Vortrag von Pfarrer Peter Kossen
Mehr Gerechtigkeit ist möglich

Nordwalde -

Zwölf Stunden arbeiten und zwar sechs Tage die Woche und trotzdem in Endlosketten von Befristungen stecken: Es sind Arbeitsbedingungen, die in Deutschland gar nicht möglich sein sollten. Und doch existieren sie durchaus in Branchen wie der Fleischindustrie. Darüber sprach Pfarrer Peter Kossen in der St.-Dionysius-Kirche: „Das Sozialgefälle in Europa wird ausgenutzt, um Menschen auszubeuten und abzuzocken.“

Mittwoch, 16.09.2020, 19:16 Uhr
Rückkehr an die alte Wirkungsstätte: Pfarrer Peter Kossen hielt einen Vor
Rückkehr an die alte Wirkungsstätte: Pfarrer Peter Kossen hielt einen Vor Foto: Vera Szybalski

Für Pfarrer Peter Kossen beginnt der Weg in eine gerechtere Welt damit, ob der Rumäne, der bei Müllers auf dem Hof arbeitet, auch einen Vornamen hat. Ob die Polin, die die Nachbarin pflegt, immer „die Polin“ bleibt. „Es beginnt damit, dass wir die Güter dieser Erde allen zugestehen“, sagte Kossen am Dienstagabend in der St.-Dionysius-Kirche.

Der ehemalige Kaplan in Nordwalde hielt im Zuge der Fairen Woche einen Vortrag zum Thema „Fleischindustrie – moderne Sklaverei?“. Seit vergangenem Freitag findet die Aktionswoche unter dem Motto „Fair statt mehr“ in Nordwalde statt. „Peter Kossen setzt sich seit vielen Jahren für Leiharbeiter und gegen die unmenschlichen Bedingungen in der Fleischindustrie ein“, sagte Lilo Paßlick vom Arbeitskreis Faire Woche.

Das Sozialgefälle in Europa wird ausgenutzt

Kossen schilderte die Bedingungen, unter denen viele Arbeiter aus Ost- und Südosteuropa in Deutschland leben und arbeiten. Dabei scheute er keine klaren Worte. Seinen Vortrag eröffnete Kossen mit einem Blick in die Geschichte. Vor rund 300 Jahren waren es vor allem junge Männer aus dem Münsterland und anderen Regionen, die von wirtschaftlicher Not getrieben in die Niederlande gingen, um Geld zu verdienen. Gut behandelt wurden sie nicht.

Heute sind es Menschen aus Ost- und Südosteuropa, die aus wirtschaftlicher Not in den Westen gehen – mit ebenso drastischen Folgen. „Das Sozialgefälle in Europa wird ausgenutzt, um Menschen auszubeuten und abzuzocken“, sagte Kossen. In der Fleischindustrie gelte: Die Arbeit ist genauso schwer wie vor Jahrzehnten. Sie wird aber deutlich schlechter bezahlt. Denn in Wirtschaftszweigen, wie der Fleischindustrie oder Paketbranche, wurde die Stammbelegschaft durch atypisch Beschäftigte, beispielsweise Leiharbeiter, ersetzt.

Die Menschen werden benutzt und verschlissen.

Pfarrer Peter Kossen

Sie arbeiten manchmal zehn, zwölf bis zu 16 Stunden, eben so lange, bis die Arbeit fertig ist. Und das schon mal sechs Tage die Woche, sagte Kossen. Dann würden sie mitunter zu Wuchermieten wohnen. Und wer auffalle, etwa durch Kritik, werde schnell aussortiert. Die Menschen würden dabei teilweise in Endlosketten von Befristungen stecken. „All das ist in Deutschland eigentlich gar nicht möglich“, betonte Kossen. „Aber die Menschen fliegen unterhalb des Radars.“ Die Mindeststandards würden nicht eingehalten. „Die Menschen werden benutzt und verschlissen.“

Die St.-Dionysius-Kirche war beim Vortrag von Peter Kossen gut besucht.

Die St.-Dionysius-Kirche war beim Vortrag von Peter Kossen gut besucht. Foto: Vera Szybalski

Der Lengericher Pfarrer ging auch auf das Motto „Fair ist mehr“ der Fairen Woche ein und forderte: „Wir müssen über die Art von Wachstum nachdenken.“ Was sei, wenn ein endlicher Planet nicht unendliches Wachstum vertrage? Er sprach sich für ein „qualitatives Wachstum“ aus: „Wenn ich eine hohe Qualität habe, kann ich auf ein Stück Masse verzichten.“

Den Menschen signalisieren: Du bist kein Niemand

Die Menschen müssten sich die Frage stellen, was ihnen Gerechtigkeit wert ist. „Wenn es darum geht, gerechte Rahmenbedingungen zu schaffen, braucht es den wertschätzenden Blick“, sagte Peter Kossen. Die Güter der Erde würden eben allen zustehen. Da könne man nicht unterscheiden zwischen denen, die das Glück hatten, hier groß zu werden, und denen, die die Not hierher getrieben hat. „Es beginnt damit, dass wir den Polen oder Rumänen über alle Sprachbarrieren hinweg ansprechen“, sagte Kossen, um den Menschen zu zeigen: Du wirst gesehen, du bist kein Niemand, sondern Teil dieser Gesellschaft.

„Es ist möglich, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen“, betonte Peter Kossen. „Das ist keine sozialromantische Träumerei. Es geht tatsächlich anders.“ Er hofft, dass die Menschen lernen, „wie überlebenswichtig Solidarität ist“. Denn: „Wir haben kein Knappheitsproblem. Wir haben ein Verteilungsproblem.“

Die Empörung treibt ihn an

Nach seinem Vortrag blieb Zeit für Fragen, die die zahlreichen Besucher in der Kirche auch nutzten. Einer fragte, woher Kossen seinen Mut nehme. „Die Empörung ist etwas, das mich immer noch antreibt“, antwortete der Pfarrer.

  • Der Arbeitskreis Faire Woche überreichte im Anschluss an den Vortrag und die Fragerunde drei Spenden in Höhe von jeweils 1000 Euro an Peter Kossens Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, den Freundeskreis Ghana und den Förderverein Bispinghof.
Peter Kossens Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, der Freundeskreis Ghana und der Förderverein Bispinghof erhielten jeweils eine Spende vom Arbeitskreis Faire Woche.

Peter Kossens Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, der Freundeskreis Ghana und der Förderverein Bispinghof erhielten jeweils eine Spende vom Arbeitskreis Faire Woche. Foto: Vera Szybalski

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