Alstätte
„Lasst ihr mich rein?“

Freitag, 17.12.2010, 17:12 Uhr

Ahaus-Alstätte - Er schubst und drängt, versucht untendurch zu kriechen, will die Arme mit aller Kraft auseinanderdrücken - alles vergeblich. Die Klasse lässt ihren Mitschüler nicht in den Kreis. Wie aneinandergeschweißt stehen sie zusammen. Bis endlich nach zehn Minuten Ausprobieren und Attackieren seine erlösende Frage kommt: „Lasst ihr mich rein?“ Und wie von Zauberhand geführt, öffnet sich ganz selbstverständlich der Kreis und lässt den Schüler in die Mitte. Welch eine Erfahrung! Nicht mit Gewalt, sondern mit einfachen Worten erreiche ich mein Ziel!

Ingo Melzer und Christoph Böhm sowie Praktikantin Anne Tegtmeier von der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland zeigen den Schülern der Klasse 7b der Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule, wie man auch ohne einer „Kopf-durch-die Wand“-Mentalität zum Ziel kommt. Über einen Zeitraum von zehn Wochen à drei Unterrichtsstunden läuft das „ Coolnesstraining “. Das Kernziel ist mit drei Buchstaben beschrieben: RAD. Es steht für Respekt, Aufmerksamkeit und Disziplin - für manche Schüler ein schwieriger Lernprozess. Deshalb hängt das Motiv mit dem RAD an der Tafel, damit die Klasse immer wieder daran erinnert wird.

„Wir können nur Anstöße geben“, so Pädagoge Ingo Melzer, „wichtig ist, dass die Lehrkräfte, die während der gesamten Zeit mit dabei sind, sie in den Unterricht transportieren und dort vertiefen und verfestigen“. Mobbing sei ein großes Thema an vielen Schulen, deshalb sei es wichtig, dort anzusetzen. Die Ziele des „Coolnesstrainings“ sollen durch körpersprachliche Übungen, Rollenspiele und gruppenbildende Vertrauensübungen erreichet werden.

Parallel läuft in den Klassen 6a, 6b und 7a die gleiche Maßnahme, die erst durch die Bezuschussung einiger Sponsoren möglich gemacht wurde. „Unsere Schule bietet einiges mehr an als nur ,normales Unterrichten“, betont Schulleiterin Anneliese Vortkamp . „Erst kürzlich hatten wir Projekttage zum Thema „Cybermobbing“. Aber auch Suchtprävention und natürlich eine starke Berufsvorbereitung stehen bei uns auf dem Lehrplan.“

Eine weitere Übung an diesem Morgen ist die „Raumdurchquerung“. Jeder Schüler muss den Klassenraum diagonal durchqueren, nachdem er die Hand gehoben und seinen Namen genannt hat. Er darf aber erst loslaufen, wenn er die Aufforderung dazu bekommt. Das ist für manche schon eine schwierige Übung. Die Trainer achten dann auf Gang, Mimik und Gestik und geben ihre Eindrücke preis. Ob jemand zu schüchtern wirkt oder gar ängstlich, arrogant oder selbstbewusst auftritt, wird den Schülern direkt mitgeteilt. Schließlich erhöhen die Trainer den Druck: Die gleiche Raumdurchquerung, jedoch steht ein Trainer in der Mitte und lässt den Schüler nur passieren, wenn dieser offen und frei, Blickkontakt haltend, auf ihn zukommt. Eine weitaus schwierigere Übung, die nicht alle beim ersten Mal bewältigen können.

Manuela hat ein komisches Gefühl bei der Aufgabe. „Wenn man so beobachtet wird, ist es nicht leicht. Aber durch die Rückmeldung der Trainer lernt man viel über sich selbst.“

Auch Bilal betont, dass ihm das Coolnesstraining schon etwas gebracht hat: „Früher habe ich manchmal daran gedacht, jemanden zu schlagen. Jetzt habe ich gelernt, dass es auch anders geht“. „Man lernt, wie man besser wird und die Klasse keinen Blödsinn mehr macht“, berichtet Fabian. Er ist fest davon überzeugt, dass die Maßnahme letztlich zum Erfolg führen wird. Etwas skeptischer ist Levinia: „Ich glaube, wir brauchen noch ein paar Unterrichtsstunden.“ Doch auch sie glaubt, dass es der Klasse etwas bringt.

„Gut wäre es, die Maßnahme als dauerhafte Einrichtung an der Schule zu etablieren“, meint Anke Ellerkamp vom Förderverein unter Zustimmung von Schulleiterin Vortkamp. Aber die Mittel sind rar, deshalb sucht sie nach weiteren Geldquellen, damit irgendwann alle in den Genuss eines Trainings kommen.

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