Gronau
Die „Hummel“ wird flügge

Donnerstag, 23.10.2008, 09:10 Uhr

Gronau . Kinder von Eltern mit psychischen oder Suchtkrankheiten haben schwer zu tragen, und selten wachsen ihnen ausreichend Flügel für einen unbeschwerten Start ins Leben. Irgendwann aber müssen sie flügge werden. Was für andere selbstverständlich ist, kann für sie zur einsamen und hilflosen Orientierungssuche werden. Mindestens zwei Millionen Kinder wachsen nach Schätzungen in Deutschland so auf. Besonders tragisch: Mehr als die Hälfte entwickelt selbst eine psychische Störung. Ab sofort gibt es in Gronau für diese Kinder und Jugendliche ein Gruppenangebot: die „ Hummel “.

Hummeln haben schlechte Voraussetzungen: Mit nur 0,7 Quadratzentimeter Flügelfläche müssen sie 1,2 Gramm Gewicht in die Luft bringen. Eigentlich unmöglich – eigentlich. Die Hummel weiß nichts von Naturwissenschaft und Technik. Sie fliegt.

Ein Jahr lang haben Vertreter von Lukas-Krankenhaus, Caritas , Diakonie und Familienzentrum „Luise“ an einem Konzept für Kinder aus Familien mit psychisch belasteten Elternteilen gearbeitet, bis klar war: Das Projekt trägt den Namen „Hummel“, und die „Hummel“ wird flügge. Noch in diesem Jahr wollen die Verantwortlichen mit einer Gruppe beginnen, die sich ein Mal wöchentlich im Familienzentrum „Luise“ trifft. Betreut von zwei Sozialpädagogen können sich betroffene Kinder dort über ihre Sorgen und Nöte austauschen, Fragen über die Krankheit ihrer Eltern stellen oder einfach gemeinsam Spaß haben und etwas unternehmen. „Wir beginnen mit drei Kindern“, erklärt Annette Bretall vom Diakonischen Werk, das das Personal für die Gruppenarbeit stellen wird. Bis zu 12 Teilnehmer seien möglich. Im weiteren Verlauf sind mehrere Gruppen denkbar, entsprechend der jeweiligen Altersgruppe. „Jedes Kind, das sich angesprochen fühlt, wird da gut angenommen“, erklärt Daniela Prause , Diplom-Psychologin am Evangelischen Lukas-Krankenhaus.

Die soziale Gruppenarbeit ist indes nur einer von drei Pfeilern, auf denen das Konzept ruht. Initiatorin Beate Flögel geht es vor allem um Information und Aufklärung, denn in vielen betroffenen Familien ist eine psychische Erkrankung tabu. Selbst betroffene Mutter, hat Flögel immer wieder Versuche unternommen, ein Hilfsangebot für ihre Tochter zu finden und das Thema aus der Tabuzone zu bringen. „Es sollte ein Bewusstsein geschaffen werden für die Problematik“, sagt sie. „Es gab immer wieder Eltern und Familien, die etwas aufbauen wollten“, bestätigt Dr. Gerd Greiving vom Lukas-Krankenhaus. „Aber da fehlten Kontakte und das Netz.“ Das hat sich nun geändert: Neben dem Kreisgesundheitsamt und den genannten Institutionen beteiligen sich nun auch die Stadt Gronau und der „Horizonte“ e. V.

Der Verein übernimmt die Verwaltungsträgerschaft, während die Stadt neben den Räumen im Familienzentrum projektbezogen auch finanzielle Unterstützung aus den Präventionsfördertöpfen des Jugendamts in Aussicht stellt. Pfarrerin Bettina Roth-Tyburski und die stellvertretende Bürgermeisterin Annette Gerwens wurden ebenfalls Mitglied im Arbeitskreis. Für Dr. Christian Zoll von der LWL-Tagesklinik ist das „ein sehr schönes Projekt“, weshalb auch die Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Arbeitskreis dazustieß. Er erlebe in seiner Arbeit, dass 40 bis 50 Prozent seiner Klientel Eltern haben, die selbst betroffen sind, „mit sehr, sehr kranken Menschen über Generationen hinweg“. Einzelfallbetreuung durch einen „Casemanager“, der Betroffenen durch den „Dschungel der Helfersysteme“ hilft, ist folgerichtig der dritte Pfeiler des Konzepts, das sich erstmalig bei der Gesundheitsmesse am Sonntag (26. Oktober) in der Bürgerhalle der Öffentlichkeit präsentieren wird. Bei der nächsten Schulleiterkonferenz will sich die „Hummel“ ebenfalls vorstellen. Ein Faltblatt mit Info- und Kontaktadressen für betroffene Kinder und ihre Familien liegt ab sofort aus. Für 2009 stehen Fachvorträge, eine Filmreihe und die Weiterentwicklung der Struktur auf der Agenda.

Kontakt: 0 25 65 / 24 24 (Peter Schwack, Caritas-Beratungsstelle), bretall@dw-st.de (Annette Bretall, Diakonie), dani_prause@web.de (Daniela Prause, Lukas-Krankenhaus).

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