Gronau
„Die Verunsicherung ist groß“

Gronau. Unter den Tagesmüttern in der Dinkelstadt rumort es. Und das nicht erst seit Kurzem. „Die Verunsicherung ist ganz groß“, weiß Anne-Marie Wieling-Raue vom Gronauer Jugendamt. Grund ist die Steuerpflicht...

Montag, 05.01.2009, 08:01 Uhr

Gronau . Unter den Tagesmüttern in der Dinkelstadt rumort es. Und das nicht erst seit Kurzem. „Die Verunsicherung ist ganz groß“, weiß Anne-Marie Wieling-Raue vom Gronauer Jugendamt . Grund ist die Steuerpflicht, die eigentlich schon 2008 eingeführt werden sollte, dann aber um ein Jahr verschoben wurde. Mit Beginn des neuen Jahres aber werden die Tagesmütter, die aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden, ihren privat tätigen Kolleginnen gleichgestellt. Und weil der Steuer- mitunter eine Sozialabgabenpflicht folgt, werden die Betroffenen weniger in der Tasche haben als bisher. Womöglich so wenig, dass sich die Kinderbetreuung für viele nicht mehr lohnt, befürchtet Anne-Marie Wieling-Raue.

Ebenso wie Annette Bretall vom Trägerverbund aus Diakonie und Sozialdienst katholischer Frauen, der den Bereich Tagespflege im Sommer vom Jugendamt übernommen hat. Zwei Tagesmütter hatten ihre Tätigkeit bereits an den Nagel gehängt, sagte sie auf Nachfrage. Andere überlegten noch, ob sie weitermachen oder nicht.

Damit könnte die neue Steuerpflicht zum Sargnagel werden für ein grundsätzliches Ziel, das Bundesfamilienministerin Ursula von der Layen bis 2013 erreichen will: Für 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren (U 3) sollen bis dahin Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, davon 30 Prozent bei Tagesmüttern. Diese Zielmarke werde auch in Gronau angestrebt, sagt Anne-Marie Wieling-Raue. Bisher mit gutem Erfolg: Waren Anfang 2007 gerade einmal 15 bis 20 Kinder zwischen null und 14 Jahren bei Tagesmüttern untergebracht, sei ihre Zahl im Jahresverlauf „rapide angestiegen“, weshalb die Organisation auch an den Trägerverbund abgegeben worden war. 64 Kinder zwischen null und 14 Jahren seien derzeit in der Tagespflege untergebracht – Tendenz steigend. Denn: „Der Bedarf ist da“, weiß Annette Bretall.

Dennoch sei die Zielmarke noch in weiter Ferne, betont Anne-Marie Wieling-Raue: „Da sind wir noch lange nicht.“ Zum Vergleich: In Gronauer Kindergärten werden aktuell 1623 Kinder bis sechs Jahren betreut.

Ob das Ziel angesichts der neuen Steuer- und Abgabenlast für Tagesmütter (siehe „Zum Thema“) überhaupt erreicht werden kann, ist indes fraglich. „Das sind natürlich große Verluste“, weiß Anne-Marie Wieling-Raue. Deshalb schließt sie nicht aus, dass ihr bzw. dem Trägerverbund die bisherige Hauptzielgruppe – junge Mütter, die ohnehin zu Hause sind – wegbröckeln wird. Wenn auch vielleicht nicht ad hoc: „Zwischen Tagesmüttern und den Kindern besteht ja eine Beziehung. Aber ich glaube, dass einige ihre Tätigkeit auslaufen lassen werden und dann nicht wieder neu einsteigen“, sagt die Mitarbeiterin des Jugendamtes. Jedenfalls gebe es schon einige Tagesmütter, die sagten, dass sich die Tätigkeit für sie nicht mehr lohne. Eine zum Beispiel habe nachgerechnet und sei mit ihrer neuen Steuer- und Abgabenlast auf einen Verlust von 3000 Euro im Jahr gekommen. Wobei das freilich von Fall zu Fall unterschiedlich sei, hänge die Belastung doch bei der Zusammenveranlagung auch vom Einkommen des Partners ab.

Zwar habe die Stadt die Stundenlöhne der Tagesmütter im Sommer vor dem Hintergrund dieser Problematik erhöht: Statt 3,70 Euro – wie zuvor – erhalten qualifizierte Tagesmütter nun bei einer Betreuung im eigenen Haushalt 4,50 Euro im Falle unter dreijähriger Kinder und vier Euro bei über Dreijährigen. „Damit liegen wir im oberen Drittel in NRW “, weiß Anne-Marie Wieling-Raue um die übliche Stundenlöhne zwischen 1,70 und 5,50 Euro auf Landesebene. Dass Gronau nun im oberen Drittel rangiert, darüber sei sie „glücklich“, sagt auch Annette Bretall.

Ob die Erhöhung aber ausreichen wird, um die Nachteile der steuerlichen Regelung auszugleichen und weitere Tagesmütter zu gewinnen, ist fraglich. Zumal auf manche Tagesmutter nun ein erheblicher organisatorischer Aufwand zukommen könnte – abgesehen vom neuen Dokumentationsaufwand, den das NRW-Kinderbildungsgesetz den Tagesmüttern seit Januar auferlegt. Denn der Job biete häufig keine Kontinuität, weiß Annette Bretall: Manche Kinder bleiben nur für kurze Zeit, auch die Betreuungszeiten variierten – und damit die Höhe des Einkommens. Was das bedeutet, kann sich auch Anne-Marie Wieling-Raue ausrechnen: „Rein in die Krankenversicherung, dann wieder raus.“ Sie fragt sich deshalb, inwieweit das System in der Praxis gangbar ist. „Ich glaube, da wird es noch Änderungen geben müssen.“

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