Soziale Dienste müssen sich bei Corona-Hilfsmaßnahmen hinten anstellen
Caritasverband kritisiert Kürzungen

Ahaus -

„Corona und die Folgen“, unter diesem Schlagwort beleuchtet der Caritasverband Ahaus-Vreden die Auswirkungen der Pandemie auf seine Arbeit. Peter Schwack, Vorstand für das Ressort Soziale Dienste, berichtet über nur schwierig umzusetzende Vorgaben.

Montag, 28.12.2020, 16:44 Uhr aktualisiert: 29.12.2020, 17:49 Uhr
Peter Schwack, Vorstand des Caritasverbandes, kritisiert die aus seiner Sicht unzureichende finanzielle Unterstützung.
Peter Schwack, Vorstand des Caritasverbandes, kritisiert die aus seiner Sicht unzureichende finanzielle Unterstützung. Foto: Caritasverband

Doch Corona habe die Arbeit auch mit Blick auf die Zukunft deutlich erschwert, meint Peter Schwack . So hat die NRW-Landesregierung in der Pandemie zum Beispiel die finanziellen Zuwendungen für die Flüchtlingshilfe erheblich reduziert. „Ein absolutes Unding“, findet Schwack.

Ein weiteres Problem: „Die Sozialen Dienste haben nicht eine solche Lobby wie andere Bereiche. Bei den Sozialen Diensten ist es so: Für all das, was wir anbieten, müssen wir Geld mitbringen“, berichtet Schwack. Die Kostenträger erwarten einen Eigenanteil von mindestens zehn Prozent. „Das hat auch etwas mit gesellschaftlicher Anerkennung unserer Arbeit zu tun. Es wird zwar immer gesagt, Familie ist unser höchstes Gut. Aber es mangelt seit Jahren an auskömmlicher finanzieller Unterstützung durch Land und Bund.“ Auch in der Corona-Pandemie zeige sich, dass die Dienste, die sonst auch nicht besonders gut finanziert seien, in der Krise weiter finanziell schlecht dastünden.

Dabei hat die Pandemie nicht nur finanzielle Auswirkungen, sondern die Arbeit im Sozialen Dienst ganz allgemein verändert. Persönliche Begegnungen mit den Klienten mussten zurückgefahren werden, die Absprachen der Mitarbeiter untereinander erfolgten häufig digital.

„Wir haben beispielsweise auf Videotelefonie umgestellt“, sagt Peter Schwack. Eine rein telefonische Beratung sei aber schwierig. „Mimik und Gestik sind bei der Beratung nicht ganz unwichtig.“ Gruppenangebote gab und gibt es im Lockdown – wenn überhaupt – nur sehr reduziert.

Dabei ist in einigen Bereichen wie der Schuldnerberatung die Zahl der Anfragen gestiegen, ebenso bei der Suchtberatung. In der Erziehungsberatung hingegen gab es im Frühjahr trotz geschlossener Schulen und Kindergärten weniger Anfragen. Schwack: „Das macht uns Sorgen. Wir sind ja Anlaufstation, wenn Probleme mit Kindern auftreten.“

Dabei hätten die Mitarbeiter in der aufsuchenden Sozialarbeit in den Familien deutlich mehr Krisen und eskalierende Situationen festgestellt. „Auch im Lockdown spielt die Kindeswohlgefährdung eine Rolle.“ Corona habe die Lage für Klienten wie für Mitarbeiter deutlich komplizierter gemacht.

In den Einrichtungen der Behindertenhilfe des Caritasverbandes seien die Landesverordnungen zu Beginn der Krise fast überhaupt nicht umzusetzen gewesen. In der Theorie des Landes hätte es einen Quarantänebereich, einen Infektionsbereich und einen Normalbereich geben müssen – mit getrenntem Personal. „So viele freie Raumkapazitäten stehen uns gar nicht zur Verfügung. Ich kann ja schlecht anbauen in der kurzen Zeit. Und wie das mit dem Personalstamm, der nicht größer geworden ist, geleistet werden soll, sagt auch niemand“, berichtet Vorstand Schwack aus der Praxis.

Gleichzeitig für die Bewohner bei geschlossenen Werkstätten noch eine Tagesstruktur anzubieten – „das alles ist eine enorme Mehrbelastung der Mitarbeiter“. Für Peter Schwack steht fest: Manche politischen Entscheidungen wurden am grünen Tisch getroffen und sind dann teils durch Rückkopplungen aus der Praxis angepasst worden. So hätte er sich gewünscht, dass die Mitarbeiter und Bewohner der Eingliederungshilfe auch bei den Impfungen früher bedacht worden wären.

Das Land habe für die Behindertenhilfe pro Woche teilweise mehrere Änderungen von Verordnungen erlassen. „Die Kollegen in der Betreuung mussten sich kontinuierlich einlesen und hatten gleichzeitig Sorge um die Gesundheit der Bewohner und ihre eigene Gesundheit.“ Hinzu sei in den Beratungsdiensten aufgrund von Kurzarbeit und zeitweisen Rückgangs von Anfragen auch die Sorge um den Arbeitsplatz gekommen.

„Gespannt darf man sein, ob Personalmehrkosten, die durch viele Testungen entstehen, überhaupt finanziert werden, denn so bereitwillig wie in anderen Bereichen, wird dies in der Eingliederungshilfe nicht gezahlt“, sagt Peter Schwack. Für die stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe gab es beispielsweise zunächst in der Corona-Pandemie kein Geld für die Anschaffung von Spritzschutzen. Die Begründung: Sie dienen zum Schutz der Besucher und nicht zum Schutz der Bewohner.

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