Streitthema Ferkelkastration
Landwirt plädiert für örtliche Betäubung mit Schmerzmittelbeigabe

Ahaus -

2015 begann Familie Plate mit der Ferkelaufzucht. Seitdem ist auch sie mit dem umstrittenen Thema Ferkelkastration konfrontiert. Doch das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln ist ab dem 1. Januar 2019 verboten – und wie es danach in den Ställen weitergeht, ist noch völlig unklar.

Samstag, 25.08.2018, 06:00 Uhr aktualisiert: 25.08.2018, 15:15 Uhr
Derzeit dürfen Ferkel noch bis zum siebten Tag nach der Geburt ohne Betäubung kastriert werden. Kurz vor dem Eingriff bekommen sie von Landwirt Christian Plate (rundes Foto) ein Schmerzmittel.
Derzeit dürfen Ferkel noch bis zum siebten Tag nach der Geburt ohne Betäubung kastriert werden. Kurz vor dem Eingriff bekommen sie von Landwirt Christian Plate (rundes Foto) ein Schmerzmittel. Foto: dpa/rundes Foto: Mareike Meiring

Bis vor drei Jahren hatte der Bauernhof Plate noch nichts am Hut mit der Ferkelkastration. Damals setzte der Hof in Graes an der Grenze zu Alstätte und Epe noch auf die Vermehrung der Jungsauen. Erst 2015 begann Familie Plate mit der Ferkelaufzucht. Seitdem ist auch sie mit dem umstrittenen Thema konfrontiert, das aktuell verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Denn das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln ist ab dem 1. Januar 2019 verboten – und wie es danach in den konventionellen Ställen weitergeht, ist noch völlig unklar.

Die Tiere werden kastriert, weil bei männlichen Schweinen, den Ebern, das Fleisch bei der Zubereitung einen unangenehmen Geruch entwickeln kann – und daher kaum verkauft wird. „Das Fleisch aus der Ebermast werden wir schlicht nicht los“, sagt der Bauer Christian Plate.

Landwirt Christian Plate

Landwirt Christian Plate Foto: Mareike Meiring

3000 Ferkelplätze hat der Hof Plate derzeit, hinzu kommen 1000 angemietete Plätze. Derzeit dürfen Ferkel noch bis zum siebten Tag nach der Geburt kastriert werden, zehn Minuten vorher bekommen die Ferkel auf dem Hof in Graes daher ein Schmerzmittel. Betäubt werden sie bislang nicht. Diese Praxis soll ab dem nächsten Jahr in der Form nicht mehr möglich sein.

Dabei werden verschiedene Wege diskutiert, um den Interessen der Landwirte, Verbraucher und Tierschützer gleichermaßen gerecht zu werden. Eine Impfung gegen den Ebergeruch etwa wäre eine Möglichkeit, ebenso die Kastration unter Vollnarkose, wie es derzeit schon einige Biobauern machen. Christian Plate hält beides für schwer umsetzbar.

Bei der Impfung mit dem Mittel „Improvac“ wird verhindert, dass im Körper des Tieres Geschlechtshormone gebildet werden. Geimpft werden müssten die Tiere mindestens zwei Mal, zudem müssten sie wenige Wochen nach der zweiten Impfung geschlachtet werden, damit die Impfung noch wirkt, sagt Plate. „Das bringt viel Arbeit mit sich. Und dann heißt es nachher, wir würden Hormone spritzen.“ – was faktisch allerdings nicht der Fall wäre.

Auch die Vollnarkose hält Plate für keine gute Alternative. Wird hierbei mit dem Narkosegas „Isofluran“ gearbeitet, atmen die Ferkel das Gas durch ein entsprechendes transportables Gerät ein, in das sie eingespannt werden. „Die Arbeit mit dem Gas ist für die Menschen kaum auszuhalten“, sagt Plate. Hinzu komme: „Danach brauchen die Tiere einige Zeit, bis sie wieder wach sind.“

Derzeit kann diese Vollnarkose nur ein Tierarzt durchführen. „Abgesehen davon, dass es viel zu wenige Tierärzte in Deutschland gibt, ist das auch ein sehr hoher Aufwand“, meint Plate.

Er hält dagegen ein anderes Verfahren für umsetzbar: „Wir plädieren für den vierten Weg“, sagt der Landwirt – und meint damit die Lokalanästhesie mit Schmerzmittelbeigabe. Das gehe schnell, sei praktikabel und koste pro Ferkel nur ein paar Cent.

Der Deutsche Tierschutzverband dagegen hält die örtliche Betäubung für nicht tierschutzkonform. „Verschiedene Studien mit unterschiedlichen Lokalanästhetika belegen, dass der Schmerz bei der Ferkelkastration mit dieser Methode nicht ausgeschaltet wird“, schrieb der Verein schon im November in einer Stellungnahme.

