Feuerwächter im Naturpark Hohe Mark
Der Mann auf dem Turm

Kaum einer Landschaftsform setzt Trockenheit so sehr zu wie dem Wald. Die Forstämter der Hohen Mark haben das längst erkannt. Bis in den Oktober hinein beschäftigen sie Feuerwächter – Männer wie Siegfried Körner.

Freitag, 16.10.2020, 09:00 Uhr aktualisiert: 16.10.2020, 13:05 Uhr
Siegfried Körner verschafft sich trotzdem einen Überblick über die Haard im Naturpark Hohe Mark.
Siegfried Körner verschafft sich trotzdem einen Überblick über die Haard im Naturpark Hohe Mark. Foto: Gunnar A. Pier

Oft werde ich gefragt . . .“ Viele Sätze, die Siegfried Körner sagt, beginnen mit diesen Worten. Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn wenn der 73-Jährige erzählt, mit welchem Job er sein Leben als Rentner bereichert, schaut er zunächst einmal in förmlich zu Fragezeichen gewordene Gesichter. „Du bist Feuerwächter??? Was ist denn ein Feuerwächter????“ Eine andere Fragevariante: „Du stehst acht Stunden auf einem Feuerturm?? Was machst du denn da die ganze Zeit???“ „Gucken“, antwortet der gelernte Friseurmeister meistens knapp. „Aufpassen, dass nichts passiert.“ Denn passieren kann in Zeiten, in denen Regen zur sommerlichen Mangelware geworden ist, sehr viel. Brände setzen dem Wald fast so sehr zu wie Schädlinge und Pilzerkrankungen.

Besuch bei Feuerwächter Siegfried Körner auf dem Rennbergturm

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  • Der Weg zur Arbeit ist weit für Feuerwächter Siegried Körner: 167 Stufen sind es bis auf den Rennbergturm.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Rennbergturm nah Haltern ist

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die Aussicht ist großartig. Von seinem Turm aus hat Siegfried Körner einen tollen Blick über die Bäume.

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  • An der Decke hängt ein Peilgerät, mit dessen Hilfe er im Brandfall der Feuerwehr den Weg weisen kann.

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  • Drei Türme gibt es in der Hohen Mark - verzeichnet auf einer Karte.

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  • Die Aussicht ist großartig. Von seinem Turm aus hat Siegfried Körner einen tollen Blick über die Bäume.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Wenn's mal regnet: Oben auf dem Turm gibt es einen Raum mit Fenstern.

    Foto: Gunnar A. Pier

Eigentlich ist Körner vom Forstamt zum – zumindest theoretischen – Dienst eingeteilt worden. Doch an diesem Oktobertag ist kaum etwas zu befürchten. In den vergangenen Tagen hat es immerhin so viel geregnet, dass der Waldboden minimal durchfeuchtet ist. Der Rentner aus Marl ist trotzdem nach Haltern am See gefahren, hat seine Besucherin am Forsthof Haard in Empfang genommen und sie dann gebeten, ihm mit dem Wagen bis zum Rennberg zu folgen. „Der Feuerturm heißt Rennberg“, hat er vorher noch schnell erklärt. Körner liebt diese Fahrt zu „seinem“ Turm.

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er Feuerwächter vor dem Rennberg. 37 Meter misst der Turm. Foto: Gunnar A. Pier

Mit Tempo 20 manövriert er sein Auto über den Wirtschaftsweg, der wegen seiner vielen Steigungen seine Tücken hat. Das milchig-weiße Licht der Herbstsonne bohrt sich wie durchscheinende Finger durch den Wald. Körner hat das schon als junger Mann fasziniert. Kein Lebensraum ist für ihn so voller Magie und Mystik wie der Wald. Als ihm ein Förster vor sieben Jahren erzählte, dass in seinem Revier neue Feuerwächter gesucht werden, musste er nicht lange überlegen. Als Rentner verfügte er neuerdings über viel Zeit, ein paar 100 Euro mehr sind nie zu verachten, und wenn man sie an einem solchen Arbeitsplatz verdienen kann – um so besser. Seitdem klettert Körner regelmäßig von März bis in den Oktober hinein die 167 Stufen des Rennbergs hinauf, des modernsten der drei Feuertürme in der Hohen Mark.

