Dr. Heinz Olbers am AHG in Ahaus
Politik durch Kreditvergabe

Ahaus -

Von Amman nach Ahaus – Dr. Heinz Olbers ist viel unterwegs. Der Direktor der Europäischen Investitionsbank reiste am Montag quasi direkt aus Jordanien an.

Dienstag, 23.05.2017, 06:05 Uhr

Dr. Heinz Olbers bei seinem Vortrag am Alexander-Hegius-Gymnasium.
Dr. Heinz Olbers bei seinem Vortrag am Alexander-Hegius-Gymnasium. Foto: Martin Borck

Dort begleitet er Projekte, die von der „Bank der Europäischen Union “ (EIB) kofinanziert werden. Bekannt ist die EIB mit Sitz in Luxemburg kaum – dabei ist sie derzeit allein in 450 Projekte in 160 Ländern involviert. 160 Länder? Jordanien? Was hat das denn noch mit der Europäischen Union zu tun? Antworten auf diese Fragen gab Olbers vor Schülern am Alexander-Hegius-Gymnasium. Die Schule, an der er 1979 sein Abitur abgelegt hat. „Meine bislang letzte Aktivität hier war die mündliche Abiprüfung in Latein“, sagte er schmunzelnd.

Die EIB wird von den EU-Mitgliedsländern getragen. Sie gehört zu den großen Fischen im Finanzsektor: „Die EIB ist größer als die Weltbank “, sagte Olbers. Und sie ist weit über den EU-Raum aktiv. Olbers ist für Projekte in der östlichen und südlichen Nachbarschaft der EU zuständig. Wobei die Nachbarschaft großräumig aufgefasst wird: Die an die EU östlich angrenzenden Länder gehören dazu, Länder der ehemaligen Sowjetunion, die Maghrebstaaten, der Nahe und Mittlere Osten, ja sogar Zentralasien. Regionen, in denen es oft kriselt. Unruhen in der Nachbarschaft aber bedrohen die Stabilität der EU selbst. Das ist der Grund, warum die EIB Investitionsprojekte nicht nur in der EU, sondern auch außerhalb unterstützt. „2016 wurden 83 Milliarden Euro in Projekte investiert“, sagt Olbers. Das ist nur das Geld, das die EIB selbst in die Hand nimmt. Dazu kommen Mittel der Projektträger, eventuelle Subventionen der EU und Darlehen anderer Banken. Andere Kreditgeber verlassen sich auf die Analysen der EIB, und sind daher schnell bereit, Darlehen für EIB-Projekte zu vergeben. „Insgesamt betrug daher das 2016 bewegte Volumen 280 Milliarden Euro.“

Die EIB betreibt durch Kreditvergabe Politik. „Wir versuchen, die Werte und Standards der EU durchzusetzen.“ Inhaltlich liegen die Schwerpunkte derzeit auf den Bereichen Umwelt, Innovation, Infrastruktur sowie kleine und mittlere Unternehmen. Deren Finanzierungen erreichte 2016 eine Rekordhöhe von über 33 Milliarden Euro. Rund 300 000 Unternehmen mit über 4,4 Millionen Beschäftigten wurden allein dadurch unterstützt.

Die Projekte dienen dazu, den Menschen in der jeweiligen Region Perspektiven zu bieten und das wirtschaftliche Gefälle zur EU zu verringern. „Damit ist nicht nur den Menschen in der Region selbst gedient“, sagt Olbers. „Auch der Druck, das eigene Land zu verlassen und sich nach Europa aufzumachen, sinkt.“ Zumal mit den Projekten Abkommen zur Öffnung der Märkte einhergehen. Die Länder müssen auch in die EU exportieren können.

Als Beispiele für außereuropäische Projekte nennt Olbers eine große Solaranlage in Marokko und die Kofinanzierung einer Metro­linie in Kairo. Aktuell wird am Roten Meer in Jordanien eine Wasserentsalzungsanlage finanziert; das dadurch anfallende konzentrierte Salzwasser läuft durch eine Pipeline ins 400 Meter tiefer gelegene Tote Meer – und erzeugt dabei Strom. Ein Wasserkraftwerk gehört nämlich ebenfalls zum Projekt. Politischer Nebeneffekt: Die Anrainerstaaten Jordanien und Israel sind in die Planung eingebunden, Verträge verpflichten Israel, Trinkwasser an Palästina weiterzuleiten. Die Krisenländer sind dadurch angehalten, miteinander im Gespräch zu bleiben.

„Zu unseren Mitarbeitern gehören nicht nur Juristen und Bankfachleute“, erläutert Olbers. „Unsere Techniker, Ökonomen, Ingenieure und Mediziner schauen weiter, als Juristen oder Banker das normalerweise tun.“ Um Projektanträge im Gesundheitswesen beurteilen zu können, bedarf es zusätzlich fachlicher Kompetenzen. Schließlich sollen die Projekte nachhaltig sein. Die Bank will schließlich die vergebenen Kredite wieder zurück.

Zu Olbers‘ Aufgaben gehört es, operative Schwerpunkte zu setzen und Teams zusammenzustellen. Er selbst hat Jura und Wirtschaftswissenschaften studiert und 1988 in Bayreuth promovieret.

Häufig ist die Arbeit der EIB politisch brisant. So wurden mit einem Schlag die Projekte für Russland eingestellt – als Folge der Krim-Annexion. Ob es denn nicht angesichts der Lage richtiger sei, Projekte mit Russland weiter zu fördern, wollte ein Schüler wissen. „Das ist genau die Diskussion, die auf EU-Ebene geführt wurde“, sagte Olbers. „Europa lebt von Diskussionen. Die Mehrheit der Länder war für Sanktionen. Dennoch haben wir unsere Repräsentanz in Moskau nicht geschlossen und stehen für Gespräche weiter zur Verfügung.“

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