Tischlerin Naima Waage ist eine von etwa 100 Wandergesellinnen in Deutschland
„Die größte Freiheit der Welt“

Ochtrup -

Naima Waage ist eine von etwa 100 Wandergesellinnen in Deutschland. Jüngst machte die 23-jährige Tischlerin Station in Ochtrup. Neben ihrer täglichen Arbeit in der Tischlerei von Andreas Focke in Welbergen war die junge Frau auch ehrenamtlich tätig. Im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten hat sie von diesem Projekt und dem Leben auf der Walz berichtet.

Samstag, 23.05.2020, 06:21 Uhr aktualisiert: 23.05.2020, 12:03 Uhr
Naima Waage war als Wandergesellin in Ochtrup zu Gast. Bei der Tischlerei Focke in Welbergen hat sie Tische für das Nähcafé gefertigt. Mit Stenz und Charlie setzt sie jetzt ihren Weg in Richtung Bodensee fort.
Naima Waage war als Wandergesellin in Ochtrup zu Gast. Bei der Tischlerei Focke in Welbergen hat sie Tische für das Nähcafé gefertigt. Mit Stenz und Charlie setzt sie jetzt ihren Weg in Richtung Bodensee fort. Foto: Alex Piccin

„Moin. Ich komme aus Hamburch“, stellt sich Naima Waage im typischen Zungenschlag der Hansestadt vor. In ihrer Kluft mit Stenz und Charlie fällt sie augenblicklich auf. Die 23-Jährige ist gelernte Tischlerin und eine, so schätzt sie, von 100 Wandergesellinnen in Deutschland. Sie befindet sich seit etwa anderthalb Jahren auf der Walz. Jetzt war sie für drei Wochen in Ochtrup.

Der Grund war eine Anfrage Bettina Flugs . Deren Sohn Alex ist ebenfalls auf Wanderschaft und bei einem Treffen der Wandergesellen haben sich die beiden Frauen kennengelernt. Bettina Flug war unter anderem Mitorganisatorin des Internationalen Cafés, das im November 2017 nach eigenen Angaben wegen Erfolgs ausgesetzt worden ist, da die Kontakte mittlerweile sicher geknüpft seien. Ein Interkulturelles Nähcafé „Zick Zack“ soll die Nachfolge bilden, und hier kommt Naima Waage ins Spiel.

Möbel für das Nähcafé

Das neue Nähcafé benötigt Möbel. Also hat sich die 23-Jährige um die Herstellung mehrerer Stücke gekümmert. Dazu durfte sie die Werkstatt der Tischlerei von Andreas Focke in Welbergen nutzen. „‚Klar kannst du hier bauen‘, haben sie mir da gesagt. Ich musste nicht lange betteln“, freut sich Naima Waage, ein tolles Team kennengelernt zu haben. Es sei nicht selbstverständlich, eine fremde Werkstatt für eigene Projekte nutzen zu dürfen, ohne dass die Firma etwas daran verdiene.

Es ist auch an der Zeit, mit dem Vorurteil aufzuräumen, Wandergesellen dürften keine Einnahmen erzielen. Für das Nähcafé hat Naima Waage ehrenamtlich einen Teil der Einrichtung hergestellt, bekommt dafür Kost und Logis bei Bettina Flug. In anderen Fällen kann sie auch für einen bestimmten Zeitraum angestellt werden oder schreibt Rechnungen. Längstens ist die junge Frau vier Wochen an einem Ort geblieben: „Die Straße hat mich immer weitergezogen.“ Dann geht es weiter zum nächsten Ort oder Auftrag quer durch Deutschland und theoretisch auch die Welt, in der Regel per Anhalter. Grenzen gibt es keine.

Die vermeintlichen Entbehrungen empfindet Naima Waage als Luxus. Sie hat kein Smartphone bei sich und könnte im Prinzip arbeiten und aufstehen, wann sie möchte. Jeder Tag wird neu organisiert. Die minimalistische Lebensart lässt sie auf wichtige Dinge achten: „Es ist die größte Freiheit der Welt, aber auch eine Bürde in einem unfreien System mit Job, geregeltem Tagesablauf, Terminen und ständiger Erreichbarkeit.“

Unterwegs in Sachen Weiterbildung

Die Tischlerin lernt unterwegs verschiedene Aspekte der handwerklichen, aber auch künstlerischen Arbeit kennen. Ein Schnitzkurs bei einer Holzbildhauerin war zum Beispiel der Lohn für ihre Unterstützung. Auch hat sie bei einem Restaurator und einer Kunstschmiedin Kniffe und Tricks gelernt. Die Kombination von Metall mit Glas hat nachhaltigen Eindruck bei der Hamburgerin hinterlassen: „Ich schaue, dass ich in Firmen komme, in denen ich etwas lernen kann. Später möchte ich barocke Möbel bauen.“

Für das Nähcafé in der Weinerstraße sind vier Arbeitstische entstanden. Zur neuen Ausstattung gehören ein Multifunktionsstück sowie ein Gestell für einen Raumteiler. „Dieses mit Stoff schick zu machen, wird eines der ersten Nähprojekte sein“, so Bettina Flug. Sie betont, dass das Nähcafé als zeitlich und politisch unabhängiger Untermieter des Grünen-Ortsvereins in der Innenstadt einzieht.

Die neue Begegnungsstätte steht in den Startlöchern, sagt die Initiatorin. Durch die Coronakrise sei die Eröffnung allerdings aufgeschoben worden. Angebote für die Ferienspaß-Aktion seien in Planung. „Dieser Zeitraum könnte auch der Startschuss für das Nähcafé sein“, schätzt Bettina Flug. Wenn irgendwann dieser Einweihungstag gekommen ist, hat sich Naima Waage längst in Richtung Bodensee aufgemacht, um dort als Altgesellin eine Orgelbauerin als Junggesellin in die Wanderschaft einzuführen.

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