Picknick mit Feuerpause

Nieselregen setzt ein, erst so unauffällig, dass er kaum die Kleidung benetzt, dann immer stetiger. Körner erzählt gerade von den Menschen, denen er hier mitten in der 55 Qua­dratkilometer großen Haard-Hügellandschaft des Naturparks Hohe Mark begegnet. „Das sind alles Naturfreunde wie ich“, sagt er. „Die gehen in den Wald, um Ruhe und Entspannung zu genießen.“ Nun ja, fast alle. Kürzlich hat er vom Turm aus wieder mal einen Mann beobachtet, der sich 37 Meter unter ihm ein Picknick mit Freunden schmecken ließ und dann bei über 30 Grad flirrender Sommerhitze eine Zigarette aus der Packung nestelte. Ehe er einschreiten konnte, sah er, dass ein früherer Förster zu dem Mann lief. „Der hat sich den ordentlich zur Brust genommen.“ Sei ja auch richtig so: „Von März bis Oktober herrscht absolutes Rauchverbot im Wald.“ So langsam sollte sich das eigentlich herumgesprochen haben.

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Der Feuerwächter zeigt die Karte, auf der die Standorte der drei Feuertürme eingezeichnet sind. Foto: Gunnar A. Pier

Körner will gerade die er­sten Stufen des Feuerturms nehmen, als ihn Frith­jof Lauer einholt, ein 82-jähriger Jogger, der sein Training mit einer Spezialdisziplin zusätzlich verkompliziert: sämtliche Treppenstufen hinauf und wieder herunter. „Meine Ärztin“, erzählt er Körner, „ist auch ganz stolz auf mich.“ Die beiden kennen sich seit Jahren und schwimmen auf einer Wellenlänge: Für beide ist der Wald ein Lebenselixier, auf das sie nicht verzichten wollen.

Feuer gleich erkannt

Dieses Jahr war für Körner und die meisten seiner Kollegen vergleichsweise ruhig. Voriges Jahr jedoch hat der 73-Jährige einige unruhige Stunden im Dienstraum auf dem Turm verbracht. „Ich war mir sofort sicher, dass ein Feuer ausgebrochen war“, erzählt er. Der Feuerwächter rief seinen Kollegen auf dem Stimberg an, dem Turm, den er auch bei diesigem Wetter ohne Fernglas sehen kann. „Siehst du das auch?“ Die beiden berechneten die Koordinaten mit ihren Peilgeräten und gingen mit einer Überkreuzpeilung auf Nummer sicher. Körner nimmt eine Karte von der Wand und erklärt, was er meint. „Jeder von uns hat mit dem Peilgerät schon den ungefähren Brandort berechnet. Wir tauschen unsere Daten aus und da, wo sie sich mit den Schnüren kreuzen“, – Körner zeigt auf Bänder, die an der Karte baumeln – „da ist die richtige Stelle.“ Die Feuerwehr hat den Brand schnell gelöscht – Glück gehabt.

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Alles in Ordnung an diesem Oktobertag. Siegfried Körner verschafft sich trotzdem einen Überblick über die Haard im Naturpark Hohe Mark. Foto: Gunnar A. Pier

Der 73-Jährige ist selbst überrascht, wie rasch acht Stunden auf dem Turm vergehen. Manchmal blättert er in den Zeitschriften aus dem Friseursalon, den seine Frau weiter betreibt. Oder er schaut einfach in den Wald hinein. Den Halterner und Hullerner Stausee sieht er bei jedem Wetter, das Dattelner Kohlekraftwerk sowieso. Und wenn die Luft ganz klar und rein ist, dann sieht er sogar das Stadion, in dem Schalke derzeit glücklos kickt. „Das Dach glitzert dann in der Sonne“, sagt er, führt das Fernglas an die Augen und macht instinktiv das, was ihn seit sieben Jahren auf den Turm führt – nach Feuern suchen.

Kaum einer Landschaftsform setzt Trockenheit so sehr zu wie dem Wald. Die Forstämter der Hohen Mark haben das längst erkannt. Bis in den Oktober hinein beschäftigen sie Feuerwächter – Männer wie Siegfried Körner.

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Foto: Gunnar A. Pier

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