Interview
Michael Radau: „Der Verkäufer wird zum Kümmerer“

Münster -

Erst ein florierender Handel sorgt für lebens- und liebenswerte Innenstädte, ist sich Michael Radau sicher. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Martin Ellerich entwirft der Präsident des Handelsverbandes NRW und Chef der münsterischen SuperBioMarkt AG Perspektiven für den Handel der Zukunft. Er erklärt, was Handel und Politik für den Erfolg tun müssen.

Donnerstag, 17.09.2015, 13:09 Uhr

Michael Radau, Präsident des Handelsverbandes NRW und Chef der SuperBioMarkt AG in Münster.
Michael Radau, Präsident des Handelsverbandes NRW und Chef der SuperBioMarkt AG in Münster. Foto: SuperBioMarkt

Wo liegen die größten Probleme für den Handel in den nächsten Jahren?

Radau : Wir brauchen die richtigen Flächen in den Innenstädten. Schauen Sie sich die Statistiken an: Die Menschen – insbesondere die Älteren – ziehen zurück in die Städte. Wir brauchen attraktive Verkaufsflächen in den Zentren, nicht auf der grünen Wiese. Nur in den Städten können wir das Einkaufserlebnis bieten, das künftig immer wichtiger wird, um sich vom Online-Angebot abzugrenzen. Da sind dann aber auch die Flexibilität der Kommunen und die Immobilienbesitzer gefragt: Es muss möglich sein, zum Beispiel mehrere Häuser zusammenzufassen, um attraktive und ausreichend große Verkaufsflächen zu bieten. Und es ist Zurückhaltung bei den Mieten gefragt ...

Wer derzeit durch münsterländische Gemeinden und selbst Mittelstädte spaziert, hat aber nicht den Eindruck, dass die Innenstädte aufleben: Leerstände allerorten.

Radau: Es gibt eine Konzentration auf die Oberzen­tren wie Münster . Wir müssen in den Klein- und Mittelstädten ganz massiv gegensteuern, damit der Handel dort nicht noch weiter wegbricht. Dazu gehört zum Beispiel auch, die Vorteile der Mittelstädte auszuspielen: bessere und billigere Parkmöglichkeiten zum Beispiel, kürzere Wege. Leider haben noch nicht alle Bürgermeister und Kommunalpolitiker erkannt, was die Entwicklung für ihre Städte bedeutet: Erst schließt der Laden, dann das Fachgeschäft, am Ende auch das Café und die Kneipe ... Und dies, obwohl es für Fachgeschäfte gerade im Internet-Zeitalter große Chancen gibt – durch mehr Service.

Wie meinen Sie das?

Radau: In einer älter werdenden Gesellschaft werden Nähe und Service immer wichtiger. In Zukunft wird Ihr Händler Sie an die Hand nehmen, bevor Sie überhaupt das Geschäft betreten haben: Er wird Sie per E-Mail informieren, wenn mit der neuen Kollektion ein Jackett eingetroffen ist, das zu Ihrem Bekleidungsstil passt. Oder er sendet Ihnen gleich ein komplettes abgestimmtes Outfit nach Hause – unverbindlich, aber genau auf Sie abgestimmt. Solche Angebote gibt es ja bereits von Internet-Händlern. Aber glauben Sie mir: Ihr Händler kennt Sie, Ihren Geschmack und den für Ihre Figur passenden Schnitt besser als irgendein Algorithmus im Internet.

Aber heute laufen die Kunden doch eher mit dem Handy durch den Laden, und vergleichen die Preise mit dem Internet-Shop...

Radau: Das mag ja sein, aber wir dürfen da nicht in Panik verfallen. Der stationäre Handel muss das Internet auch als Chance sehen. Um davon etwas abzubekommen, muss ich nicht einmal selber einen riesigen Online-Shop aufziehen. Ich muss nur flexibel sein: Ist die schöne blaue Hose nicht mehr in der richtigen Größe da, dann kommt sie eben am nächsten Tag per Paket direkt nach Hause. Service eben ... Im Buchhandel ist Ähnliches doch bereits gang und gäbe. Der Verkäufer im Handel wird noch mehr als heute zum „ Kümmerer “ werden. Und bei besonders wissbegierigen Kunden hilft uns dann wieder das Smartphone.

Wie das?

Radau: Warum sollten wir denn nicht alle Informationen über unsere Waren – Inhaltsstoffe, Produktionsbedingungen, Qualität, Waschhinweise – für unsere Kunden abrufbar über das Smartphone im Internet präsentieren können?

Wie sehen Sie die Zukunft der inhabergeführten Fachgeschäfte in der Konkurrenz zum Online-Handel? Hier hohe Mieten in der Innenstadt und aufwendige Beratung – da riesige Lager preiswert draußen im Gewerbegebiet. Kann das wirklich gutgehen?

Radau: Ja, das kann gutgehen, und es muss in einer gemeinsamen Anstrengung von Politik und Handel auch gelingen, wenn wir lebens- und liebenswerte Innenstädte erhalten wollen. Aber Handel heißt Wandel: Ich bin sicher, dass wir das schaffen.

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