Der Geschmack der Grenzgänger
Im Landgasthof Haarmühle treffen Deutsche und Niederländer täglich aufeinander

Alstätte -

Die Grenzöffnung hat die Haarmühle zu dem gemacht, was sie heute ist: ein Ort, an dem Deutsche und Niederländer wie selbstverständlich aufeinandertreffen. Auch die Speise- und Getränkekarte ist bewusst auf die Grenzlage abgestimmt.

Samstag, 27.04.2019, 06:00 Uhr
Anne und Guido Brüggemann vor ihrem Landgasthof Haarmühle. Sie haben tagtäglich mit Grenzgängern zu tun und sind deshalb froh über den Wegfall der Grenzen und die Euroeinführung, die aus ihrer Sicht die größten Verdienste der EU sind.
Anne und Guido Brüggemann vor ihrem Landgasthof Haarmühle. Sie haben tagtäglich mit Grenzgängern zu tun und sind deshalb froh über den Wegfall der Grenzen und die Euroeinführung, die aus ihrer Sicht die größten Verdienste der EU sind. Foto: Mareike Meiring

Die Grenzöffnung hat die Haarmühle zu dem gemacht, was sie heute ist: ein Ort, an dem Deutsche und Niederländer wie selbstverständlich aufeinandertreffen. Als Gäste, als Naturliebhaber, als Mitarbeiter. Nur etwa einen Kilometer ist der Landgasthof von dem historischen Schlagbaum im Beßlinghook entfernt, umgeben vom grenzüberschreitenden Naturschutzgebiet Witte Venn. „Europa ist für uns Alltag“, sagt Guido Brüggemann . Ein Alltag, der mit dem Wegfall der Grenzkontrollen und der Grenzöffnung ab Ende der 80er-Jahre noch selbstverständlicher wurde.

Schon früh hat sich der Landgasthof der Familie Brüggemann auf die internationale Kundschaft eingestellt. Denn auch, als an der Grenze am Beßlinghook abends ab 20 Uhr noch der Schlagbaum runter ging, hatte die Haarmühle schon viele Gäste aus den Niederlanden. Die mussten dann abends nur eher weg – oder einen Umweg zum Beispiel über Gronau und Glanerbrug fahren.

Über 30 Festangestellte arbeiten heute in dem Betrieb, darunter sind auch einige aus Holland. Und von den zahlreichen Aushilfen haben ebenfalls einige einen niederländischen Pass. „Das ist im Service besonders wichtig“, sagt Guido Brüggemann. Denn während man sich mit den Holländern von unweit der Grenze zur Not noch auf Platt unterhalten könne, sehe das bei jenen Gästen aus Amsterdam schon wieder ganz anders aus. „Das ist wie mit Deutschen, die aus Bayern kommen“, sagt Anne Brüggemann . Da sind Muttersprachler gefragt. Und nicht immer ist den Gästen überhaupt noch bewusst, dass sie sich auf deutschem Boden befinden. „Die Gäste merken oft gar nicht mehr, wo sie sind“, sagt Anne Brüggemann – und haben dann auch schon mal keinen Pass in der Tasche.

Drei Flaggen wehen an der Haarmühle: die deutsche, die niederländische und die europäische Flagge.

Drei Flaggen wehen an der Haarmühle: die deutsche, die niederländische und die europäische Flagge. Foto: Mareike Meiring

Doch die Sprachbarriere gibt es nach wie vor, ist die Erfahrung des Ehepaars. Teilweise verfestige sie sich sogar, haben sie beobachtet. „Es sind eher die älteren Niederländer, die Deutsch sprechen“, sagt Anne Brüggemann. Nicht nur, weil sie die Sprache in der Schule gelernt haben, sondern auch, weil das Kinderprogramm dort damals noch auf Deutsch lief. Das ist mittlerweile anders. Deshalb achtet der Landgasthof bewusst darauf, dass alles zweisprachig ist: die Speise- und Getränkekarte, die Hinweisschilder, die Internetseite.

Apropos Speise- und Getränkekarte: Auch die ist bewusst auf die Grenzlage abgestimmt. Inklusive der Fleischkrokette, die das Alstätter Ehepaar extra für die Holländer auf ihre Karte gesetzt hat. Und dann gibt es da noch die holländische Eigenart, immer nur ein Glas Wein oder eine Tasse Kaffee zu bestellen – nie eine Karaffe oder gar ein Kännchen. Draußen nur Kännchen? „Das gibt es bei uns nicht“, sagt das Ehepaar und lacht. Dafür bestellen die Niederländer fast nur Getränke ohne Kohlensäure. „Der Deutsche trinkt alles als Schorle. Der Niederländer packt überall Eiswürfel hinein“, sagt Anne Brüggemann, der dann gleich noch eine weitere Angewohnheit der Niederländer einfällt: fast alles mit Karte zu bezahlen, auch Kleinstbeträge. Aber machbar sei das alles, meint Guido Brüggemann.

Mehr Probleme bereitet der Familie da die Bürokratie bei der Anstellung ausländischer Arbeitskräfte, sagt Anne Brüggemann. Denn einen Niederländer in Deutschland zu beschäftigen, ist nicht immer einfach. Einen 450-Euro-Job etwa gebe es in der Form in den Niederlanden nicht. Auch die Ausbildung sei sehr unterschiedlich. „Die Auszubildenden verdienen dort sehr wenig“, ist Anne Brüggemanns Erfahrung. Und ist ein Mitarbeiter mal krank, bekommt er zwar vom Arzt in den Niederlanden ein Attest. Darauf steht aber nicht vermerkt, wann der Mitarbeiter voraussichtlich wieder fit ist. Das liegt dann in seinem Ermessen.

Großes Aufatmen gab es damals indes am Landgasthof, als der Euro eingeführt wurde. „Vorher hatte ich immer Gulden und D-Mark im Portemonnaie“, erinnert sich die gelernte Hotelmeisterin Anne Brüggemann, die vor der Euro-Einführung noch als Kellnerin in dem elterlichen Betrieb aushalf. Eine große Hilfe war da das Kassensystem, das automatisch umrechnen konnte. „Der Euro ist ein Segen“, sagt auch Guido Brüggemann. Fürs Geschäft wie im Privaten.

Ganz verschwinden wird die Grenze sicherlich nie, glauben die zwei Alstätter. „Aber ohne die EU wären wir nicht da, wo wir heute sind“, sagt Anne Brüggemann. Irgendwann wird sich die Grenze vielleicht mal so anfühlen wie bei zwei Bundesländern, die nebeneinander liegen, schätzt die 37-Jährige: „Wie Niedersachsen und NRW.“ Nur die zwei verschiedenen Sprachen – „die bleiben“, glaubt die Alstätterin.

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