Stutthof-Prozess
Ehemaliger SS-Wachmann schweigt zum Prozessauftakt

Münster -

Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen. Die Worte von Oberstaatsanwalt Andreas Brendel wiegen schwer. Von Vergasung spricht er, Erschießungen, Tötung durch Verhungern lassen. Vor dem Landgericht in Münster hat am Dienstagmorgen der Prozess gegen den 94-jährigen Münsterländer Johann R. begonnen, der von 1942 bis 1944 als SS-Scherge im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig eingesetzt war.

Dienstag, 06.11.2018, 19:50 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 06.11.2018, 12:12 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 06.11.2018, 19:50 Uhr
Der 94 Jahre alte Mann aus dem Kreis Borken (Mitte), hier mit seinen Verteidigern Jürgen Föcking links und Andreas Tinkl, muss sich seit Dienstagmorgen vor dem Landgericht in Münster verantworten.
Der 94 Jahre alte Mann aus dem Kreis Borken (Mitte), hier mit seinen Verteidigern Jürgen Föcking links und Andreas Tinkl, muss sich seit Dienstagmorgen vor dem Landgericht in Münster verantworten. Foto: Gunnar A. Pier

Manchmal hat die Geschichte einen langen Atem. Über 70 Jahre sind die Verbrechen alt, begangen im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Seit Dienstag wird vor dem Landgericht in Münster gegen einen ehemaligen SS-Mann aus dem Kreis Borken verhandelt.

Der 94 Jahre alte Johann R. war zwischen 1942 und 1944 als Wachmann in Stutthof eingesetzt, das ist unbestritten. Ob er von den dort begangenen Verbrechen etwas mitbekommen hat und wenn ja, was – an dieser Frage scheiden sich die Geister. Für die Anklagevertretung ist klar: R. muss von den Grausamkeiten, den Morden gewusst haben. Dafür waren die Verbrechen zu alltäglich. Der Angeklagte selbst bestreitet das.

Voller Zuschauerraum

In einem Rollstuhl lässt er sich um kurz vor zehn in den Gerichtssaal schieben. Er grüßt winkend, was durchaus skurril wirkt. Auf dem Kopf trägt er einen grünen Anglerhut. R. ist alt und ­gebrechlich, seine Stimme klingt brüchig – auch wenn er so gut wie nichts sagen wird an diesem Tag. Seine Augen aber machen einen wachen Eindruck. Aufmerksam verfolgt er das Geschehen; bleibt ansonsten jedoch regungslos, auch als Brendel die Anklageschrift verliest. Das soll sich später ändern.

Aus Rücksicht auf sein ­Alter und seine allgemeine Verfassung ist jeder Prozesstag auf zwei Stunden begrenzt. Verhandelt wird ­übrigens nach Jugendstrafrecht: Der Angeklagte war 18 Jahre alt, als er SS-Mann wurde, und deshalb nach damaligem Recht nicht volljährig. 

Das Interesse an der Verhandlung ist groß. Der Zuschauerraum ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Der Fall sorgt auch international für Aufsehen.

Prozessauftakt gegen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof

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  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.
    Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Im Rollstuhl schob ihn ein Mitarbeiter des Gerichts am Morgen in den Verhandlungssaal.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Angeklagte saß während des ersten Prozesstags zwischen seinen Verteidigern Jürgen Föcking (links) und Andreas Tinkl.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Staatsanwälte Carsten Dombert (links) und Andreas Brendel.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.
    Das Gesicht des Angeklagen muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Angeklagte saß während des ersten Prozesstags zwischen seinen Verteidigern Jürgen Föcking (links) und Andreas Tinkl.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Staatsanwälte Carsten Dombert (links) und Andreas Brendel.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Verteidiger Jürgen Föcking (links) und Andreas Tinkl.

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  • Staatsanwälte Carsten Dombert (links) und Andreas Brendel und die Anwälte der Nebenkläger.

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  • Im Rollstuhl schob ihn ein Mitarbeiter des Gerichts am Morgen in den Verhandlungssaal.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.
    Das Gesicht des Angeklagen muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.
    Das Gesicht des Angeklagen muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Angeklagte saß während des ersten Prozesstags zwischen seinen Verteidigern Jürgen Föcking (links) und Andreas Tinkl.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.
    Das Gesicht des Angeklagen muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.
    Das Gesicht des Angeklagen muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.
    Das Gesicht des Angeklagen muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 6. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.
    Das Gesicht des Angeklagen muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier

Nüchterner Bericht vom alltäglichen Grauen

Brendel, Chef der Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Dortmund, konzentriert das alltägliche Grauen in einem deutschen Konzentrations­lager auf die Fakten. Für ihn ist der Beihilfevorwurf mehr als erwiesen. Für Emotionen sorgen am ersten Verhandlungstag allein die Vertreter der Nebenklage. Sie vertreten Über­lebende.

Zehn Anwälte sitzen R. und seinen beiden Verteidigern gegenüber. Einige geben Erklärungen für ihre Mandanten ab, die teilweise im Ausland leben und allesamt steinalt sind. So alt, dass sie nicht mehr die Strapazen auf sich nehmen wollten, am Prozess teilzunehmen. Immer wieder fallen zwei Worte: „Dank­barkeit“ und „Gerechtigkeit“. Dankbar sind die Überlebenden dafür, dass die deutsche Justiz auch nach so vielen Jahren einen mutmaßlichen Täter vor Gericht stellt. 

