Alstätte
Letzter Zeuge der Bahnhistorie vor dem Abriss

Donnerstag, 26.03.2009, 16:03 Uhr

Heek-Nienborg - Noch steht er da: der altehrwürdige Bahnhof an der B 70 in Heek . Im Zuge der Umgestaltung des Gabelpunktes wird der rote Klinkerbau in der kommenden Woche abgerissen. Die Alte Molkerei ist bis auf den Schornstein bereits Geschichte, der Komplex der früheren Genossenschaft wird in Kürze folgen. Mit dem Abriss des Bahnhofsgebäudes verschwindet ein markantes und geschichtsträchtiges Gebäude aus dem Heeker Ortsbild. Und auch die letzte sichtbare Erinnerung an ihre Eisenbahn.

Aus diesem Anlass werfen die WN einen Blick zurück in die Bahngeschichte des Dinkeldorfes. Der gebürtige Heeker und jetzt in Gronau wohnhafte Eckhard Bohn hat dazu einen Beitrag im Heeker Heimatbuch „Heek und Nienborg - Eine Geschichte der Gemeinde Heek“ verfasst, dessen Wortlaut im Folgenden in Auszügen wiedergegeben wird:

„Am 30. September 1902 wurde die Westfälische Nordbahn feierlich eröffnet und nahm ihren regelmäßigen Verkehr auf. An diesem Tage fuhr der Festzug von Burgsteinfurt Heek, Ahaus, Stadtlohn nach Vreden. 1875 erreichte die Schiene mit der Verbindung Dortmund-Gronau den hiesigen Raum. Unter dem Vorsitz des Fürsten Salm-Salm bildete sich im Jahre 1897 ein Generalkomitee, um den Bau einer vollspurigen Nebenbahn von Borken über Ahaus nach Burgsteinfurt zu fördern. Die Planungen wurden unter dem Ahauser Landrat von Schorlemer-Alst weiter vorangetrieben und schließlich die Westfälische Landeseisenbahn (WLE) mit Sitz in Lippstadt für den Bau und Betrieb der Bahn, die mittlerweile Westfälische Nordbahn hieß, gewonnen. Am 4. Februar 1899 erklärte sich der Provinzial-Landtag zu Münster einstimmig für den Bau der Nordbahn, einschließlich der Stichbahn Stadtlohn-Vreden.

Nachdem die Planungs- und Bewilligungsverfahren Ende 1899 endgültig abgeschlossen waren, erteilte Kaiser Wilhelm II. am 11. Dezember 1899 die Konzession für die Bahn. Die Konzessionsurkunde sah die Vollendung und Inbetriebnahme der Strecke innerhalb von zwei Jahren vor. Unverzüglich begannen die notwendigen Arbeiten. Für den Bereich des Amtsbezirkes Nienborg beauftragte die WLE im Juli 1900 den Ehrenamtmann von Dalwigk zu Horst mit dem Grundstückserwerb. Erfolgte die Bereitstellung öffentlicher Grundstücke in der Regel problemlos, so erwies sich der Ankauf privaten Terrains oftmals als langwierig und endete nicht selten mit einem Enteignungsverfahren gegen die Besitzer. Die Bahndammarbeiten sowie sämtliche Gebäude und Versorgungseinrichtungen wurden losweise an örtliche Bauunternehmer vergeben. Für das Stationsgebäude mit den notwendigen Nebenbauten erhielt das örtliche Bauunternehmen Münstermann den Zuschlag. Die Grundsteinlegung hierfür erfolgte am 21. Juni 1901 durch den Landrat von Schorlemer-Alst.

Nicht wenige werden sich damals gewundert haben, als der Bahnhof den Namen „Nienborg-Heek“ bekam. Doch hatte die Amtsverwaltung in Nienborg diesen gegen den Willen der Betreiberin durchsetzen können. Eine Aktennotiz für diese Namensgebung gibt es bei den Behörden hierzu leider nicht. Für die Haltestelle Ahler Kapelle sah die WLE aus Sparsamkeit kein Gebäude vor. Hier wurde der Barrierewirt mit dem Verkauf von Fahrkarten beauftragt, für die Reisenden musste er einen kleinen Warteraum bereithalten.

