Ein Name, viele Familien
Jens Kersting hat seine Masterarbeit über inoffizielle Familiennamen in Alstätte geschrieben

Alstätte -

Eigentlich heißen sie mit Nachnamen Gerwing oder Terhaar, aber in Alstätte sprechen alle nur von Schniederbernd oder Drop. Wie kommt das? Mit diesem Phänomen hat sich der gebürtige Alstätter Jens Kersting in seiner Masterarbeit befasst.

Sonntag, 12.08.2018, 16:29 Uhr

Der gebürtige Alstätter Jens Kersting hat zu inoffiziellen Familiennamen in Alstätte geforscht. Darüber freute sich auch der Heimatverein, der sich im Alstätter Familienblatt für die Masterarbeit für sein Archiv bedankte.
Der gebürtige Alstätter Jens Kersting hat zu inoffiziellen Familiennamen in Alstätte geforscht. Darüber freute sich auch der Heimatverein, der sich im Alstätter Familienblatt für die Masterarbeit für sein Archiv bedankte. Foto: Mareike Meiring

Darin hat der heute 27-Jährige die inoffiziellen Familiennamen in Alstätte untersucht. Im Interview mit WN-Redakteurin Mareike Meiring erklärt er, wie solche Namen entstanden sind, warum sie auch heutzutage noch viele Alstätter nutzen und ob Alstätte damit eine Besonderheit darstellt.

Jens Kersting

Jens Kersting Foto: privat

Warum haben Sie sich für Ihre Masterarbeit den Fall Alstätte herausgesucht?

Jens Kersting: Ich bin im Gerwinghook aufgewachsen und kenne es von klein auf, dass viele Einwohner inoffizielle Familiennamen nutzen. Und irgendwann habe ich festgestellt, dass das gar nicht so ein verbreitetes Phänomen ist. Während meines Studiums habe ich mich dann noch mehr mit Namenkunde beschäftigt und bin dabei auf das Flurnamenbuch der Stadt Ahaus gestoßen, in dem die Namen der Familien in den Bauerschaften im Jahr 1987 erhoben wurden.

Auf welche inoffiziellen Familiennamen in Alstätte sind Sie bei Ihrer Recherche gestoßen?

Kersting: Zunächst ist es wichtig, die Arten von Familiennamen zu definieren. Dabei gibt es jene, die aus Rufnamen entstanden sind oder jene die auf die Herkunft, die Wohnstätte, den Beruf oder eine sonstige Eigenschaft des Trägers verweisen. Fast all solche Typen habe ich auch bei den inoffiziellen Familiennamen gefunden, etwa „Gerwer“ in der Gruppe der Rufnamen oder „Buurs“ in der Gruppe der Berufsbezeichnungen. Das besondere bei den inoffiziellen Familiennamen sind aber zwei Gruppen von Namen, die es unter den offiziellen Familiennamen gar nicht gibt. Zum einen zusammengesetzte Namen, die Rufnamen enthalten, zum Beispiel „Kockbernd“. Und zum anderen zusammengesetzte Namen, die einen Bauern näher bezeichnen, zum Beispiel „Kottebuur“.

Warum nutzt man überhaupt inoffizielle Familiennamen?

Kersting: Generell dienen Familiennamen der Unterscheidung von Menschen. Und diese Funktion erfüllen die inoffiziellen Familiennamen häufig besser als die offiziellen: Ich habe zum Beispiel in meiner Untersuchung acht Mal den offiziellen Namen Gerwing entdeckt, zudem habe ich aber sieben inoffizielle Familiennamen gefunden, etwa Wulf, Schniederbernd oder Poll. So können die Namen dazu beitragen, die Gerwings zu unterscheiden. Zudem hängen die inoffiziellen Familiennamen oft auch mit den Hofnamen zusammen, sodass sie auch die Herkunft eines Familienzweiges anzeigen können.

Wie sind denn die Hofnamen entstanden?

Kersting: Das ist historisch gar nicht so leicht zu klären. Es ist wie die Frage mit der Henne und dem Ei: Gab es zuerst inoffizielle Beinamen, die auf die Höfe übergegangen sind, oder gab es zuerst Bezeichnungen von Höfen, die dann auf die inoffiziellen Nachnamen der Leute übergegangen sind? Heute kann man feststellen, dass es beides gibt: inoffizielle Familiennamen, die im mündlichen Kontext neu entstanden sind. Aber auch jene, die sich aus bestehenden Hofnamen gebildet haben.

Sind es vor denn allem ältere Menschen, die die inoffiziellen Namen benutzen?

Kersting: Das würde ich so nicht sagen. Entscheidendes Merkmal ist vielmehr, dass sie ortsansässig sind. Denn die Grundvoraussetzung dafür, dass dieses Namenssystem funktioniert, ist, dass jeder jeden kennen muss. Das ist bei den älteren Leuten in einem Dorf noch eher der Fall. Aber auch unter den Jüngeren sind viele der inoffiziellen Namen noch bekannt und werden auch von ihnen benutzt.

Schwierig für jene, die erst später ins Dorf ziehen.

Kersting: Zumindest zeigt so ein Namenssystem an, wer sich im Dorf auskennt und dort schon lange wohnt.

Werden die inoffiziellen Familiennamen denn auch weiter vererbt? Oder sterben sie irgendwann aus?

Kersting: Die Namen entstanden etwa bis ins späte 19. Jahrhundert, seitdem sind sie – so zumindest das Ergebnis meiner Forschung – nicht neu gebildet, sondern vererbt worden. Ob das in Zukunft noch so weitergehen wird, hängt zum einen davon ab, ob sich die Struktur des Dorfes und der Einwohnerschaft verändert. Zum anderen davon, ob die plattdeutsche Mundart weiter im Dorf existiert. Denn damit hängen viele der Namen zusammen.

Was hat denn das Plattdeutsche mit diesen Namen zu tun?

Kersting: Ich nehme wahr, dass viele Bürger inoffizielle Namen häufig dann verwenden, wenn sie miteinander Plattdeutsch sprechen. Und es lässt sich in vielen Ortschaften beobachten, dass mit dem Verschwinden des Plattdeutschen auch die inoffiziellen Familiennamen verschwunden sind.

Ist Alstätte also eine Besonderheit, wenn die Bewohner dort die inoffiziellen Namen noch immer benutzen?

Kersting: Es gibt schon noch andere Orte, in denen dieses Phänomen vorkommt, etwa im übrigen Münsterland wie auch im Emsland und am Niederrhein. Aber nur in wenigen Fällen hat sich dieses Phänomen bis heute erhalten. Und es wird immer seltener. Von daher ist Alstätte in dieser Hinsicht durchaus besonders.

Anzeige
Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5966774?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F146%2F
Das perfekte Dinner: Nachtisch-Fluch mit Happy End
V.l.: Filippi, Eduardo „Eddi“, Hanni, Gastgeberin Eva und Claus
Nachrichten-Ticker