Landesregierung schließt Westfleisch
„Vorgaben wurden nicht beachtet“

Kreis Coesfeld -

151 Mitarbeiter des Westfleisch-Schlachtbetriebs in Coesfeld sind infiziert – die Folgen spüren nun über 200.000 Menschen im ganzen Landkreis: Die Pandemie-Einschränkungen gelten im Kreis Coesfeld eine weitere Woche lang. Und das ist nur eine der restriktiven Maßnahmen, mit der die Landesregierung auf die Vorfälle reagiert. Zugleich ist eine heftige Diskussion um den künftigen Umgang mit fleischverarbeitenden Betrieben entbrannt.

Freitag, 08.05.2020, 19:20 Uhr aktualisiert: 08.05.2020, 21:23 Uhr
Im Westfleisch-Betrieb in Coesfeld wurden über 150 Infizierte ermittelt.
Im Westfleisch-Betrieb in Coesfeld wurden über 150 Infizierte ermittelt. Foto: dpa

Schlachthof-Betreiber Westfleisch, ein international handelnder Branchengigant mit Sitz in Münster, hat bis zuletzt betont, sich an alle Hygienevorschriften zu halten. Die Verläufe seien vergleichsweise mild, erklärte ein Firmensprecher noch am Donnerstag. Das sah die Bezirksregierung anders: „Eine Kontrolle des Betriebs durch Arbeitsschützer der Bezirksregierung am Freitag hatte unter anderem ergeben, dass Infektionsschutzvorgaben sowohl im Zerlegebetrieb als auch in den Umkleiden nicht beachtet wurden“, teilte die Behörde am Abend mit.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann griff durch: Der Schlachtbetrieb mit rund 1200 Mitarbeitern wird vorübergehend geschlossen. Doch damit nicht genug: Die Mitarbeiter aller Schlachtbetriebe in Nordrhein-Westfalen sollen auf das Virus getestet, die Sammelunterkünfte auf die Einhaltung von Hygienemaßnahmen überprüft werden.

Damit kommen die NRW-Verantwortlichen ein Stück weit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zuvor, der am Rande eines Auftritts im Saarland deutliche Worte fand: „Wenn es nicht allen Verantwortlichen vor Ort gelingt, zügig jeden Infektionsherd in den Griff zu bekommen, dann wird sich sicher irgendwann auch die Frage nach den Verantwortlichkeiten dafür stellen“, sagte der CDU-Politiker, der aus dem benachbarten Kreis Borken stammt. „Wir haben ja an den Ausbruchgeschehen in Gangelt, Heinsberg oder Mitterteich gesehen, wie einzelne kleine Ausbruchsherde, die am ersten Tag noch aussahen, als hätte man sie leicht im Griff, weit über die lokalen Ebene hinaus gehen. Und deshalb kann ich jedem nur empfehlen, bei einem solchen Ausbruchsgeschehen sehr konsequent zu sein und dann eben nicht einfach weiter zu machen.“

Karl Josef Laumann greift durch.

Karl Josef Laumann greift durch. Foto: dpa

Kritik vom Sozialpfarrer

Ähnlich äußerte sich Sozialpfarrer Peter Kossen aus Lengerich, der sich seit langem um die Arbeitsbedingungen von osteuropäischen Arbeitnehmern in hiesigen Betrieben kümmert. „Der Vorfall in Coesfeld wird nur der Anfang sein“, warnte er in einer Pressemitteilung. Angesichts prekärer Wohnverhältnisse und harter Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie befürchte er eine Vielzahl schwerer Verläufe der Corona-Erkrankung bei den Arbeitern.

"Enorm wichtig" für scheinehaltende Betriebe

Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) forderte indes, dass der Weiterbetrieb von Schlachthöfen trotz Corona gewährleistet wird. Für die schweinehaltenden Betriebe sei es „enorm wichtig, dass der Schlachtbetrieb von Westfleisch möglichst umfassend aufrechterhalten bleibt“, sagte WLV-Präsident Hubertus Beringmeier. Rund 1000 Schweinemäster aus Westfalen-Lippe beliefern nach WLV-Angaben den Westfleisch-Standort Coesfeld.

Dass der Fall in Coesfeld nicht alleine steht, ist schon jetzt klar. So wurden in einem Westfleisch-Werk in Oer-Erkenschwick bei 1650 Mitarbeitern 33 Infizierungen festgestellt. Und in einer Unterkunft in Hörstel für Saisonkräfte, die nicht im Fleischbereich arbeiten, wurden von 39 Bewohnern zehn positiv getestet.

Generalverdacht

Deutschlands größter Fleischverarbeiter Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück betonte derweil: „Wir wurden in der Ernährungsindustrie vor acht Wochen aufgefordert, während des Lockdowns weiter zu arbeiten, so wie Krankenhäuser, Pflegeheime und die Energieversorgung.“ Sprecher André Vielstädte: „Im Lichte dieses bekannten Zielkonflikts darf nicht eine ganze Branche nun unter Generalverdacht gestellt werden.“

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