Hilfe von der Suchtberatung in Ahaus
Geld verzockt, Studium geschmissen

Ahaus -

Ende 2015 bröckelt bei Marius A. die bis dahin nach außen mühsam aufrecht erhaltene Fassade endgültig. Der Mann, der eigentlich anders heißt, will seine Familie und die Freunde nicht länger belügen. Sie wissen nicht, dass der damals 30-Jährige längst keinen Job mehr hat und dafür 10 000 Euro Schulden. Sie wissen nichts vom Ausmaß seiner Spielsucht.

Dienstag, 09.05.2017, 10:05 Uhr

Der 32-Jährige  möchte nicht erkannt werden. Er hat mit einer stationären und einer ambulanten Therapie seine Online-Spielsucht überwunden.
Der 32-Jährige  möchte nicht erkannt werden. Er hat mit einer stationären und einer ambulanten Therapie seine Online-Spielsucht überwunden. Foto: Christian Bödding

Heute sitzt der 32-Jährige bei Maria Pohlmann in der Suchtberatung der Caritas in Ahaus und redet über sein früheres Leben. Hinter Marius A. liegt eine mehrmonatige ambulante Therapie. Er hat seine Suchtgeschichte aufgearbeitet.

Die Sucht packt Marius im Alter von 15 Jahren. Seine Begeisterung für Sport führt den Gymnasiasten zu den ersten Sportwetten, die in Annahmestellen abgegeben werden können. Monatlich gehen 20 Euro Taschengeld drauf. Mit 18 wettet er nur noch im Internet.

Nach dem Abitur folgt die Bundeswehrzeit. Marius A. verzockt an Geld, was ihm zur Verfügung steht. Alles fließt ins Online-Poker. Mit 22 Jahren beginnt er ein Studium. Er zieht in eine Studenten-WG. Die Sucht wird exzessiver. „Der Rest der WG ging morgens zur Uni, ich spielte.“ Manchmal 24 Stunden am Stück. Das Geld reicht vorne und hinten nicht. Ein Studentenkredit muss her. 2000 Euro. Andere kaufen davon Möbel, Marius A. verzockt das Geld, innerhalb von fünf Wochen ist alles verspielt.

An einem Wochenende bleiben noch drei Euro fürs Essen. „Ich habe die Kohle nur so verbrannt.“ Marius A. schmeißt nach zwei Semestern sein Studium und zieht zurück zu seinen Eltern. Es beginnt ein verhältnismäßig normales Leben. Er absolviert eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet in dem Beruf. Dass der Großteil seines Lohns fürs Zocken draufgeht, kann er verbergen.

2011 wird er auf Online-Kasinos aufmerksam. Rund 500 Euro verspielt er zu der Zeit monatlich übers Handy. Vom ersten großen Gewinn fliegt er in Urlaub. 2013 gewinnt er beim Online-Automatenspiel 3500 Dollar und kauft sich ein Auto. „Aber auf Dauer verliert man.“

Im Herbst 2015 kommt es zum Absturz. Marius A. wechselt den Job und geht in den Außendienst. Eine Phase, in der er jeden verfügbaren Euro ins Glücksspiel steckt. Dass er schon nach kurzer Zeit den Job hinschmeißt, wissen weder Familie noch Freunde. „Zu Hause habe ich so getan, als wenn ich noch arbeiten würde. Ich bin morgens raus aus dem Haus und abends wiedergekommen.“ Irgendwann wollte und konnte er nicht mehr lügen.

„Zum Schluss war kein Geld mehr da.“ Er kann Rechnungen nicht mehr bezahlen, Kredite nicht mehr bedienen. Sein Auto steht wegen rückständiger Steuern und Versicherungen vor der Stilllegung. Pfändungsbeschlüsse trudeln ein. Der 32-Jährige weiß nicht mehr weiter, er ist psychisch fertig. „Ich habe es nicht mal hingekriegt, mich arbeitslos zu melden und Arbeitslosengeld zu kassieren.“

Marius A. weiß, dass er spielsüchtig ist. „Aber es ist ein Unterschied, es zu wissen oder es zu erkennen und sich selber einzugestehen.“ Über die Jahre hat er an die 30 000 Euro verspielt. Geblieben ist ein Schuldenberg von 10 000 Euro.

Anfang 2016 geht er in Begleitung seiner Mutter zur Suchtberatung der Caritas. Das Haus der Beratung richtet sich an Menschen, die etwa Probleme mit Alkohol oder Glücksspiel haben. Acht Wochen stationärer Therapie folgt eine mehrmonatige ambulante Behandlung.

Marius A. gelingt es, sich zu öffnen und über seine Spielsucht zu reden. Heute weiß er, was dahinter steckte. „Der Einstieg kam übers Sportinteresse. Später habe ich damit familiäre Problem betäubt, in manchen Phasen habe ich aus Langeweile gezockt oder als Stressbewältigung bei Jobproblemen.“

Heute hat Marius A. seine Scheinwelt und die Online-Kasinoräume verlassen. „Ich denke, ich hab‘s geschafft. Bis jetzt.“ Denn ein Süchtiger wird nie gesund. „Die Sucht ist immer in uns.“

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