„In Stutthof war der Tod ein täglicher Gefährte“, lässt Judy Meisel ih­ren Anwalt ausrichten. Und füllt den Satz dann mit traurigem Inhalt. An dieser Stelle kommen dem Angeklagten die Tränen. Mehrfach streicht er sich über die Augen. Dass R. zum Ende seines Lebens mit den Verbrechen konfrontiert werde, ist für die in den USA lebende Frau eine Frage der Gerechtigkeit. 

Überraschender Antrag der Nebenklage 

Dann stellen die Nebenkläger ei­nen überraschenden Antrag. Alle Prozess­beteiligten sollen das KZ besichtigen. Zur richtigen Einordnung des Grauens. Der Prozess in Münster wird einer der letzten dieser  Art sein. 73 Jahre nach dem Ende des Krieges leben nur noch wenige Beschuldigte. Müssen sie nach so langer Zeit noch vor Gericht gestellt werden? Oberstaatsanwalt Brendel argumentiert als Jurist. „Mord verjährt nicht“, sagte er vor einiger Zeit. Drei Wörter. Und alles ist gesagt.

Stutthoff-Prozess

Insgesamt starben in Stutthof rund 27.000 Menschen. Sie wurden in Gaskammern ermordet, erschossen, vergiftet oder starben durch Mangelernährung oder infolge schlechter medizinischer Versorgung.

Nach Angaben des münsterischen Landgerichts verfolgen 17 Nebenkläger den Prozess, darunter befinden sich Angehörige von Stutthof-Opfern und Überlebende. Sie kommen aus Israel, den USA, Kanada und Deutschland. Zwei ehemalige Häftlinge sollen im Zeugenstand aussagen und ein Bild von der Lage im Lager zeichnen. Da der Angeklagte aus dem Westmünsterland zur Tatzeit jünger als 21 Jahre war, wird vor der Jugendstrafkammer verhandelt. 

Zunächst sollte in Münster auch ein zweiter Mann aus Wuppertal auf der Anklagebank sitzen, der ebenfalls als SS-Wachmann in Stutthof tätig gewesen war. Da dessen Verhandlungsfähigkeit jedoch weiterhin umstritten ist, wurde das Verfahren abgetrennt.

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Vergessenes Lager mit großer Bedeutung

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  • Auschwitz kennt jeder. Aber Stutthof? Das Konzentrationslager vor den Toren Danzig war klein, viel kleiner als Auschwitz, vielleicht auch weniger dämonisch. Ein Ort des Schreckens, der Qual, des Todes war es allemal.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Kerstin Zimmermann, studierte Historikerin, Angestellte der Stadt Coesfeld und dort für die kommunalen Museen zuständig, beschäftigt sich in ihrer Freizeit schon seit Jahren mit dem Lager Sutthof.

    Foto: Elmar Ries
  • Stutthof wurde ab 1943 bedeutend. Nach Stalingrad wurde aus dem deutschen Vormarsch ein Rückzug, der auch dazu führte, dass die Ghettos und Konzentrationslager im Osten peu à peu aufgegeben werden mussten. „Das Konzentrationslager Stutthof war ab 1943 der Dreh- und Angelpunkt für die Verteilung der Menschen“, sagt Zimmermann. Tausende kamen täglich dort an. Aus dem Ghetto Riga, aus dem KZ Kaiserwald, auch aus Auschwitz.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Als Kerstin Zimmermann im vergangenen Jahr von der Anklage gegen zwei frühere SS-Wachmänner aus dem Kreis Borken und der Stadt Wuppertal erfuhr, war sie mehr als überrascht. „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Die beiden, heute über 90 Jahre alten Männer, waren während des Krieges für längere Zeit in Sutthof stationiert. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Häftlings-Unterlagen mit regionalem Bezug. Die Gefangene, zu der diese Karte gehört, stammte aus Burgsteinfurt.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Bis zu 85 000 Menschen sind in Stutthof gestorben. Sie wurden erschlagen, erhängt, erschossen, vergiftet und vergast. Viele starben auch infolge elender Zustände: Im Lager herrschten miserable hygienische Zustände, es gab zu wenig zu essen, die Unterbringung war mies, die Arbeit hart.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Wie kommt jemand dazu, sich so sehr für dieses Thema zu interessieren? „Den Anfang haben die Coesfelder Juden gemacht“, erzählt sie. Im Stadtarchiv gibt es noch alte Personenstandskarten. Wo sind die Menschen geblieben? Aus der Frage wurde Leidenschaft. Die heute 65-Jährige machte sich auf die Suche – und wurde von dem Thema förmlich gepackt. Aktenstudium hier und da, Quellenkunde im Holocaust-Archiv des Internationalen Roten Kreuz in Bad Arolsen, Spurensuche in Stutthof. Was lokal begann, wurde immer größer, umfassender, komplexer. „Ich habe irgendwann begonnen, über den Tellerrand zu schauen“, sagt sie.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Es wird davon ausgegangen, dass die Zustände auf Betreiben der Lagerleitung und SS-Führung absichtlich sehr schlecht waren, damit Menschen starben. Nachgewiesen ist auch, dass im Winter 1943/44 eine unbekannte Anzahl von Gefangenen getötet wurden, indem man sie erfrieren ließ.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Der Eingang zum Lager bei Nacht. Dass jemand wie der beschuldigte Ex-SS-Mann aus dem Kreis Borken, der nachweislich von Juni 1942 bis September 1944 in Stutthof als Wachmann eingesetzt war, von dem tagtäglichen Grauen und den systematischen Verbrechen nichts mitbekommen haben will, ist ihr unbegreiflich. „Der Mann war da, als die großen Transporte kamen“, sagt Zimmermann. Er war aber nicht mehr vor Ort, als aus dem Konzentrationslager Sutthof ein Vernichtungslager wurde.

    Foto: Kerstin Zimmermann

 

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