Religionssoziologe Detlef Pollack
Leipzig bringt eine Saite zum Klingen

Münster/Leipzig/Berlin -

Die erste Lebenshälfte in der DDR, in der zweiten lange Zeit im „Westen“: Für Prof. Dr. Detlef Pollack, den Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Universität Münster, ist gerade diese zweigeteilte Biografie angesichts der Frage nach „Heimat“ aufschlussreich. 

Freitag, 18.03.2016, 14:03 Uhr

Bei den traditionsreichen Thomanern erhielt Detlef Pollack schulisches, kulturelles, musikalisches und spirituelles Rüstzeug fürs Leben.
Bei den traditionsreichen Thomanern erhielt Detlef Pollack schulisches, kulturelles, musikalisches und spirituelles Rüstzeug fürs Leben. Foto: dpa

In der Erinnerung des evangelischen Theologen und Religionssoziologen hat sich in der Leipziger Zeit ein spezifisches Heimatgefühl so gut wie gar nicht ausgeprägt: „Wir lebten in einer Art kulturellem Niemandsland, zu dem man sich nicht zugehörig fühlen konnte“, meint Pollack . „Die wichtigen Bücher, die interessanten Filme, die relevanten politischen Diskussionen gab es im Westen: Die Party fand woanders statt. Wir fühlten uns vom wahren Leben ausgeschlossen.“

Hat Pollack deshalb mit seiner Zeit hinter der Mauer abgeschlossen? Nein. Natürlich habe man sich an dieses „Niemandsland gewöhnt“. „Aber wir haben uns mit diesem Land nicht identifiziert“, meint Pollack. „Stellen Sie sich nur vor, dass fast in allen Familien irgendwann einmal ernsthaft über die Ausreise in den Westen nachgedacht wurde.“ Zwei Punkte waren für sein damaliges Lebensgefühl wesentlich: Erstens die bittere Erkenntnis, in einem Land der Unfreiheit zu leben. Zweitens das Bewusstsein, dass nur wenige Kilometer westlich Menschen, denen man sich ähnlich fühlte, mit denen man vielleicht sogar verwandt war, ein ganz anderes Leben führen konnten.

Freiheit nach dem Mauerfall

Detlef Pollack

Prof. Dr. Detlef Pollack Foto: Brigitte Heeke

Mit dem Mauerfall hatte Pollack wie viele der Ostdeutschen zunächst das Gefühl unbegrenzter neuer Möglichkeiten. Aufgrund des asymmetrischen Verhältnisses zwischen den alten und neuen Bundesländern sah er sich wie viele andere allerdings auf einmal in der Situation, die eigene Biografie und Herkunft gegen die westliche Herabsetzung verteidigen zu müssen. Es störte ihn, dass die Ostdeutschen nur noch als defizitär wahrgenommen wurden. „So kam es gewissermaßen zu einer nachträglichen Identifikation mit der ungeliebten DDR“, sagt der Leipziger, der vor allem durch die Thomaner sein geistiges, religiöses und musikalisches Rüstzeug bekam. „Wir wollten ein Stück weit die Entwertung unserer eigenen Biografie rückgängig machen.“ Wenn Pollack heute nach „Heimat“ befragt wird, dann nennt er als erstes sein heutiges kollegiales, universitäres Umfeld in Münster, in dem er das Gefühl hat dazuzugehören. Längst bringt aber auch die Stadt Leipzig wieder eine Saite in Pollacks Gemüt zum Klingen. Immer, wenn er zurückkehre, entstehe ein angenehmes Wiedererkennungsgefühl, ein Gefühl des Zuhauseseins.

Das protestantische Milieu hat ihn geprägt

„Ich bin natürlich besonders geprägt durch ein protestantisches Milieu“, ist sich Pollack seines erzieherischen Umfelds bewusst. Die Thomaner, die Leipziger Thomaskirche, die Christenlehre beim Pastor, alles das hat ihn geprägt. So empfindet er auch heute noch ein „Wiedererkennungserlebnis“, wenn er mit Pastoren zusammenkommt. Er fühlt und schätzt die große Weltoffenheit der Theologen, ihre Aufgeschlossenheit gegenüber aktuellen Fragen, ihre Fähigkeit zur Einfühlung in den andern, ihre „kommunikative Kompetenz“. Bei Katholiken hat er zuweilen das Gefühl einer stärkeren Konfliktbereitschaft – und er weiß nicht, ob er das gut finden soll.

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Konfessionelle Unterschiede sind heute zweitrangig

Die Frage nach individueller Identität ist für den Religionssoziologen im Zusammenhang mit der Frage nach Heimat naheliegend. Es hänge stark von der jeweiligen Kommunikationssituation ab, was jeweils als eigene Identität behauptet werde, meint Pollack. Eines steht für ihn fest: Waren konfessionelle Unterschiede in früheren Jahrzehnten vor und nach dem Weltkrieg noch stark prägend, sind sie heute eher zweitrangig. „Für viele ist die Religion nicht mehr der entscheidende Markierungspunkt.“ Sie spiele eher im Hintergrund eine Rolle. Viele wollten sie nicht missen und den Kindern auch Glauben und Werte vermitteln, aber daran hänge nicht mehr viel. Gerade die konfessionellen Grenzen seien weitgehend abgeflacht. Viele Zeitgenossen wüssten gar nicht mehr über entscheidende Unterschiede von Katholiken oder Protestanten Bescheid.

Pollack beobachtet, dass sich angesichts der Flüchtlingskrise in Europa gerade bei jenen, die um die europäischen Werte fürchten, eine partei- und religionsübergreifende Koalition für die Bewahrung europäischer Ideale bildet. Jenseits der großen Identitäts- und Politikfragen gibt es dennoch ein Momentum, das Pollack schnell „heimatlich“ fühlen lässt. Wenn der frühere Thomaner geistliche Kompositionen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) oder Wilhelm Weismann (1900-1980) hört oder auch Unterhaltungsmusik aus der früheren DDR, dann weckt dies in ihm heimatliche Emotionen.

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