Der Leiter des Ressorts Pflege beim Caritasverband, Matthias Wittland, über Corona und die Folgen
Eine völlig unbekannte Situation

Ahaus -

Es war der 12. März vergangenen Jahres, an dem das Coronavirus für einen Wendepunkt in der Arbeit von Matthias Wittland sorgte. „An dem Tag hatte ich nachmittags einen Termin in Heek. Als ich danach ins Büro zurückkehrte, kamen die ersten Mails, in denen die Schließung der Altenheime verkündet wurde.“

Freitag, 01.01.2021, 17:30 Uhr aktualisiert: 04.01.2021, 18:05 Uhr
Matthias Wittland, Vorstand für das Ressort Pflege beim Caritasverband Ahaus-Vreden.
Matthias Wittland, Vorstand für das Ressort Pflege beim Caritasverband Ahaus-Vreden. Foto: Christian Bödding

 

Die größte Herausforderung bestand für den Vorstand für das Ressort Pflege beim Caritasverband Ahaus-Vreden darin, mit der Ungewissheit klarzukommen. „Heute gibt es für verschiedene Situationen Verordnungen und Handlungsanweisungen. Im Frühjahr gab es zunächst gar nichts. Es war eine bis dahin völlig unbekannte Situation.“

Es galt, viele Entscheidungen auf die eigene Kappe zu nehmen. „Das ging so bis Ostern .“ Der Blick auf die anfangs noch diffuse Lage wurde mit den ersten konkreten Corona-Erkrankungen klarer. Der Lockdown zeigte, dass etwas im Gange ist. „Als vor Ostern erste Bewohner in unserem City-Wohnpark in Gronau in Zusammenhang mit Corona verstarben, da war quer über alle Einrichtungen die Befürchtung groß, dass sich das Virus wellenartig ausbreiten könnte und viele erkranken.“

Die Lage war extrem angespannt. Nicht nur mit Blick auf das Infektionsgeschehen, auch in Sachen Vorratshaltung. Der Einkauf von Masken, Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung gestaltete sich äußerst schwierig. „Wir hatten nur geringe Vorräte, gleichzeitig traf uns der Bedarf in unseren Einrichtungen mit voller Wucht.“ Der Caritasverband bildete deshalb frühzeitig den zentralen Einkauf.

Das Problem: Auf dem Markt gab es zunächst nur Kleinstmengen. Der Caritasverband konnte bei einem Lieferanten zum Beispiel 50 Masken ordern, bei einem anderen zehn. Matthias Wittland : „Dazu kamen etliche Spenden, sodass wir einen Grundstock hatten.“ Trotz der Zusagen aus der Politik konnte der Caritasverband seine Einrichtungen nur von Tag zu Tag ausstatten. „Das gab einem kein gutes Gefühl.“

Die Lage beruhigte sich ab Ende April. Heute steht Material zur Verfügung, um drei bis vier Wochen vorausschauen zu können. Ein großes Problem sind aktuell allerdings Einmalhandschuhe,die unter anderem für Testabstriche gebraucht werden. Die Nachfrage liegt weltweit deutlich höher als die Produktionskapazitäten. „Vor der Krise kostete eine Packung mit 100 Stück rund drei Euro, mittlerweile sind es bis zu 15 Euro.“

Bezahlbar sind hingegen Schutzmasken geworden. Matthias Wittland erinnert sich noch an ein Angebot für FFP2-Schutzmasken, das er Anfang April bekam. „Der Verkäufer wollte 25 Euro pro Stück, unglaublich.“

Trotz der größtenteils eingetretenen Entspannung im Einkauf – Matthias Wittland schätzt die aktuelle Lage deutlich bedrohlicher ein, als die Lage im Frühjahr. „Es war bekannt, dass das Virus mit Beginn des Sommers ein Stück zurückgedrängt wird. Jetzt stehen wir vor der Gewissheit, dass sich trotz Impfungen die Lage in den nächsten Monaten nicht deutlich verbessern wird.“

