Diamantener Meisterbrief
Auch Sattel gab‘s vom Schuhmacher Hermann Wessendorf

Alstätte -

Ein Schritt durch die Eingangstür und der Besucher steht im „Ausstellungsraum“ der Familie Wessendorf: Der Meisterbrief von Hermann senior hängt dort, der Meisterbrief von Hermann junior hängt dort, und dessen Sohn Hermann-Josef hat 1992 die Reihe komplettiert. Nun kommt ein neues Stück hinzu.

Montag, 26.11.2018, 18:00 Uhr aktualisiert: 27.11.2018, 17:54 Uhr
Hermann Wessendorf machte vor 60 Jahren seine Prüfung zum Schuhmeister. Dafür bekam er jetzt den Diamantenen Meisterbrief verliehen. Bei ihm zu Hause hängen schon so einige Auszeichnungen an der Wand im Flur: Neben seinem Meisterbrief auch jene seines Vaters und seines Sohnes.
Hermann Wessendorf machte vor 60 Jahren seine Prüfung zum Schuhmeister. Dafür bekam er jetzt den Diamantenen Meisterbrief verliehen. Bei ihm zu Hause hängen schon so einige Auszeichnungen an der Wand im Flur: Neben seinem Meisterbrief auch jene seines Vaters und seines Sohnes. Foto: Mareike Meiring

Ein Schritt durch die Eingangstür genügt, schon steht der Besucher im „Ausstellungsraum“ der Familie Wessendorf: Der Meisterbrief von Hermann senior hängt dort, der Meisterbrief von Hermann junior hängt dort, und dessen Sohn Hermann-Josef hat 1992 die Reihe komplettiert. Neben dem Goldenen Meisterbrief vor zehn Jahren für Hermann Wessendorf junior kommt nun ein weiterer hinzu: der Diamantene Meisterbrief für den 84-jährigen Alstätter. Seine Meisterprüfung im Schuhmacher-Handwerk hatte Hermann Wessendorf am 27. November 1958 in Münster abgelegt.

„Das ist sozusagen unsere Ahnentafel“, sagt der Alstätter und lacht, während er auf die behängte Wand blickt. Noch fehlt der Haken für die Auszeichnung, die der Schuhmeister vergangene Woche in Bocholt entgegengenommen hatte.

Irgendwie muss das Schuhhandwerk bei den Wessendorfs in den Genen gelegen haben. Hermann Wessendorfs Opa hatte schon Holzschuhe angefertigt, sein Vater machte schließlich in Heek die Lehre zum Schuhmacher. Danach ging er als Geselle erst zwei Jahre auf Wanderschaft, bevor er schließlich in Enschede in einer Schuhfabrik arbeitete. Später machte sich der Senior 1937 selbstständig, mit einem Geschäft in Alstätte an der Münsterstraße. „Schuhgeschäfte wie heute gab es damals noch nicht“, sagt Junior Hermann Wessendorf. „Da waren Schuhmacher noch Schuhmacher.“ Der Augenmerk lag auf dem Handwerk, nicht aufs Verkaufen.

Doch dann begann der Zweite Weltkrieg, das Geschäft schloss, ans Schuhe kaufen dachten zu der Zeit nur noch wenige. Als der Krieg vorbei war, die Familie auch den Bombenangriff auf Alstätte überstanden hatte, kam 1948 die Währungsreform – „und mein Vater öffnete das Geschäft wieder“, erinnert sich Hermann Wessendorf. Er kam im selben Jahr mit 14 Jahren aus der Schule und begann zu Hause die Lehre. „Im dritten Lehrjahr bin ich dann zum Orthopädieschuhmeister nach Ahaus gegangen“, erzählt Wessendorf. „Schienen waren da noch nicht erfunden, auch Einlagen gab es noch nicht.“ Stattdessen ging es vorwiegend darum, Prothesen und Schuhe für Kriegsversehrte herzustellen.

Nach der Gesellenprüfung lernte Wessendorf verschiedene Schuhmeister kennen. „Ich habe bei vielen mal ausgeholfen“, erzählt er. Schließlich machte er die Meisterprüfung, bekam zudem die Genehmigung, als Teiltätigkeit auch als Orthopädieschuhmacher zu arbeiten. „Damals war das noch ein aufstrebender Beruf“, erinnert sich der heute 84-Jährige. „Da machten Schuhmacher noch viel mehr als nur Schuhe. Zum Beispiel auch Sattel für die Landwirtschaft.“

Nach der Meisterprüfung führten er und sein Vater das Geschäft zunächst gemeinsam, bevor der Junior schließlich alleiniger Inhaber wurde. „Bis zur Rente habe ich weitergemacht, dann habe ich das Geschäft vermietet“, sagt Wessendorf. Damit schloss auch der letzte Schuhmacher in Alstätte sein Geschäft.

Sein Sohn Hermann-Josef ist mittlerweile ein „fliegender Orthopädieschuhmeister“, wie der 84-Jährige mit einem Lachen sagt. Er arbeitet vor allem in den Niederlanden im Orthopädiebereich.

Neben den Schuhen hatte Hermann Wessendorf all die Jahre eine weitere Leidenschaft: das Fotografieren. Direkt im Haus hatte er daher nicht nur eine Werkstatt für die Schuhreparatur, sondern auch eine eigene Dunkelkammer zum Entwickeln der Fotos. „Ich habe zum Beispiel beim Schützenfest Bilder gemacht und hatte zwischendurch auch einen Presseausweis“, erzählt der 84-Jährige nicht ohne Stolz.

Beide Leidenschaften führte er noch lange fort, heute aber gibt es weder die Werkstatt noch die Dunkelkammer mehr. Die Schuhreparatur übernimmt mittlerweile sein Sohn für ihn. Ohnehin hat sich das Handwerk gewandelt, hat Wessendorf festgestellt. Und damit manchmal auch die Bezeichnung, wie er schmunzelnd sagt: „Heute würde man vielleicht sagen: Ich war Fußbekleidungsingenieur.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6216687?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F146%2F
Nachrichten-Ticker