Kritik an Fleischindustrie
Gericht nennt Westfleisch-Betrieb „erhebliche epidemiologischen Gefahrenquelle“

Münster/Coesfeld -

Mehr Tests – mehr erkannte Infektionen: Die Serie der Corona-Erkrankungen im Coesfelder Westfleisch-Schlachtbetrieb reißt nicht ab. Am Sonntagnachmittag meldete der Kreis über 200 Fälle. Das feuert die Diskussion über Arbeits- und Hygienebedingungen in der gesamten Fleischverarbeitungs-Branche weiter an.

Sonntag, 10.05.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 11.05.2020, 07:23 Uhr
Geschlossen: Das „Fleischcenter Coesfeld“ des Westfleisch-Konzerns darf seit Samstag vorerst nicht mehr produzieren.
Geschlossen: Das „Fleischcenter Coesfeld“ des Westfleisch-Konzerns darf seit Samstag vorerst nicht mehr produzieren. Foto: imago images/Kirchner-Media

Das Verwaltungsgericht Münster hat derweil einen Eilantrag der Firma Westfleisch gegen die befristete Schließung des Betriebs in Coesfeld abgelehnt.

Werk musste schließen

Vor gut einer Woche war aufgefallen, dass das Virus in der Fabrik mit rund 1200 Beschäftigten grassiert. Bis Freitag wurden 151 Fälle gezählt – da schritt die Landesregierung ein: Das Werk musste schließen. Die entsprechende Ordnungsverfügung wurde nach Angaben der Kreisverwaltung in der Nacht zu Samstag zugestellt. Bis einschließlich 17. Mai seien Schlachtung, Zerlegung, Verpackung, Verladung und Versand am Standort in Coesfeld komplett untersagt. Restliches Fleisch dürfe noch abtransportiert werden.

Per Eilantrag ging das Unternehmen, ein international aufgestellter Branchengigant mit Sitz in Münster, gegen die Verfügung vor und argumentierte nach Angaben des Verwaltungsgerichts Münster mit wirtschaftlichen Erwägungen. Doch die Richter lehnten den Antrag ab. Die auf dem Infektionsschutzgesetz beruhende Schließungs-Verfügung sei „nach Aktenlage aller Voraussicht nach rechtmäßig“, teilte das Gericht am Sonntag in Münster mit.

Das Amt für Arbeitsschutz habe bei einer Überprüfung festgestellt, dass es sowohl im Bereich des Zerlegebandes als auch in den Umkleiden Probleme gebe, den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten. Die Mund-Nasen-Schutzmasken würden am Zerlegeband nicht korrekt getragen. Die Firma sei nicht in der Lage gewesen, Infektionsschwerpunkte zu benennen. Der Betrieb sei „aufgrund ersichtlich unzureichender Vorsichtsmaßnahmen“ zu einer „erheblichen epidemiologischen Gefahrenquelle“ nicht nur für die Belegschaft geworden.

Gesamte Branche im Visier

Durch die Zustände im Coesfelder Westfleisch-Werk ist die gesamte Branche in den Fokus geraten. NRW-Verbraucherschutzministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) nannte die Schlachthöfe in Deutschland „Infektions-Hotspots“.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ordnete am Freitag an, dass alle Schlachthof-Mitarbeiter in Nordrhein-Westfalen auf das Virus getestet werden sollen – das sind bis zu 20 000 Menschen. In allen Sammelunterkünften der Fleischbranche sowie bei Erntehelfern sollen die Hygiene­maßnahmen überprüft werden.

Ein Mammutprojekt, das umgehend angegangen wurde. Am Samstag waren nach Angaben des Kreises Coesfeld alleine dort mehrere Teams des Kreisgesundheitsamtes unterwegs, um die Arbeiter des betroffenen Betriebes in ihren verstreut im Kreis Coesfeld liegenden Unterkünften zu testen und über die Quarantäne zu belehren, sagte ein Sprecher. Die Arbeiter sind nach Angaben von Westfleisch mehrheitlich in Wohnungen mit drei, vier oder fünf Personen untergebracht. Bis Sonntag waren 952 Abstriche genommen und 211 Ansteckungen nachgewiesen.

Massive Kontrollen

Auch in anderen Kreisen wurde massiv kontrolliert. Beispiel Borken, wo übrigens auch zahlreiche Mitarbeiter des Coesfelder Werks untergebracht sind: Hier wurden am Samstag 329 Beschäftigte von drei fleischverarbeitenden Betrieben in Schöppingen getestet. Dabei halfen 25 Einsatzkräfte des Deutschen Roten Kreuzes. Jeweils einen positiven Befund gab es nach Angaben des Kreises in Ahaus und Borken, sechs in Gescher und zwei in Legden. Im Kreis Steinfurt wurden die ersten rund 200 Tests in Unterkünften durchgeführt.

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