Broschüre soll Lehrern helfen
Erste Hilfe bei Antisemitismus

Münster -

Auf den Schulhöfen und in den Schulklassen im Regierungsbezirk Münster macht sich der Antisemitismus breit. Regierungspräsidentin Dorothee Feller sagte am Mittwoch in Münster, es gebe Situationen, in denen Lehrerinnen und Lehrer mit Dingen, die auf dem Schulhof passieren, überfordert seien. „Wir haben festgestellt, dass Lehrerinnen und Lehrer hilflos sind, wie sie darauf reagieren sollen.“ Eine 29-seitige Broschüre soll den Pädagogen in Zukunft aus der Bredouille helfen.

Mittwoch, 15.01.2020, 18:20 Uhr aktualisiert: 15.01.2020, 20:15 Uhr
Broschüre soll Lehrern helfen: Erste Hilfe bei Antisemitismus
Margarita Voloj führt regelmäßig Schüler durch die Synagoge in Münster. Einige von ihnen zeigen sich bei den Führungen offen antisemtisch. Foto: hpe

Sharon Fehr bezeichnet das Heft als „starkes Signal zur richtigen Zeit“. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster sagte: „Es zeigt, dass wir jüdischen Gemeinden im Kampf gegen den Antisemitismus nicht alleine sind.“ Diese möchten den Antisemitismus „dahin zurückzudrängen, wo er hingehört: in die Mottenkiste“.

Margarita Voloj führt regelmäßig Schüler durch die Synagoge in Münster. Dort spucken Jugendliche schon mal in eine Kippa oder weigern sich, sich eine Kopfbedeckung von „dreckigen Juden“ aufsetzen zu lassen, wie sie erzählt. „Antisemitismus gab es immer schon“, sagt die ehemalige Lehrerin aus Freckenhorst. Aber anders als früher nicht mehr hinter vorgehaltener Hand. „Jetzt wird es direkt gesagt,“ berichtet sie. Weil viele Lehrerinnen und Lehrer in solchen Situationen nicht wüssten, was sie tun sollen, kümmert sich Voloj selbst: „Es ist meine Aufgabe, dagegen anzugehen mit meiner ganzen Kraft“, sagte sie am Mittwoch.

Ab dem 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, soll sie Unterstützung bekommen. Dann wird die Broschüre an alle Grund- und weiterführenden Schulen im Regierungsbezirk geschickt. Regierungspräsidentin Feller verspricht sich viel von der neuen Broschüre, die den Lehrern helfen soll, die richtigen Worte zu finden und die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.

Margarita Voloj

Margarita Voloj Foto: Stefan Werding

Wolfgang Weber , Leiter der Schulabteilung bei der Bezirksregierung Münster, sagt: „Bei Antisemitismus sind die Vorfälle der Polizei und der Schulaufsicht zu melden“, erklärt er. Wenn eine Schule darauf verzichtet, weil sie ihren Ruf retten will, sei das genau der falsche Weg. „Wir werben dafür, offen damit umzugehen“, sagte er. Parallel dazu gebe es pädagogische Möglichkeiten, Schüler dazu zu bringen, über das nachzudenken, was sie tun. „Sie wissen oft nicht, was hinter ihren Beleidigungen steckt. Das in der Schule zu vermitteln, ist ganz wichtig,“ sagt Weber. Das könnten Gespräche mit den diskriminierenden und diskriminierten Schülern leisten oder das könnte auch Thema in der Klasse werden.

Das Heft ist ein Baustein in der Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Zusätzlich können sie sich schon seit über 20 Jahren in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel fortbilden, können in allen möglichen Projekten mehr erfahren nicht nur über den Holocaust, sondern über jüdisches Leben vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Eine Broschüre zum Umgang mit Antisemitismus an Schulen stellten (v.l.) Christioph Spieker, Regierungspräsidentin Dorothee Feller, Judith Neuwald-Tasbach, Schulabteilungsleiter Wolfgang Weber, Sharon Fehr, Margarita Voloj und Kim Keen vor. Foto: Regierungspräsidium Münster

Seit Mittwoch läuft im Foyer der Bezirksregierung am Domplatz in Münster eine Sonderausstellung des United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. Sie ist montags bis freitags geöffnet von 9 bis 16 Uhr, samstags von 9 bis 13 Uhr und endet am 15. Februar.

Kommentar: Weghören hilft nicht

Dass einem der Atem stockt und die Worte fehlen, wenn Juden beschimpft, Judenwitze gemacht oder Schüler als „Du Jude“ beschimpft werden, ist nur menschlich. Warum sollte es Lehrerinnen und Lehrern da anders ergehen?

In den Schulen im Regierungsbezirk Münster fallen mehr antisemitische Äußerungen als noch vor wenigen Jahren. Darum ist es richtig, Lehrerinnen und Lehrer stark zu machen für den Widerspruch. Eine 29-seitige Broschüre kann das Problem bestimmt nicht lösen. Soll sie auch nicht. Sie berührt nur einen Aspekt eines komplizierten Themas. Aber sie ermuntert dazu, solche Äußerungen, die sich an allen Ecken und Enden in unseren Alltag drängeln, nicht länger zu überhören. Stattdessen ist es endlich an der Zeit, in die Offensive zu gehen, zu widersprechen und sich solche unwürdigen Bemerkungen nicht länger gefallen zu lassen.

Das gilt nicht nur für den Schulhof. Sondern auch für die Kantine, den Bus oder Zug, die Fußgängerzone, den Sportplatz, den Konzertsaal, das Internet. Respekt für den Anderen ist zentrales Element unserer gemeinsamen  Wertevorstellungen. Es lohnt sich, dafür mutig zu sein.

Stefan Werding

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