinisch krank zu sein“, erklärt der Tierarzt.

EHV 1 und EHV 4

EHV 1 ist eine Nasen-, Rachen- und Atemwegserkrankung. Bei trächtigen Stuten führt es zum Abort des Fohlens (Verfohlen). EHV 4 ist eine Entzündung im Nasen- und Rachenbereich. „Die Pferde zeigen Fieber bis zu 40,5 Grad“, so Reyering. Zudem können, zwar seltener, auch Gleichgewichtsstörungen auftreten, bis zum Festliegen in der Box, also dass das Tier es aus eigener Kraft nicht mehr schafft aufzustehen. Übertragen wird das Virus durch eine „Tröpfcheninfektion“. Also durch direkten Kontakt mit einem infizierten Tier. Nachweisbar ist es nur durch eine Blut- oder einer Nasentupferprobe. Behandelt werden können nur die Krankheitssymptome, wie zum Beispiel das Fieber.

Die Meinungen über die Impfung gehen auseinander. Kritiker bemängeln Impfschäden durch den Impfstoff. Reyering führt dies zum einen auf einen älteren Impfstoff zurück, der früher noch nicht so ausgereift war und deswegen in Verruf geraten ist. Der heutige Impfstoff sei weiter entwickelt und vom anerkannten Paul-Ehrlich-Institut geprüft und genehmigt. Entscheidet sich ein Pferdehalter für die Impfung, muss er für einen wirksamen Impfschutz die Impfabstände einhalten: Drei Impfungen für die Grundimmunisierung, dann die halbjährliche Wiederholung.

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Gravierende Auswirkungen

Ist ein Herpesfall diagnostiziert, dann hilft nur noch Hygiene und Quarantäne, um die Ausbreitung zu verhindern. Für einen betroffenen Stall ist das ein hartes Los, denn Reyering, der nicht nur Tierarzt ist, sondern auch selbst passionierter Züchter von Sportpferden, weiß: „Kommt es zu einem Ausbruch der Krankheit, dann ist der Schaden sehr groß.“ In der Regel bleibt es nämlich nicht bei der Erkrankung eines Pferdes. Reyering erinnert sich an einen Zuchtbetrieb, in dem es vor vielen Jahren durch die Erkrankung zu einem „seuchenhaften Verfohlen“ der trächtigen Stuten kam. Ein wirtschaftlicher, aber auch emotional herber Schlag in die Magengrube.

Die Herpesinfektion ist weder melde- noch anzeigepflichtig. Deswegen führt auch das Kreis Veterinäramt in Steinfurt keine Statistiken über Erkrankungen und Todesfälle. „Es gibt eine wirksame Impfung“, erklärt Dr. Christoph Brundiers, Amtsleiter Veterinär- und Lebensmittelüberwachung, warum die Virusinfektion EHV 1 oder EHV 4 nicht melde- bzw. anzeigepflichtig ist.

Plädoyer für Meldepflicht und Impfung

Ansgar Reyering hält zumindest eine Meldepflicht für sinnvoll. „Das wäre schon gut“, sagt der Tierarzt. Zu einer Impfung rät er, spricht dabei aber bewusst von einer „Bestandsimpfung“. „Es hilft nicht viel, wenn von 20 Pferden nur eines geimpft ist“, weiß der Tierarzt. Zwar gibt es durch die Impfung keinen 100-prozentigen Garantieschein, dass das geimpfte Pferd vielleicht nicht doch einmal erkranken könnte. Aber das Immunsystem würde zumindest gestärkt. Reyering hat seine Zuchtstuten und die Jährlinge oder Zweijährigen, die im direkten Kontakt zu diesen stehen, geimpft.

Die Impfung ist prophylaktisch. Bislang hat Reyering in seinem Einzugsgebiet noch keine akuten Herpesfälle gemeldet bekommen. Erlebt hat er sie aber in seiner Tierarztlaufbahn schon. Meist mit einem traurigen Ausgang.

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