Anfang September 1902 fand die landespolizeiliche Abnahme der 54,5 Kilometer langen Nordbahn samt den erstellten Gewerken statt. Am 1. Oktober nahm die WLE mit fünf Zügen je Richtung den fahrplanmäßigen Zugverkehr auf. Der Personen- und Güterverkehr entwickelte sich wunschgemäß. Anfangs wurden keine separaten Güterzüge gefahren. Im Frühjahr wurden in Sonderzügen Kunstdünger transportiert, um den hiesigen Sandbogen ertragreicher zu machen. Für die An- und Abfuhr der Eil- und Frachtgüter wurden Fuhrmann Laurenz Preckel für Heek und Fuhrunternehmer Hermann Schilling für Nienborg verpflichtet.

Durch die verbesserten Transportmöglichkeiten ließ der Elberfelder Fabrikant Schwiewind 1907 in Bahnhofsnähe eine moderne Seidenweberei errichten. Das Werk erhielt ein eigenes Anschlussgleis. Im Jahre 1929 wurden 27892 Personen befördert.

Mit dem Ersten Weltkrieg war die wirtschaftlich gute Zeit der Nordbahn zu Ende. Sie erholte sich bis Ende 1930, da das Güteraufkommen und der Personenverkehr wieder zunahmen. Die Gleise wurden um Rangiergleise erweitert, die Ladestraße wurde um eine Rampe zur Viehverladung und eine Waage erweitert und der Bahnhof erhielt ein mechanisches Stellwerk.

1938 wurde das Empfangsgebäude aufgestockt und erhielt somit sein heutiges Gesicht. Nach einer Phase der Konsolidierung brachte der Zweite Weltkrieg neben Problemen im personellen Bereich auch Schwierigkeiten in der Materialversorgung. Direkte Kriegseinwirkungen bekam die Bahn jedoch erst gegen Ende des Krieges zu spüren, als auch der ,Pängelanton das Ziel englischer Jagdbomber wurde. Obwohl im Verladebahnhof Verladungen für die in der Nähe befindliche V2-Startrampe stattfanden, blieb der Bahnhof von Angriffen weitgehend verschont.

Nach Ende des Krieges ruhte der gesamte Verkehr bis zum Sommer. Im August 1945 wurden die Fahrten wieder aufgenommen. Nach und nach ging es im Personen- und Güterverkehr wieder bergauf. Die Blüte währte nicht lange. 1955 begann die WLE mit der Verlagerung des Schienenpersonenverkehrs auf die Straße. Die betriebswirtschaftlichen Zahlen sanken. Dem zur Folge ging der ,Pängelanton am 20. September 1962, genau 60 Jahre nach seiner offiziellen Eröffnung, in den Ruhestand.

Im Frühjahr 1963 wurde der Bahnhof in eine Agentur umgewandelt. Lediglich die traditionellen Pilgerfahrten nach Kevelaer, auf Betreiben der Kirchengemeinden, blieben noch einige Jahre erhalten. Diese wurden mit Bundesbahngarnituren gefahren. Im Jahre 1967 wurde der Wasserturm abgerissen.

Den Güterverkehr hielt die WLE noch einige Jahre aufrecht, er wurde jedoch 1972 eingestellt. 1974 wurden die Gleise von Heek bis Burgsteinfurt aufgenommen. Die Gemeinde Heek nutzte die Chance und legte auf dem Bahndamm einen Rad- und Wanderweg an, der in Steinfurt Bahnanschluss hat und gut in das regionale Radwegenetz eingebunden ist.

Dagegen hatte sich der Rat für die einstweilige Erhaltung der Trasse von Heek nach Ahaus als privates Anschlussgleis ausgesprochen. Doch genügten die Beförderungszahlen nicht für einen wirtschaftlichen Betrieb, sodass auch hier die Gleise alsbald entfernt wurden.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/554530?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F146%2F696746%2F696791%2F
War ein Flugmanöver der Auslöser für Suchaktion nach Flugobjekt?
Ralf Kötter – hier bei einem Flug über Epe – ist ein erfahrener Paraglider. Was am Sonntag geschehen ist, darüber kann aber auch er nur Vermutungen anstellen.
Nachrichten-Ticker