Beschäftigte bei Westfleisch
Pfarrer Kossen: „Keiner fühlt sich für Arbeiter zuständig“

Coesfeld -

Schon seit Wochen warnt der Lengericher Pfarrer Peter Kossen vor massenweisen Corona-Infizierungen bei osteuropäischen Arbeitsmigranten. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Montag, 11.05.2020, 19:00 Uhr aktualisiert: 11.05.2020, 19:20 Uhr
Beschäftigte bei Westfleisch: Pfarrer Kossen: „Keiner fühlt sich für Arbeiter zuständig“
Pfarrer Peter Kossen: „Die Arbeitsmi­granten ertragen viel und nehmen die schlechten Situationen auf sich, weil für einen Klageweg das Geld fehlt und sie sich nicht zu helfen wissen.“ Foto: Leon Seyock

Schon seit Wochen warnt er eindringlich vor massenweisen Corona-Infizierungen von osteuropäischen Arbeitsmigranten in Großbetrieben. Und dass Peter Kossen , Pfarrer in Lengerich, damit recht behalten sollte, hat sich nun mit dem Corona-Ausbruch unter den Beschäftigten bei Westfleisch gezeigt. Am Montag waren 254 von rund 1200 Mitarbeitern positiv auf das Coronavirus getestet. Kossen hat sich als Sozialpfarrer jahrelang für besseren Schutz von Arbeitsmigranten einsetzt. Unser Redaktionsmitglied Leon Seyock hat mit Kossen darüber gesprochen.

Wie bewerten Sie die Schließung des Fleischzen­trums in Coesfeld?

Peter Kossen: Natürlich war es richtig und wichtig, dass Gesundheitsminister Laumann Druck gemacht und der Landrat die Einstellung des Betriebes verordnet hat. Auch wenn sicherlich viel Mut dazugehört, einen Betrieb dieser Größe zu schließen, kam dieser Schritt viel zu spät. Das hätte schon passieren müssen, als die ersten Symptome einer Infektion unter Arbeitern bekannt wurden.

Wer hat aus Ihrer Sicht versagt, sodass es zu solch einer Ausbreitung unter den Beschäftigten kommen konnte?

Kossen: Westfleisch selbst hätte sich viel früher seiner Verantwortung bewusst sein müssen. Der Betrieb wirbt mit Nähe zu Bauern – von Solidarität kann in diesem Fall aber nicht die Rede sein. Nicht nur der Betrieb, sondern die Gesellschaft als Ganzes hat hier versagt. Den Preis für billiges Fleisch und billige Wurst zahlen die Arbeitsmigranten mit ihrer Gesundheit. In diesem Fall ist der Gesetzgeber gefragt, der den Rahmen von Vertrags- und Leiharbeit dringend einschränken muss. Denn keiner fühlt sich zuständig für die Arbeiter. Das muss klar geregelt sein.

In welcher Situation befinden sich die Leiharbeiter und Arbeitsmigranten?

Kossen: Personaldienstleister, durch die ein Großteil der Beschäftigten bei Westfleisch angestellt ist, öffnen die Tore zum Menschenhandel. Das grenzt an moderne Sklaverei. 60 Stunden Arbeit an sechs Tagen in der Woche sind keine Seltenheit. Auch die Transportwege sind infrage zu stellen; in vollen Bussen werden die Arbeiter zu und von der Arbeitsstelle gekarrt. Dazu kommt, dass sie mit zu vielen Personen in einer Wohnung untergebracht sind. Die Arbeitsmi­granten ertragen viel und nehmen die schlechten Situationen auf sich, weil für einen Klageweg das Geld fehlt und sie sich nicht zu helfen wissen. In Fällen einer Pandemie sind sie deshalb besonders anfällig für Ansteckungen.

Was fordern Sie, um die Bedingungen zu verbessern?

Kossen: Bei den Wohnverhältnissen ganz klar: eine Person – ein Raum. Es muss überprüft werden, ob umliegende Hotels freie Kapazitäten haben. Auch der soziale Wohnungsbau ist ein Thema, das verfolgt werden muss. Besonders prekär wird es, wenn die Familien der Leiharbeiter aus Osteuropa nachziehen. Ich kenne Leute, die seit zehn Jahren bei Westfleisch beschäftigt sind, aber keine Chance haben, Deutsch zu lernen. Durch die unwürdigen Arbeits- und Wohnverhältnisse fehlen ihnen die Regeneration und die Möglichkeit, die deutsche Sprache zu erleben. Dadurch wird eine Subkultur geschaffen, die es nicht geben darf.

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