Es werde von der Politik erkennbar mehr Arbeit und mehr Verantwortung auf die Pflege übertragen. „Uns beschäftigt die Frage, ob die Luft reicht, ob wir bei der Bekämpfung des Virus über die Runden kommen.“ Die ohnehin schon dünne Personaldecke in den Diensten und Einrichtungen ist durch die Corona-Pandemie weiter geschwächt worden. Mitarbeiter als Kontaktperson eines Infizierten müssen in Quarantäne oder als Infizierte in die Isolation. „Bei unseren Mitarbeitern ist zudem die ständige Sorge im Kopf, dass sie das Virus in die Einrichtungen oder die Familie tragen.“

In die Kategorien „richtig“ oder „falsch“ will Matthias Wittland keine der im Frühjahr von der Politik getroffenen Entscheidungen einsortieren. „Alle Beteiligten waren mit einer unbekannten Situation konfrontiert.“ Allerdings hätten im Frühjahr alle an einem Strang gezogen „und versucht, es bestmöglich hinzubekommen“. Einen Bruch sieht der Caritas-Verantwortliche im Vorpreschen der NRW-Landesregierung kurz vor Muttertag. Da habe NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann die Öffnung der Pflegeheime verkündet – „die in dieser Form für alle völlig unvorbereitet kam“. Die Verordnung des Landes kam einige Tage später – und wich zudem in einigen Punkten von der Erklärung des Ministers ab. „Da hatten wir das erste Mal in der Krise das Gefühl, jetzt stehen wir alleine.“ Die Öffnung war allseits gewünscht und erste Vorbereitungen bestanden auch bereits, jedoch schien die Ankündigung kaum abgestimmt.

Dazu zählt Matthias Wittland auch das Vorgehen bei der Pflegeprämie. „Es hat Monate gedauert, bis klar war, wer sie finanziert. Allein das zeigt, dass etwas nicht passt im System. Die Lufthansa bekam ihre neun Milliarden deutlich schneller.“ Das Caritas-Vorstandsmitglied sieht in der Pflegeprämie immer mehr eine Einmal-Aktion der Politik. „Nachdem die Pflegeprämie bezahlt wurde, gab es immer neue Auflagen wie die Testungen und Besuchsregelungen. Immer mehr Arbeit zur Bekämpfung der Corona-Pandemie wird auf die Pflege abgewälzt, ohne dass eine Perspektive erkennbar ist.“ Matthias Wittland ist überzeugt: Hätte der Pflegebereich eine bessere Lobby, „dann würde es solche einseitigen Entscheidungen schwerlich geben.“

Ob der Pflegebereich nach der Corona-Krise tatsächlich besser dasteht? Matthias Wittland wünscht es sich, doch er hat daran Zweifel. „Ich bin seit über 30 Jahren in diesem Bereich tätig. Es hat immer wieder Ansätze gegeben, die Pflege in Krisenzeiten zu unterstützen. Diesmal wurde geklatscht und es gab die Pflegeprämie. Die aktuelle Umsetzung von Verordnungen zu Lasten der in der Pflege Arbeitenden zeigt mir aber, dass von der ursprünglich geäußerten Wertschätzung tatsächlich nur Worte übrig geblieben sind.“

Mit Veränderungen rechnet der Pflege-Vorstand hingegen in den Einrichtungen der Altenhilfe. Eine Rückkehr zur „alten Normalität“ kann sich Matthias Wittland nur schwer vorstellen. „Die Arbeit im Seniorenheim war jahrelang vom Normalitätsprinzip geprägt.“ Durch die Corona-Pandemie seien so viele hygienische Voraussetzungen wichtig geworden, dass ein Teil davon bleiben werde. „Ich glaube, dass sich die klassische Wohnsituation künftig wieder anders darstellen wird. Zudem wird die Pandemie bei allen Beteiligten Spuren hinterlassen.“

Unter dem Titel „Corona und die Folgen“ beleuchtet der Caritasverband Ahaus-Vreden die Auswirkungen der Pandemie auf seine Arbeit.

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