Nach einigen Jahren im Gartenversteck ist Kuchels Natz nun für alle sichtbar
Denkmal für den Dusendküinsler

Alstätte -

Würde er noch leben – die Geschichte rund um sein Denkmal hätte ihm bestimmt gefallen. „Kuchels Natz“ war ein echtes Alstätter Original, ein handwerklicher „Dusendküinsler“ (Tausendkünstler), Musiker, Geschichtenerzähler und Spaßvogel, der gerne mal seine Mitmenschen veräppelte.

Donnerstag, 23.01.2020, 17:12 Uhr aktualisiert: 24.01.2020, 17:20 Uhr
Die Jagd mit seinem Hund „Ledy“ gehörte ebenfalls zu den Leidenschaften des Alstätter Originals.
Die Jagd mit seinem Hund „Ledy“ gehörte ebenfalls zu den Leidenschaften des Alstätter Originals. Foto: privat

Einen Teil seines Bekanntheitsgrads verdankt er Professor Heinrich Rensing , der viele Geschichten um das vor fast genau 200 Jahren, nämlich am 11. Dezember 1819, geborene Original sammelte und ab 1933 in plattdeutscher Sprache in der Zeitschrift „Hausschatz“ veröffentlichte.

Etwa die von dem kleinen Mädchen, das nach der Schule mit einer zerbrochenen Stopfnadel in seine Werkstatt kam – der einzigen, mit der sie vernünftig arbeiten konnte. Und ihn fragte, ob er sie wieder zusammenlöten könnte.

Natz, der eigentlich Bernhard Ströing hieß, wusste auf den ersten Blick, dass das nicht gehen würde. Trotzdem sagte er dem Mädchen, dass er es versuchen wolle und sie nach dem Essen noch einmal vorbeischauen sollte.

Wunderheilung einer Stopfnadel

Kaum hatte das Mädchen seine Werkstatt verlassen, rief Natz nach seiner Frau: „Annkatrine, hast du noch eine dünne Stopfnadel über, so eine wie diese?“ Die hatte sie tatsächlich. Natz nahm die Nadel und hielt sie über eine Flamme, damit das Metall etwas anläuft, genau an der Stelle, an der die andere zerbrochen war. Am Ende war er glücklich, dem Mädchen geholfen zu haben – und das Mädchen, weil seine Stopfnadel für zwei Pfennige repariert wurde.

„Alles, was aus dem Lot war, was nicht mehr funktionierte, konnte Natz wieder zurecht machen“, heißt es im Vorwort zu der Anekdotensammlung. „Was andere, die sich stolz Meister nannten, verpfuscht hatten, brachte Natz ohne Angeberei und Prahlerei schnell wieder in Gang.“

Kuchels Natz steht jetzt als geschnitzte Statue vor dem Kirschgarten von Bredeck-Bakker.

Kuchels Natz steht jetzt als geschnitzte Statue vor dem Kirschgarten von Bredeck-Bakker. Foto: Bernd Schäfer

Seine handwerklichen Kenntnisse verdankte er einem unheimlichen Wissensdurst. Schon als Schüler soll er eine kaputte Uhr auseinandergenommen, repariert, gereinigt und wieder zusammengesetzt haben, was ihm den frühen Ruf als „Uhrendoktor“ einbrachte. Statt sich wie andere Jugendliche aus seinen Verhältnissen auf einem Hof als Knecht zu verdingen, zog es ihn ins benachbarte Enschede. Dort soll er direkt mal die Herstellung von Garnspulen revolutioniert haben: Statt wie sein Meister erst die Spule zu drehen und anschließend das Loch hindurchzubohren, machte er es umgekehrt – und sparte damit viel Zeit und Material.

Uhrmacherei und Werkstatt

In seiner freien Zeit streifte er durch die Tischlereien und Schlossereien von Enschede und ließ sich dort die Kniffe der Holz- und Metallbearbeitung erklären. Obwohl er schnell in den Niederlanden als fähiger Handwerker bekannt wurde, zog es ihn zurück in seinen Heimatort. Mit großem Gepäck: Von seinem verdienten Geld kaufte er Werkzeuge, mit denen er sich gleich hinter dem heutigen Gasthof Bredeck-Bakker zwei kleine Häuser einrichtete – eines als Wohnung und Uhrmacherei und eines als Holz- und Metallwerkstatt. Außerdem heiratete er Anna Katharina Leeners, die als Hebamme ebenfalls im ganzen Ort bekannt war.

Wat kost? Ät kost nichts!

Kuchels Natz

Ein guter Geschäftsmann war er den Überlieferungen nach allerdings nicht. Auf die Frage „Wat kost?“ soll er meist geantwortet haben: „Ät kost nichts.“ Für aufwendigere Reparaturen soll er ein „Kaßmännken“ verlangt haben – zweieinhalb Groschen, was ungefähr dem Preis von zwei Pfund Mehl entsprach. Kein Wunder, dass er „sien Läwenlank in äinfache, bool ärmlicke Verhältnissen“ lebte.

Etwas teurer dürfte die aus Holz geschnitzte Figur von Kuchels Natz gewesen sein, die in einer Werkstatt im Erzgebirge angefertigt wurde. Die Idee dazu hatte Willi Brunner, der für die Umsetzung von mehreren Sponsoren unterstützt wurde. Allerdings wurde mangels eines geeigneten Standorts aus dem geschichtenumrankten zunächst ein pflanzenumranktes Original, das mehr oder weniger versteckt im Garten des Gasthauses stand. Bei einem nächtlichen Ausflug in den Garten fiel die Figur zwei Mitgliedern des Heimatvereins auf – die sich gleich dachten: „Da sollte es doch einen besseren Platz für geben.“ Den gab es: Seit einigen Wochen steht die Figur an prominenterer Stelle, nämlich direkt an der Straße vor dem Bredeck-Bakker’schen Kirschgarten. Eine kleine Hinweistafel des Heimatvereins erklärt, wer der Mann war, der Stoff für so viele Geschichten lieferte.

Letzter Scherz auf dem Sterbebett

Selbst in seiner allerletzten Stunde soll der 89-Jährige sich der Überlieferung nach noch einen Scherz mit seiner Frau erlaubt haben: Nachdem er einige getrocknete Heidelbeeren, die der Doktor ihm als Medizin verschrieben hatte, gegessen hatte, bat er seine Annkatrine um einen Spiegel. „Ich will sehen, ob meine Zunge noch so belegt ist, wie in den vergangenen Tagen.“ Als seine Frau ihm sagte, dass sie ja auch nachsehen könne, streckte er ihr lachend seine von den Beeren schwarze Zunge heraus.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7213692?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F146%2F
Erst Omas Auto dann fremder Roller: Jugendliche gefasst
Ein Blaulicht leuchtet an einer Polizeistreife.
Nachrichten-Ticker