Gronau
Bericht eines Zeitzeugen

Freitag, 06.11.2009, 08:11 Uhr

Gronau - „Wechselnde Haustüren“ als Symbol für das ständige Auf-der-Flucht-Sein - davon kann Bert Woudstra Geschichten erzählen. Wie am Donnerstag, als der 77-jährige Enscheder im Rahmen der „Woche der Erinnerung Schülern der Fridtjof-Nansen-Realschule von seinen Erfahrungen während der deutschen Besatzung der Niederlande berichtete.

Als Kind zog der Sohn jüdischer Eltern nicht weniger als 16 Mal um. Vom Haus seiner Eltern, die in Enschede ein Damenmode-Geschäft betrieben, zu zahllosen Adressen, wo er teilweise nur wochenweise untertauchte. „Ich bin eigentlich ein besonderer Mensch“, meinte Woudstra. „Ich kann nacherzählen, was ich damals erlebt habe. In 20 Jahren wird es nur noch Bücher und Filme über die Zeit geben.“

„Erzwungene Umzüge können wirklich schlimm sein“, berichtete Woudstra den gespannt lauschenden Jugendlichen. Vier Jahre lang musste sich Bert Woudstra vor den Nazis verstecken - nie war er völlig sicher.

„Meine Familie war in Enschede völlig integriert gewesen. Als die Niederlande im Mai 1940 überfallen wurden, waren meine Eltern sehr beunruhigt. Sie wussten von Angehörigen in Deutschland, was dort mit den jüdischen Bürgern passiert war.“

Zunächst änderte sich in Enschede noch nicht viel. Doch dann erfolgten erste diskriminierende Maßnahmen: „In die Ausweise der Juden wurde ein ,J gestempelt. Kurz darauf durften wir keine Parks, Restaurants, Kinos und Bäder mehr betreten. Überall prangte das Schild ,Für Juden verboten“.

Das elterliche Geschäft wurde beschlagnahmt. Und dann wurden - als Vergeltungsmaßnahme für einen Anschlag auf eine militärische Telefonverbindung - in der Nacht auf den 14. September 1941 69 Männer in Enschede festgenommen, darunter Bert Woudstras Vater. „Am nächsten Tag wurden sie zum Bahnhof getrieben. Der Zug fuhr nach Mauthausen.“ Kurz darauf erhielten die Angehörigen die Todesnachricht.

Die Juden wurden immer stärker drangsaliert. Die Kinder mussten in eine andere Schule, mussten den Stern tragen. „Das war furchtbar für mich“, so Woudstra. 1942 schließlich wurde die Situation so ernst, dass die Familie untertauchte. Die Odyssee begann. Von seiner Mutter getrennt, „war mein Teddy mein einziger Trost.“

Dankbar ist er all den mutigen Menschen, die ihm in der Zeit der Drangsal teils unter Gefahr für das eigene Leben halfen. Plastisch erzählte Woudstra von der Fahrt im Wagen eines Zahnarztes, in dem er - als Verletzter vermummt - durch eine deutsche Kontrolle gelotst wurde. „Ich dachte manchmal, mein letztes Stündchen hätte geschlagen.“

Zwischenzeitlich wurde er wieder mit seiner Mutter vereint. Ein gemeinsamer Fluchtversuch scheiterte. Als „ Bert Zonneveld aus Zeist“ - so lautete der Name auf seinen falschen Ausweispapieren - erlebte er die Invasion der Alliierten. „Die Hoffnung stieg.“ Doch es sollte noch bis April 1945 dauern, bis Enschede befreit wurde und er - der damals auf einem Hausboot untergebracht war - wieder in seinen Heimatort konnte.

„Von meinen 53 Familienangehörigen waren 24 in KZs umgekommen“, so Woudstra.

„Man darf nicht vergessen“, begründete er, warum er seit Jahren unterwegs ist, um seine Geschichte vor allem jungen Leuten zu erzählen. „Das sind wir den Opfern schuldig.“ Und: „Die Menschheit muss endlich vernünftig werden.“ Dabei setzte er auch auf seine jungen Zuhörer.

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