Gronau
Schul-Rezept bereitet Bauchweh

Donnerstag, 24.09.2009, 10:09 Uhr

Gronau - Dass sie am Ende Ja zum neuen schulpolitischen Rezept sagen würden, stand schon zu Beginn der Sitzung fest. Dennoch machten viele Mitglieder des Schul- und Sportausschusses keinen Hehl daraus, dass ihnen das Gericht schon im Vorfeld einige Bauchschmerzen bereitet. Denn das Pilotprojekt „Kompetenzzentrum“, für das sich die Pestalozzischule bewerben soll, leite einen „Paradigmenwechsel in der Sonderschulpädagogik“ ein, unterstrich Dirk Wasmuth , Schulrat für Förderschulen des Kreises Borken. Der wird Auswirkungen auf alle Schulen haben.

Denn das Land Nordrhein-Westfalen plane, künftig mehr Kinder mit einem spezifischen Förderbedarf als bisher integrativ an Regelschulen zu unterrichten, weniger an den Förderschulen selbst, erläuterte Wasmuth die Zielrichtung. Dabei sollen Förderschulen mit Rat und Tat in einem Netzwerk zur Seite stehen - eben als „Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung“. Dort werde die Zahl der Lehrer „eingefroren“, wodurch bei sinkenden Schülerzahlen Kapazitäten für die neuen Aufgaben frei würden. Der Schwerpunkt liegt in dem Konzept in der Prävention: Durch eine frühe Förderung der Kinder bereits in der Grundschule soll verhindert werden, dass sich ein Unterstützungs- zu einem sonderpädagogischen Förderbedarf auswächst. Ursula Steuer, die Leiterin der Pestalozzischule, zeigte sich sicher, dass - trotz des gestiegenen Förderbedarfs bei vielen Schülern - „wir präventiv etwas erreichen können, wenn wir früh genug in den Prozess eingreifen“.

Für Helmut Seifen ( CDU ) war mit diesen Ausführungen „eine weitere Richtung deutlich geworden“ - „dass sich die Förderschulen quasi auflösen“. Eine Feststellung, der Wasmuth widersprach: „Es geht nicht um die Abschaffung, aber sie werden wesentlich kleiner werden“, sagte der Schulrat. Und er machte deutlich, dass der Landesregierung letztlich keine Wahl bleibe: Denn die UN-Konvention über die Rechte von Behinderten „hat Vorrang“, so Wasmuth. Jedes Verwaltungsgericht würde Eltern recht geben, die gegen eine nicht-integrative Beschulung klagen würden, war sich der Schulrat sicher. „Das würde ohnehin zu sinkenden Schülerzahlen an Förderschulen führen.“

Der Umkehrschluss aber, dass damit dann mehr förderbedürftige Schüler an Regelschulen unterrichtet werden, schmeckte dennoch nicht allen Ausschussmitgliedern. Das sei „nicht der Weisheit letzter Schluss“, sagte etwa Helmut Seifen: „Schüler mit einer Lernschwäche in eine Regelschule zu setzen, kann unter Umständen erbarmungsloser sein.“ Georg Gartmann ( SPD ) verwies darauf, dass ein derartige Paradigmenwechsel Sorgen und Ängste bei Eltern auslösen könne. „Was passiert in den Klassen, wenn drei oder vier schwierige Schüler da sind?“, fragte Christian Breuer (SPD). Wobei die Antwort für Willi Roters auf der Hand lag: „Ich befürchte, dass die Qualität deutlich sinken wird“, sagte der Sozialdemokrat.

Eine Sorge, die offenbar auch Seifen umtrieb: „Einer bezahlt immer einen Preis“, sagte der CDU-Mann. Habe es früher geheißen, die Allgemeinheit solle keinen zahlen, weshalb Schüler mit einem besonderen Bedarf in einer eigenen Einrichtung beschult wurden, werde die Frage heute eben wieder anders beantwortet. Er appellierte aber an den Schulrat, die Sorgen mitzunehmen in den weiteren Gestaltungsprozess.

Dirk Wasmuth dagegen betonte immer wieder, dass eine „Inklusion“ möglich sei. Untersuchungen hätten das bereits gezeigt. „Andere Schüler müssen nicht darunter leiden“, sagte der Schulrat. Das sei eine Frage der Qualität des Unterrichts. Auch lasse das Land in der Pilotphase relativ freie Hand bei der Umsetzung. So seien auch Schwerpunktklassen an den Regelschulen denkbar.

Aber über die „große“ Schulpolitik hatte der Ausschuss ohnehin nicht zu entscheiden. Er sprach sich am Ende einstimmig dafür aus, dass sich die Pestalozzischule um die Teilnahme an dem auf drei Jahre angelegten Pilotprojekt bewerben soll. Das letzte Wort hat dazu noch der Rat.

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