Funktionale Analphabeten
Wenn Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben können

Ahaus -

Funktionale Analphabeten sind nicht etwa Migranten, die ohne Schulbildung nach Deutschland gekommen sind. Vielmehr sind es Menschen, die hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind – und trotzdem durchs Rost gefallen sind. Doch einige wollen sich diesem Schicksal nicht länger beugen. Stefan Erhardt ist einer von ihnen.

Samstag, 02.02.2019, 06:00 Uhr
Treffen sich einmal die Woche, um gemeinsam zu lesen, zu schreiben und zu rechnen: VHS-Kursleiterin Heidemarie Leukel und ihr 36-jähriger Schüler Stefan Erhardt.
Treffen sich einmal die Woche, um gemeinsam zu lesen, zu schreiben und zu rechnen: VHS-Kursleiterin Heidemarie Leukel und ihr 36-jähriger Schüler Stefan Erhardt. Foto: Mareike Meiring

Wenn Stefan Erhardt für seine Kollegen belegte Brötchen holen sollte, wusste er schon vorher, dass irgendetwas schief geht. Mal kam er mit einem Käse- statt einem Schinkenbrötchen zurück, mal verlief er sich und kam viel zu spät zurück zum Arbeitsplatz. Verständnis bei den Kollegen? Fehlanzeige. Die wussten ja nicht, was los war. Dass sich Stefan Erhardt die Bestellungen weder notieren noch die Straßennamen entziffern konnte. Dass es ihm nicht an fehlender Intelligenz mangelte, sondern schlicht an der Fähigkeit, richtig lesen und schreiben zu können. Dass er einer von rund siebeneinhalb Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland ist.

Alle drückten ein Auge zu

Denn Stefan Erhardt gab sich lange Zeit größte Mühe, dieses Problem zu verstecken. Funktionale Analphabeten sind nicht etwa Geflüchtete oder Migranten, die ohne Schulbildung nach Deutschland gekommen sind. Vielmehr sind es Menschen, die hier aufgewachsen sind, hier zur Schule gegangen sind, hier Klassenarbeiten geschrieben haben – und trotzdem durchs Rost gefallen sind. Weil Lehrer sie mit durchgezogen haben, weil Klassenkameraden sie gedeckt haben, weil alle ein Auge zugedrückt haben. Und so gingen sie aus der Schule, ohne die Schriftsprache so zu beherrschen, dass sie diese im Alltag für sich nutzen können.

So war es auch bei Stefan Erhardt. Seine Eltern konnten weder richtig lesen noch schreiben, auch er war nicht sofort ein Naturtalent. In der Schule zog er sich zurück, die Lehrer interessierten sich nicht für ihn, sein Frust wurde größer, der Lernwille immer kleiner. Er schleppte sich so durch, bis zur neunten Klasse, dann verließ er die Schule ohne Abschluss. Stefan Erhardt fing auf dem Bau an zu arbeiten, dort zählte das Handwerk, nicht die Buchstaben auf dem Papier. Über sein Problem sprach er nicht, sein einziges Ziel war, nicht aufzufallen. „Man muss am Ball bleiben“, weiß er heute. Doch das blieb er zunächst nicht. Dafür schämte er sich zu sehr.

Spezielle Kurse in der VHS

Das änderte sich, als der Ahauser vor fast vier Jahren zur Volkshochschule kam. Stefan Erhardt wollte sich nicht mehr verstecken, wollte endlich selbst die überall auf ihn einprasselnden Buchstaben zu Wörtern und Geschichten zusammensetzen können.

Nun lächelt er, wenn er an die vergangenen Stunden mit Lehrerin Heidemarie Leukel denkt. „Es klappt schon wohl gut“, sagt der 36-Jährige und grinst. Einmal die Woche kommt er in die VHS zu den Lese- und Schreibkursen für Erwachsene, an diesem Dienstagmorgen sitzt er dort alleine mit Heidemarie Leukel vor seinem Diktatheft. „Er muss sich überhaupt nicht verstecken“, sagt die 68-Jährige über ihren erwachsenen Schüler, der stets „voller Motivation“ sei, lobt die pensionierte Bankerin und ausgebildete Übersetzerin.

