Beamte gingen Hinweisen nicht nach
Terrorverdächtiger: Pannen bei der Polizei in Hamm

Hamm/Minden -

Im Polizeipräsidium Hamm sind konkrete Hinweise auf einen Beamten, der sich möglicherweise radikalisiert hat, nicht ernst genommen worden. Experten versuchen jetzt zu klären, welche Abfragen er in den polizeilichen Computersystemen gemacht hat.

Freitag, 21.02.2020, 08:16 Uhr aktualisiert: 21.02.2020, 08:32 Uhr
Beamte gingen Hinweisen nicht nach: Terrorverdächtiger: Pannen bei der Polizei in Hamm
Die Polizei Hamm zeigt sich im Umgang mit einem Mitarbeiter, der Mitglied einer rechten Terrorzelle gewesen sein soll, selbstkritisch.(Symbolbild) Foto: dpa

Im Polizeipräsidium Hamm sind konkrete Hinweise auf einen Beamten, der sich möglicherweise radikalisiert hat, nicht ernst genommen worden. Experten versuchen jetzt zu klären, welche Abfragen er in den polizeilichen Computersystemen gemacht hat.

Der 50-Jährige gehört zu den zwölf Verdächtigen, die seit Samstag wegen Terrorverdachts in Untersuchungshaft sitzen. Ihm wird die Unterstützung einer rechtsterroristischen Gruppe vorgeworfen, die Morde an Politikern und Muslimen geplant haben soll.

Thorsten W. hatte in den 90ern eine Ausbildung zum Polizisten absolviert. Doch bevor er als Polizist ver­beamtet und eingesetzt wurde, entschied er 1995, sich beruflich neu zu orientieren und machte eine Verwaltungsausbildung. Zuletzt arbeitete er im Polizeipräsidium Hamm als Verwaltungsbeamter in der Direktion Verkehr. Er sei mit der Bearbeitung von Ordnungswidrigkeitsanzeigen beauftragt gewesen, heißt es bei der Polizei. In sozialen Netzwerken trat er vor allem als Mittelalterfreund auf.

2018 erfuhr die Polizei von Bürgern, dass Thorsten W. auf seinem Balkon zwei Reichskriegsflaggen aufgehängt hatte. Die Flagge hat ihren Ursprung im Kaiserreich, und das Zeigen ist erlaubt, soweit es sich um eine Version ohne Hakenkreuz handelt. Weil die Flagge bereits in der Weimarer Republik von rechtsextremen Organisationen als Identifikationssymbol benutzt wurde, wird sie bis heute mit rechtsextremen Gruppen in Verbindung gebracht.

Kollegen sprachen Auffälligkeiten nicht an

Kripobeamte machten Fotos von den Flaggen und vom Klingelschild ihres Kollegen. Seinen Namen hatte W. in einer Art Sütterlin geschrieben, und an seinem Briefkasten wies er darauf hin, dass er „keine Lügenpresse“ und „keinen Flüchtlingsbericht der Stadt Hamm“ haben wolle.

Die Kriminalbeamten kamen zu dem Schluss, dass sich Thorsten W. nicht strafbar gemacht hatte – und unternahmen deshalb nichts. Sie sollen nicht einmal ein Gespräch mit ihrem Kollegen geführt haben. Der Vorgang soll auch nicht schriftlich festgehalten worden sein.

Die Flaggen waren aber nicht die einzigen Auffälligkeiten. Der Beamte soll Aufkleber mit germanischen Runen an seinem Wagen gehabt haben, und später fiel einem Vorgesetzten in der Direktion Verkehr auf, dass Thorsten W. die Europaflagge am Kennzeichen seines Autos überklebt hatte. Der Vorgesetzte wies Thorsten W. darauf hin, dass das nicht gehe, und der brachte das Kennzeichen wieder in Ordnung – das war’s. Niemand informierte den für politische Straftaten zuständigen Staatsschutz des Polizeipräsidiums Dortmund, um Thorsten W. durchleuchten zu lassen. „Das war sicherlich ein Fehler“, gibt Polizeisprecher Hendrik Heine zu.

Auf Anweisung des NRW-Innenministeriums durchleuchten jetzt Mitarbeiter des Landeskriminalamts, des Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste und des Landesamts für Aus- und Fortbildung der Polizei das Polizeipräsidium Hamm. Sie wollen die Pannen aufklären und herausfinden, welche Möglichkeiten Thorsten W. hatte, auf polizeiliche Datenbanken zuzugreifen und wie er sie genutzt hat.

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