Gronau
Vom Vorurteil zur Prügelei

-mfk- Gronau-Epe. Draufhauen soll sie, und zwar kräftig. Aber Tanja Last traut sich nicht so recht. Eher zaghaft schwingt die Schülersprecherin der Anne-Frank-Schule den Schaumstoffschläger in Richtung ihrer Kontrahentin...

Mittwoch, 03.12.2008, 08:12 Uhr

-mfk- Gronau-Epe. Draufhauen soll sie, und zwar kräftig. Aber Tanja Last traut sich nicht so recht. Eher zaghaft schwingt die Schülersprecherin der Anne-Frank-Schule den Schaumstoffschläger in Richtung ihrer Kontrahentin. Zu zaghaft für Michael Geringhoff : Kurzerhand ergreift er die Initiative und den Schläger und zeigt, wie Mann es macht: kräftig zuschlagen. Weh tut das mit den watteweichen gelben Rollen nicht, weiß Geringhoff. Und so lässt er die beiden jungen Damen nach dieser Demonstration noch ein Weilchen weiterprügeln. Bis sie ziemlich außer Puste sind. Genau das war das Ziel des Anti-Gewalt-Trainers. „Ihr seht: Draufhauen ist ganz schön anstrengend“, sagt er und verkündet die Lehre der Übung: „ Prügeleien sind deshalb meistens ziemlich kurz.“

Viele solcher praktischen Übungen hatte der Trainer der Gewalt Akademie Villigst mitgebracht, als er jetzt auf Einladung des Gronauer Jugendamtes und des Bündnisses für Familien in den Pfarrhof St. Agatha kam. Dort nahmen 25 Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-, der Hermann-Gmeiner-, der Sophie-Scholl- und der Fridtjof-Nansen-Schule an einem Deeskalationstraining teil. Es war bereits das zweite dieser Art, das im Rahmen der Aktion „Noteingang“ (WN berichteten mehrfach) stattfand. Bei der ersten Auflage hatten vor allem Vertreter freier Träger, von Jugendzentren und Streekworker mitgemacht.

Diesmal seien die weiterführenden Schulen angeschrieben worden, um das Thema Gewalt – und vor allem was dagegen unternommen werden kann – auf eine noch breitere Basis zu stellen, erklärte Rainer Hülskötter , Leiter des Fachdienstes Jugendarbeit/Jugendförderung bei der Stadt Gronau . Dafür seien Schulen und Schüler als Multiplikatoren besonders geeignet. So zeigte sich Hülskötter über das Engagement der 24 Schülerinnen und des einen Schülers sehr erfreut: „Ich bin ganz begeistert, dass sich am Nachmittag 25 Schüler bereiterklärt haben, freiwillig mitzumachen“, sagte er.

Dabei hatten die Teilnehmer an dem mehrstündigen Seminar augensichtlich richtig Spaß. Und sie lernten beim erfahrenen Dozenten Michael Geringhoff, der bei der Stadt Münster zugleich Fachstellenleiter des Jugendinformations- und -beratungszentrums ist, eine Menge. Zum Beispiel, dass nach Prügeleien meist Erste-Hilfe wichtig ist. „Das kann auch ein Raum sein“, so Geringhoff, „jemanden rauszunehmen aus dieser Situation, egal ob das Opfer oder den Täter.“

Dabei behandelte der Trainer auch Themen, die nicht direkt mit der Schlichtung von Konflikten zu tun haben. Aber mit der Entstehung: Mit Vorurteilen etwa, die zu 55 Prozent auf der Interpretation der Körpersprache des Gegenübers beruhten, zu 38 Prozent der Kleidung und nur zu sieben Prozent auf dem Inhalt des Gesprochenen. Oder auch mit dem persönlichen Schutzraum, der nicht ohne Weiteres verletzt werden sollte. Eine Armlänge beträgt dieser im Durchschnitt, stellten die Schüler bei einer entsprechenden Übung fest. Auch um Körpersprache ging es in dem Deeskalationstraining. Denn: „Die kann man positiv nutzen“, weiß Geringhoff. Schließlich spiegelte die Körpersprache grundsätzlich wider, was Menschen fühlen – meist unbewusst.

Das wippende Bein einer Teilnehmerin zum Beispiel – für Geringhoff ein Zeichen: „Du bist noch bewegt, in Gedanken.“ Hinter dem Rücken versteckte Hände – typisch für Polizisten – sollen Respekt einflößen, so der Trainer. Warum das unbewusst funktioniere, erklärte er so: „Man weiß nicht, ob hinterm Rücken eine Waffe versteckt ist.“

„Spannend“ fand Schülersprecherin Tanja Last das Seminar, sagte sie. Ob es ihr und den übrigen Teilnehmern im Ernstfall hilft, wird sich – vielleicht – noch zeigen . . .

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