Der Tierarzt Dr. Manfred Ulrich, Leiter des Fachbereichs Tiere und Lebensmittel beim Kreis Borken, zeigt Verständnis für alle Seiten. „Man muss einen Weg finden, der auch praktikabel ist“, sagt er. „Aber dabei muss man auch den Tierschutz im Blick haben.“ Den sogenannten vierten Weg hält er für nicht so einfach. „Die örtliche Betäubung muss sitzen, das ist eine Sache des Handlings.“ Das sei bei einem kleinen Ferkel durchaus schwierig. „Die Dänen machen das schon, dort gab es für die Landwirte extra Kurse“, sagt er. Hinzu komme: Für den vierten Weg fehle bislang die rechtliche Voraussetzung. Denn das Mittel hierfür müsse noch speziell für Schweine zugelassen werden. Auch eine Vollnarkose durch den Landwirt selbst sei „theoretisch machbar, aber nur mit einer Gesetzesänderung.“ Der Tierarzt betont: „Bislang haben wir noch nicht den Königsweg.“

Christian Plate nennt noch eine andere Möglichkeit, um der Ferkelkastration ganz zu entgehen. Die Schweine vor ihrer Geschlechtsreife zu schlachten, also dann, wenn sie etwa 50 bis 60 Kilogramm wiegen – und nicht wie aktuell bei rund 100 Kilo. „Aber das wollen die Schlachthöfe nicht“, sagt Plate.

Also geht die Suche nach einer Lösung weiter – und die Uhr läuft langsam ab. Niedersachsen setzt sich beim Bund schon für eine Fristverlängerung ein und unterstützt eine Bundesratsinitiative aus Bayern zur Änderung des Tierschutzgesetzes mit einer Übergangsregelung bis Ende 2023. Wie es in NRW weitergeht? „Das weiß auch ich nicht“, sagt Christian Plate. „Aber die neue Methode muss auch praktikabel sein.“ Ansonsten würden vor allem kleinere Bauern wohl wegen der zusätzlichen Kosten schnell von der Bildfläche verschwinden – „und die Sauenproduktion wird ins Ausland ausgelagert.“

Biobauer befürchtet zusätzliche Kosten

Abwarten. Mehr bleibt dem Biobauern Johannes Hillmann derzeit nicht übrig. Bislang kastriert auch er seine Ferkel noch ohne Betäubung, „wir arbeiten mit dem Schmerzmittel ‚Metacam‘“, sagt er. Während bei den im „Bioland“-Verband organisierten Landwirten schon jetzt eine Vollnarkose vorgeschrieben ist, ist die Kastration bei den Verbänden „Naturland“ und „Biokreis“ bislang noch unter der Gabe von Schmerzmitteln gestattet. Noch. Ab 2019 muss auch Johannes Hillmann bei der Zucht der Bunten Bentheimer umschwenken.Über Alternativen informiert hat er sich schon. Etwa bei einigen Biobauern, die mit dem Narkosegas „Isofluran“ arbeiten. Dort kommt für jede Vollnarkose ein Tierarzt vorbei, „das ist durchaus mit Kosten verbunden“, sagt Hillmann. Etwa sechs Euro gingen dabei pro männliches Ferkel an den Tierarzt. „Und das, wo die Spielräume auch im Biobetrieb schon klein sind. Im Lebensmittelmarkt gilt das Motto ‚Geiz ist geil‘.“Alle drei Woche gibt es bei ihm auf dem Hof neue Ferkel, im Schnitt sind das 1000 Ferkel jährlich. „Das sind pro Jahr schnell mal Kosten von 5000 Euro zusätzlich“, sagt Hillmann, wenn er an den regelmäßigen Besuch des Tierarztes denkt. Dann würde eine Bratwurst bei ihm schnell mindestens zehn Cent mehr kosten. „Nicht nur der finanzielle Aufwand ist höher, sondern auch der Zeitaufwand und die Logistik.“Auch fürs Ferkel hält er diese Methode nicht für optimal. „Ich gehe davon aus, dass eine Vollnarkose noch eine zusätzliche Belastung für ein Tier ist“ – und der Wundschmerz beim Aufwachen würde auch bei diesem Verfahren bleiben.Wie zuverlässig der andere Weg wäre – die Impfung mit „Improvac“ –, dazu kann Hillmann nichts sagen. Aber er betont: Wenn er nur ein Tier mit Ebergeruch habe und dann dessen Fleisch in seiner Wurst verarbeite, „dann ist die ganze Partie versaut.“Die Tiere schon vor der Geschlechtsreife zu schlachten sei bei seiner Zucht nicht umzusetzen. „Meine Bunten Bentheimer werden derzeit nach einem Jahr geschlachtet, sind aber schon nach fünf Monaten geschlechtsreif. Dann müsste ich die Tiere schon mit der Hälfte des Gewichts schlachten“ – und die Tiere hätten nur noch die Größe eines Spanferkels. Seinen Bestand müsste er dann enorm aufstocken, um den gleichen Ertrag zu haben.

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