Leben an beiden Seiten
Grenzgänger Erik Sweelssen

Alstätte -

Vorurteile? Die gibt es. Doch genau die sind das Salz in der Suppe im Leben von Erik Sweelssen. Selbst ist er ein multikultureller Grenzgänger. Seine Mutter stammt aus Slowenien, sein Vater aus den Niederlanden. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie aus Enschede nach Alstätte um. Nun fährt er täglich über die Grenze.

Donnerstag, 28.09.2017, 06:09 Uhr

Erik Sweelssen ist Schüler des Stedelijk Lyceum Zuid – und zog als Dreijähriger mit seiner Familie aus Enschede nach Alstätte um. Er fühlt sich auf beiden Seiten der Grenze Zuhause.
Erik Sweelssen ist Schüler des Stedelijk Lyceum Zuid – und zog als Dreijähriger mit seiner Familie aus Enschede nach Alstätte um. Er fühlt sich auf beiden Seiten der Grenze Zuhause. Foto: Annina Romita

Vorurteile? Die gibt es. Doch genau die sind das Salz in der Suppe im Leben von Erik Sweelssen (17) aus Alstätte. „Ab und zu erzählen meine deutschen Freunde einen Holländer-Witz. In aller Freundschaft. Meistens geht‘s dabei um Fußball, um das schlechte Abschneiden der niederländischen Nationalmannschaft“, erzählt der Schüler des Stedelijk Lyceum Zuid in Enschede lächelnd.

Erik glaubt, dass negative Vorurteile und Missverständnisse unter Jugendlichen entstehen, weil deutsche Schüler zu wenig Interesse an den Niederlanden haben und umgekehrt. Grund dafür ist oft die Sprachhürde. „Beinahe keiner meiner Altersgenossen lernt mit Spaß Niederländisch. Aber auch bei den niederländischen Schülern geht es mit dem Deutsch immer weiter abwärts“, bemerkt Erik.

Als jemand, der in beiden Welten lebt, findet Erik das schade. Selbst ist er ein multikultureller Grenzgänger. Seine Mutter stammt aus Slowenien, sein Vater aus den Niederlanden. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie aus Enschede nach Alstätte um.

In seiner Freizeit spielt Erik Golf in Alstätte, in Enschede ist er Mitglied der „Symfonia Jong Twente“. „Ich habe jeden Tag mit unterschiedlichen Kulturen zu tun. Die machen mich zu dem, der ich bin. Ob ich mich eher deutsch oder niederländisch fühle? Kann ich nicht sagen. Beim Fußball fühle ich mich deutsch, wenn Deutschland gewinnt, und niederländisch, wenn Holland gewinnt.”

Das ist die positive Seite des Lebens an der Grenze. „Man ist an beiden Seiten zu Hause“, sagt Erik. „Schön ist es, dass ich problemlos an beiden Seiten der Grenze bei Vereinen mitmachen kann“, erzählt der 17-Jährige. Langeweile kommt bei ihm nicht auf. „In Alstätte verabrede ich mich mit Freunden vom Musikverein oder dem Golfclub. In Enschede treffe ich mich mit Schulfreunden auf dem Alten Markt oder verabrede mich mit Leuten vom Jugendsymphonieorchester. Alle akzeptieren mich einfach als jemanden, der eben an beiden Seiten der Grenze lebt.“

Das ist nicht nur spannend; es bringt auch Herausforderungen mit sich. Fast jeden Tag fährt Erik mit dem Fahrrad von Alstätte nach Enschede und zurück. Pünktlich in der Schule oder bei einem Treffen zu sein, ist daher manchmal schon anstrengend. Vor allem im Winter, wenn es nass und kalt ist; die Radwege auf deutscher Seite sind kaum beleuchtet, und bei Schnee werden sie nicht oder erst spät gestreut. „Das ist auch so ein Unterschied zwischen Deutschland und den Niederlanden, der nicht jedem gleich auffällt. Aber ich als Grenzgänger habe damit andauernd zu tun“, sagt der Schüler. Mal eben zu einem Treffen fietsen geht nicht. „Ich bin anderthalb Stunden unterwegs. Manchmal muss ich ein Treffen ausfallen lassen, weil ich eine andere Verabredung habe und ich es nicht schaffen würde. Zum Glück bringen mich meine Eltern, wenn es gar nicht anders geht.“

Mit den öffentlichen Verkehrsmittel hapert‘s zwischen den beiden Orten. „Mit dem Rad bin ich genauso schnell wie mit dem Bus“, sagt er. „Der Bus spart mir ein Stück Radfahrerei. Aber direkt vor der Grenze ist Schluss, und ich muss für den Rest des Heimwegs doch wieder aufs Rad steigen.“

Seine Eltern hätten ihn auch auf einer Schule in Ahaus anmelden können. Dann bräuchte er nicht jeden Tag 22 Kilometer fietsen. Doch die Enscheder Schule findet er besser. „Ich habe eine Rechtschreibschwäche, und auf den Stedelijk Lyceum habe ich in den ersten drei Jahren Förderunterricht gehabt. Auch jetzt bekomme ich bei Klausuren fünf Minuten länger Zeit, für meine Abschlussarbeit sogar 30 Minuten. In Deutschland besteht so eine intensive Begleitung nicht.”

Das Stedelijk Lyceum Zuid ist eine internationale Schule. Daher hat Erik mittlerweile ein offizielles Zertifikat, das International General Certificate for Secondary Education. Das bescheinigt ihm, dass er Deutsch wie ein Muttersprachler beherrscht.

Gelernt hat Erik Deutsch beim Spielen mit Kindern auf der Straße. „Anfangs war es wahrscheinlich eher so eine Art Gebärdensprache“, sagt er. „Als Kind achtet man ja nicht so auf die Fälle. Das tut mir jetzt ein bisschen leid, weil ich die Grammatik nie richtig gelernt habe.“

Welche Welt er wählt, wenn er mit der Schule fertig ist, weiß er noch nicht. „Sportmanagement und -kommunikation in Köln oder Wald- und Naturmanagement würden mich reiten“, sagt der 17-Jährige. „Aber ich könnte mir auch vorstellen, mich bei der Königlichen Militärakademie in Breda zu bewerben.“

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