Alstätte
NS-Opfer aus der Nachbarschaft

Montag, 17.01.2011, 17:01 Uhr

Heek-Nienborg - Auf die Frage „Uroma, wer waren die Gottschalks?“ gab es am Freitagabend Antworten im Haus Hugenroth. Und zwar nicht von der Uroma, sondern von Hermann Löhring. Der Lehrer an der Anne-Frank-Realschule Ahaus hat sich gemeinsam mit Schülerinnen in einer Arbeitsgruppe intensiv mit der jüdischen Familie Gottschalk auseinander gesetzt. Auf Einladung des Nienborger Heimatvereins stellte er jetzt die Projektergebnisse unter dem Titel „Uroma, wer waren die Gottschalks?“ vor.

Der Erste Vorsitzende des Heimatvereins, Theo Franzbach, zitierte Wilhelm von Humboldt, um die Relevanz des Themas zu unterstreichen: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“ Mit diesen Worten übergab er an Löhring.

Der Referent holte zunächst weit aus, um einen geschichtlichen Überblick über die jüdische Bevölkerung Nienborgs zu liefern. Vor 600 Jahren wurde der erste Nienborger Jude namentlich erwähnt. Weitere Juden werden über die Jahre hinweg immer wieder in Urkunden genannt. Mitte des 19. Jahrhunderts zogen die Gottschalks von Metelen nach Nienborg. In Löhrings Vortrag ging es hauptsächlich um die Enkel dieser Familie, Siegmund und Rosa Gottschalk .

Siegmunds Vater baute vermutlich das Haus Hauptstraße 5, in dem die Gottschalks bis 1937 lebten. „Es ist für die Forschung ein großes Glück, dass das Wohnhaus heute noch steht und nicht abgerissen wurde“, sagte Löhring. Er stellte weiterhin heraus, dass die Gottschalks durchaus in die damalige Gesellschaft integriert waren. Ein Beleg dafür sei die Nutzung des Spitznamens „Judenröschen“ für Rosa, der durchaus positiv gemeint gewesen sei. Dennoch lag das Haus an der Hauptstraße am Rand Nienborgs. Ähnliches gilt für das Haus von Siegmunds Bruder Josef und seiner Frau Meta Gottschalk in der Gartenstraße.

Als 1933 Hitler die Macht an sich riss, wurde auch in Nienborg eine NSDAP-Ortsgruppe gegründet. Doch stark sei die Partei hier nie gewesen. Ihr Einfluss reichte trotzdem, um das Leben der Gottschalks zu ruinieren: Siegmund, der Viehhändler war, konnte nur noch eingeschränkt seinem Beruf nachgehen, sodass er sich stark verschulden musste. Nach einer Zwangsversteigerung ihres Wohnhauses standen Siegmund und Rosa Gottschalk vor dem Aus. Glücklicherweise wurden sie von ihren Nachbarn Josef Bruns und seiner Tochter Klara aufgenommen.

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 gab es auch in Nienborg Ausschreitungen . Da die Gottschalks zu diesem Zeitpunkt bei Bruns wohnten, richteten sich die Gewalttaten gegen deren Wohnhaus. Fensterscheiben wurden zertrümmert, Porzellan zerbrochen und Siegmund in „Schutzhaft“ genommen, später jedoch wieder freigelassen. Im Dezember 1941 wurden Siegmund und Rosa Gottschalk verhaftet und erst nach Heek und dann nach Ahaus gebracht. Von dort wurden sie mit vielen weiteren Juden nach Münster und weiter nach Riga deportiert. Löhring vermutet, dass die beiden Gottschalks dort voneinander getrennt wurden und bei Massenerschießungen ums Leben kamen. Es sei recht unwahrscheinlich, dass sie noch das KZ Danzig miterlebt hätten, wie viele andere nach Riga deportierte Juden. Ihre Verwandte, Meta Gottschalk, wurde im KZ Auschwitz getötet.

Gebannt folgten die Anwesenden den Ausführungen. Mancher hatte Geschichten über die Gottschalks gehört oder sie noch selbst kennengelernt. Nach zwei Stunden hatte jeder der Anwesenden vor Augen, wie die letzte jüdische Familie in Nienborg gelebt hat und was mit ihr passiert ist. Nach dem reichlich bebilderten Vortrag diskutierten die Anwesenden noch über das soeben Erfahrene.

» Der im Rahmen der Arbeitsgruppe verfasste, knapp 100 Seiten starke Bericht „Uroma, wer waren die Gottschalks?“ ist für fünf Euro in der Gemeindeverwaltung Heek erhältlich.

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