Larvenmast
Reaktortechnik vom Dorf

Ahaus-Alstätte -

In den Händen von Dirk Wessendorf wimmelt und wuselt es: Beherzt hat der Alstätter in einen Haufen graubrauner Fliegenlarven gegriffen und präsentiert bei einem Pressetermin die „schlachtreifen“ Tiere.

Samstag, 04.08.2012, 08:08 Uhr

Larvenmast : Reaktortechnik vom Dorf
Vorher und nachher: Beherzt hat Dirk Wessendorf in einen Haufen lebender, „schlachtreifer“ Larven gegriffen . . . Foto: Frank Zimmermann

Was er da in seinen Händen hält, gilt in Fachkreisen als ein Produkt mit großer Zukunft. Denn die Larven der Schwarzen Soldatenfliege (Hermetia illucens) sind ein ideales Futtermittel für Terrarienbewohner ebenso wie für Fische, Hühner und sogar Schweine. Die proteinreichen Larven gelten unter anderem als vielversprechende Alternative zu Fischmehl, das in der Fischzucht verfüttert wird. Zudem fressen die Larven das, wovon unsere Gesellschaft ohnehin zu viel produziert: Biomüll. Zwei Aspekte, die das fischmehlfreie Futter gerade auch für biologisch wirtschaftende Betriebe interessant machen.

Zurzeit werden die Larven im Gebäude der ehemaligen Textil-Werke Ahaus (TWA) an der Enscheder Straße noch in offenen grauen Kisten gemästet. Doch das soll bald anders werden: Die „Hermetia Alstätte GmbH & Co. KG“ – 2010 von Dirk Wessendorf und Markus Göring gegründet – hat einen Bio-Reaktor für die Mast der Fliegenlarven entwickelt. In ihn gibt man – vereinfacht gesagt – vorne Futterbrei und winzige Larven hinein, und nach 14 Tagen kommen hinten 500 Kilogramm getrocknete Larven raus.

Etwa zwei Jahre hat die Entwicklung des Reaktors gedauert. Dabei sind in Alstätte die Kompetenzen zweier Firmen zusammengekommen: Die Katz Biotech AG mit Sitz in Baruth/Brandenburg, Kooperationspartner der „Hermetia“, hat das biologische Wissen eingebracht. Die Firma ist auch für die Zucht der Larven zuständig. Aufgabe der „Hermetia“ war es, technische Lösungen für die optimale Mast der Insekten zu entwickeln. „Dabei standen wir vor einigen Schwierigkeiten“, erzählt Dirk Wessendorf. „Die Herausforderung bestand darin, natürliche Prozesse nachzuahmen, die für das Wachstum der Tiere notwendig sind“, erklärt der findige Diplomingenieur. Wärme, Futter, Belüftung – die Larven müssen im Reaktor rundherum verwöhnt werden.

Die Kunde von der Innovation aus Alstätte hat offenbar schon die Runde gemacht: „Uns liegen bereits acht Bestellungen für Anlagen vor, mit denen man jeweils 1000 Tonnen getrocknete Larven pro Jahr produzieren kann“, sagt Wessendorf. Keine andere Firma könne derzeit solche Anlagen von dieser Größenordnung produzieren.

Trotz aller Erfolgsmeldungen gibt es allerdings einen Begleitumstand, der Wessendorf mächtig wurmt: Aufgrund der vor einigen Jahren akuten BSE-Problematik sei es innerhalb der EU verboten, Nutztiere mit anderen Nutztieren (oder daraus hergestellten Produkten) zu füttert, erklärt Wessendorf. „Und unsere Fliegenlarven sind als Nutztiere eingestuft.“ Also ist der Einsatz des aus den Larven hergestellten Futtermehls für Nutztiere zurzeit innerhalb der EU nicht erlaubt. Und die Alstätter müssen penibel darauf achten, dass sie ihre Fliegenlarven vegetarisch ernähren.

Für Dirk Wessendorf ein Ärgernis, aber kein Grund zu verzweifeln: „Wir hoffen jetzt auf eine Ausnahmegenehmigung.“ Und neben einer Anlage, die bei der Katz Biotech AG in Baruth aufgebaut wird, gehen die ersten Bio-Reaktoren dann eben in Länder außerhalb der EU.

Technologische Werke Ahaus

Anfang 2011 haben Dirk Wessendorf und Markus Göring das Areal und die Halle der früheren Textil-Werke Ahaus an der Enscheder Straße in Alstätte gekauft. Neben zwei eigenen Firmen der beiden – „Powerwood“ (die mit Brennstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen handelt) und Hermetia – haben sich hier auch weitere Unternehmen angesiedelt. Darunter „Omnicycle“, eine Firma, die Kunststoffreststoffe (zum Beispiel alte Stoßstangen) zu sortenreinem Granulat recycelt. Deshalb haben die neuen Eigentümer auch das TWA-Logo an der Werkshalle belassen. Es steht jetzt für Technologie Werke Alstätte.

Zur Person

Dirk Wessendorf (Jahrgang 1972) hat an der FH Wiesbaden Bauingenieurswesen studiert. Er leitet das gleichnamige Architekturbüro und die Wessendorf Massivbauträger GmbH. Beides Firmen, die sein Vater gegründet hat. 2006 gründete er mit dem Torf- und Rindenproduzenten Markus Göring die Firma „Powerwood“, die mit Brennstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen handelt. Über diese Firma entstand auch der Kontakt zur Katz Biotech AG. Die Gründung der Hermetia folgte 2010. Somit ist Dirk Wessendorf inzwischen in diverse Projekte involviert, die Ökologie und Ökonomie geschickt miteinander verbinden.

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