Rangierlok und Güterwaggon hielten 13 Jahre Dornröschenschlaf
Letzte Abfahrt aus Alstätte

Alstätte -

Vor 117 Jahren rollte der erste Zug durch Alstätte. Am Dienstag der letzte: „Das ist das letzte Mal, dass in Alstätte ein Waggon rollt“, kündigt Heribert Lülf noch an, ehe er gemeinsam mit anderen Eisenbahnfreunden in die Handschuhe spuckt und sich gegen den grünen Güterwagen stemmt, um ihn einige Meter Richtung Kran zu schieben.

Dienstag, 21.01.2020, 17:46 Uhr aktualisiert: 21.01.2020, 20:30 Uhr
Der Augenblick, in dem die letzte Eisenbahn in Alstätte rollt – wenn auch nur durch Muskelkraft.
Der Augenblick, in dem die letzte Eisenbahn in Alstätte rollt – wenn auch nur durch Muskelkraft. Foto: Bernd Schäfer

Das gleiche hatten sie kurz zuvor schon mit der Lokomotive gemacht, die mittlerweile auf einem Tieflader auf ihren Weitertransport wartete.

Die vergangenen 13 Jahre hatten die Rangierlok vom Typ RL 3 und der Waggon im Dornröschenschlaf verbracht. Vorher absolvierten sie für den Verein Euregio Eisenbahn Museumsfahrten auf der ehemaligen Strecke der Ahaus-Enscheder Eisenbahn, die seit 1903 die Textilindustrie in der Twente mit Steinkohle aus dem Ruhrgebiet versorgte.

Bis 1945 pendelten auf den Gleisen, die durch Alstätte gingen, auch Personenzüge, danach nur noch Güterzüge – unter anderem zum Bundeswehr-Depot in Lünten. 1991 wurde die Strecke stillgelegt und verkauft und bis 2007 von der Ahaus-Alstätter Eisenbahn betrieben.

Von Dornengestrüpp überwuchert

Seitdem wurden die Gleise nach und nach abgebaut, nur ein kurzes Stück auf dem Gelände der Raiffeisen-Genossenschaft blieb liegen. Und auch die Waggons und Lokomotive wurden verkauft – bis auf die kleine Lok der Firma O&K (Orenstein & Koppel), die zusammen mit dem Waggon nach und nach von Bäumen und Dornengestrüpp überwuchert wurde.

Bis sie jetzt ihren Platz räumen sollten. Bereits einige Tage vorher befreiten Heribert Lülf und seine Helfer die Fahrzeuge aus ihrem pflanzlichen Gefängnis. Mitarbeiter der Firmen Wilmer aus Alstätte und „Die Schmiede“ aus Duisburg machten sie zumindest soweit wieder flott, dass sie sich die rund 50 Meter bis zum Verladekran auf eigenen Achsen bewegen konnten.

Und tatsächlich: Am Dienstag lassen sich beide trotz ihrer langen Auszeit bewegen – und trotz ihres Alters: Die Rangierlok stammt aus dem Jahr 1933, der Waggon ist sogar noch älter – auf einem der Bremssättel ist noch die Zahl 1916 als Herstellungsjahr erkennbar. Wo Lok und Waggon ihren Dienst versahen, bevor sie in den 1990er Jahren nach Alstätte kamen, ist nicht mehr nachvollziehbar.

Herkunft unbekannt

Die kleine Diesellok wird wohl auf irgendeinem Werksgelände im Einsatz gewesen sein, der Güterwaggon könnte der britischen Armee gehört haben – zumindest könnte die Bremse der Firma Westinghouse ein Zeichen dafür sein. „Die deutschen Waggons hatten meist Bremsen von Knorr“, weiß Heribert Lülf. Der Waggon selbst gibt keinen Hinweis: „Die wurden damals in mehreren Ländern nach dem gleichen Prinzip gebaut.“

Nachdem der Waggon schließlich die letzten Meter an einen vom Kranausleger erreichbaren Platz geschoben worden und mit dicken Spanngurten gesichert worden ist, hebt er sich langsam in die Höhe und entschwebt über den Zaun auf das Gelände der benachbarten Spedition wo schon der Tieflader wartet. Kurze Zeit später rollen die Fahrzeuge auf der Straße davon: Die Lok in die Duisburger „Schmiede“, wo sie wieder fahrtüchtig gemacht werden soll, der Waggon nach Bocholt, wo er Hobbyeisenbahnern als Werkstatt-, Lager- und Aufenthaltsraum dienen soll.

Bald werden dann auch die letzten Eisenbahn-Spuren in Alstätte verwischt: Die Gleise. Auch die haben schon einige Jahre auf dem Buckel – in eine ist die Jahreszahl 1911 eingestanzt.

Die letzte Abfahrt aus Alstätte

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