Als sie vor einigen Jahren mit den Lese- und Schreibkursen begann, war es auch für sie „vollkommen neu, dass das Schulsystem jemanden einfach so durchlaufen lässt“. Und das auf so vielen Ebenen. Heidemarie Leukel hatte schon einen Meister im Fliesenlegen in ihrem Kurs, „bei dem haben die Lehrer am Ende einfach die Praxis mehr bewertet und ihn im Unterricht nicht mehr dran genommen.“

Grundrechenarten lernen

Derweil schlägt Stefan Erhardt ein Buch auf, laut liest er die Geschichte von Mara und Timo vor. Seine Lehrerin hat die Zeilen fest im Blick, nur einmal unterbricht sie ihn, als der 36-Jährige aus Versehen „gebellt“ statt „gebastelt“ sagt. Eine Minute später ist Erhardt am Seitenende angelangt, er klappt das Buch wieder zu und schaut zufrieden auf. „Sagen Sie doch einmal die Neuner-Reihe auf“, kommt da schon die nächste freundliche Aufforderung von Heidemarie Leukel. Und Stefan Erhardt lässt sich nicht lange bitten: „Neun, 18, 27, 36, 45, 54 . . .“

Vor einigen Jahren hätte er bei dieser Frage nur Schweigen können. Denn auch die Grundrechenarten hat der 36-Jährige nie wirklich in der Schule gelernt. Mittlerweile ist er so weit, dass er selbst Textaufgaben lösen kann, auch sein erstes Buch hat er zu Hause schon alleine gelesen. „Ein kurzer Thriller, nichts Besonderes“, sagt der Mann und winkt ab. Das reicht Stefan Erhardt noch nicht, er will mehr – schwierigere Bücher lesen, längere Sätze schreiben, kompliziertere Rechenaufgaben lösen. Und: einen Job haben, von dem er leben kann.

Auf Jobsuche

Derzeit arbeitet der Ahauser als Ein-Euro-Jobber, als Hausmeister ist er in den Flüchtlingseinrichtungen der Stadt Ahaus unterwegs. Am liebsten hätte Stefan Erhardt einen Vollzeitberuf, mit richtigem Gehalt, von dem er sich selbst versorgen kann, ohne vom Staat abhängig zu sein. Und dann? „Würde ich gerne einen Führerschein machen“, sagt der 36-Jährige. Die Fragen lesen kann er bereits.

Nur wenige Analphabeten holen sich Hilfe

7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland sind laut des Bundesverbands Alphabetisierung funktionale Analphabeten – das bedeutet, sie sind aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenz nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben. Das Problem: Viele von ihnen geben sich nicht zu erkennen und sind nur schwer zu erreichen. „Sie können ja zum Beispiel keine Plakate lesen“, sagt Stefanie Horst, Fachbereichsleitung Berufliche Qualifizierung bei der VHS Ahaus. Also versucht die Bildungseinrichtung, diese Menschen über andere Wege zu erreichen, über das Jobcenter etwa, den Arbeitgeber, die Handwerkskammer. Leicht ist das nicht. „Das Thema ist noch immer tabuisiert, und die Betroffenen haben viele Anpassungsschlupflöcher gefunden“, sagt Horst. Sie verstecken ihre Probleme hinter einer schlechten Handschrift, nehmen Formulare immer mit nach Hause, statt sie vor Ort auszufüllen, sagen, sie hätten ihre Brille vergessen. Derzeit bietet die VHS Ahaus vier Lese- und Schreibkurse für Erwachsene an, „bei Bedarf würden wir aber weitere Gruppen einrichten“, sagt Horst. Der Unterricht findet in kleinen Gruppen statt und ist kostenlos. Weitere Informationen gibt es bei Stefanie Horst, 02561 953752.

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