Gronau
Brückenbauer und Erneuerer

Samstag, 17.10.2009, 10:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 17.10.2009, 10:00 Uhr

Gronau - Achim Reichel gilt als einer der Begründer des Deutsch-Rock. Bekannt wurde er mit Titeln wie „Der Spieler“ und „Sansibar“ („Aloha Heja He“). Vorher war er Mitbegründer von „ The Rattles “, die in den 60er-Jahren mit den Rolling Stones und den Beatles auf Tournee gingen. Nach Beat, Kraut-Rock, Shantys, deutschen Volksliedern und Polit-Songs hat Reichel klassische deutsche Dichtkunst in rockige und bluesige Balladen verpackt. 2008 erschien „Michels Gold“, wo er unter anderem Eichendorff- und Hebbel-Lyrik auf eigene Weise vertont hat. Am 12. November (Donnerstag) gastiert der 65-Jährige im Rahmen seiner Deutschland-Tour „SOLO mit EUCH“ im Gronauer rocknpopmuseum. Mit dem Ausnahme-Künstler sprach WN-Mitarbeiterin Christiane Nitsche.

Was fällt Ihnen spontan zum Stichwort Gronau ein?

Achim Reichel: Als ich zuletzt in Gronau war, wurde der Grundstein gelegt zum Rockmuseum. Man konnte sich die Pläne anschauen. Und da habe ich gedacht: Wow, wenn die das hinkriegen, wie es in den Entwürfen ausschaut, wird das mal eine ganz tolle Sache. Und das werde ich ja jetzt bald sehen.

Eine Ihrer Gitarren soll auch in der Ausstellung zu sehen sein?

Achim Reichel: Die ist schon da. Es ist eine Framus Hollywood mit verschiebbarem Tonkopf (lacht). Das war früher was ganz Tolles. Heute würde man das wahrscheinlich eher belächeln. Für mich ist dieses Instrument nur ein Erinnerungsfaktor und liegt sonst irgendwo in einem Koffer neben 20 anderen Gitarren. Da erfüllt sie im Museum eher einen Zweck.

Was halten Sie von Titeln wie „Urvater“ oder „Großvater des Deutsch-Rock“?

Achim Reichel: Das wird ja immer schlimmer (lacht)! Das hat mal einer ihrer Kollegen erfunden, seither macht es die Runde. Aber ich bin nun mal in diesem Jahr 65 geworden, und ich bin nun mal einer der Urväter oder der Schrittmacher der deutschen Rock-Musik, wenn Sie so wollen. Mir ist das nicht so wichtig. Viel wichtiger ist mir, was hinterher kam.

Das war ja ziemlich viel in über 40 Jahren Karriere. Was heißt das genau für Sie?

Achim Reichel: Mit zunehmender Reife stellte sich die Frage nach der Identität - nach der persönlichen wie nach der kulturellen: „Darfst du dich überhaupt Künstler nennen?“ Mir wurde klar, in einer fremden Sprache zu singen, ist fast wie Selbstverleugnung. Ich fand es irgendwann geradezu lächerlich, wenn sich erwachsene Männer hinstellen und Englisch singen, und dabei meinen, sie würden etwas ernsthaft Sinnvolles tun. Mir wird auch immer ganz anders, wenn ich Leute „We are the champions“ singen höre, und dann wissen sie die zweite Zeile schon nicht mehr. Dieses Gefühl, wir sind international, wenn wir Englisch singen, kann auch so schrecklich provinziell sein. Das war dann das Erste, was ich verändert habe.

Da gab es das Shanty-Album, und das liegt inzwischen über 30 Jahre zurück. Seither ist aber noch viel mehr passiert...

Achim Reichel: Ja, von da habe ich mich langsam weiter getastet, bis ich bei unseren Dichtern und Denkern landete. Da entdeckte ich Dinge, die sind mir zwar mal in der Schule begegnet, bloß zu der Zeit fand ich das überhaupt nicht prickelnd: stotterfrei aufsagen, gute Note, setzen, der Nächste. Heute ist das eine meiner Hauptantriebskräfte: In einem Land, das solche Schwierigkeiten hat, seine kulturelle Identität als normal zu empfinden, empfinde ich mich als eine Art Brückenbauer und Erneuerer. Ich nehme Texte von früher und sage: Heute müsste das so klingen.

Ihre letzte Platte schöpft besonders stark aus literarischen Vorbildern. In einer Kritik dieser Scheibe heißt es: „Reichel macht deutlich, dass man als Volkssänger nicht im Zillertal geboren sein muss.“ Wie finden Sie das?

Achim Reichel: Das finde ich ziemlich schmeichelhaft - und sachlich richtig. Es war und ist immer eine Herausforderung für mich, uns mit unserer eigenen Kultur zu versöhnen und sie mit Aspekten unserer Gegenwart zu verbinden. In meinem Fall ist das eine musikalische Brille, die alles Mögliche wie Rockmusik erscheinen lässt. Und so spiele ich es dann auch: Shantys, Balladen oder Volkslieder. Natürlich kann auch Rock erwachsen werden und muss nicht kleben bleiben in Ausdrucksformen pubertärer Art. Man kann auch mit der Akustik-Gitarre rocken. Das war früher undenkbar, da waren wir immer der Meinung, es müsste nur laut sein.

Es gibt viele Parallelen zu Udo Lindenberg. Aber eine Zusammenarbeit hat sich nie ergeben - warum?

Achim Reichel: Wir sind uns mehrfach begegnet. Aber Künstler sind oft merkwürdige Ego-Menschen. Da nehme ich mich selbst nicht aus. Ich habe großen Respekt vor seinem Schaffen. Solch bunte Vögel haben wir viel zu wenige in unserem Land, und er hatte zweifelsohne die Kraft, bei allen Eskapaden nicht aus der Kurve geflogen zu sein. Es ist ihm sogar ein Comeback gelungen. Das finde ich wunderbar, und das freut mich auch.

Man hat Ihnen viele Titel verpasst im Laufe der Zeit: Beat-Boy, kosmischer Pionier, singender Literaturagent, Volkssänger und eben den erwähnten Urvater des Deutsch-Rock. Wen davon dürfen wir am 12. November erwarten?

Achim Reichel: Nicht alle, aber die meisten schon. Es gibt einen Mann, seine Lieder und die dazugehörigen Anekdoten und Geschichten, dazu Bilder aus alten und neuen Zeiten, begleitet von Berry Sarluis und Pete Sage. Bei diesem Konzert habe ich wieder so etwas wie das Gefühl des ersten Mals. Und dass man das mit 65 Jahren noch erleben kann, ist schon toll.

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