Gronau
Landgang auf der Insel Gronau

Samstag, 14.11.2009, 06:11 Uhr

Gronau - Das Haar ist grau. Auch das schmucklose Oberteil ist grau. Grau ist die Hose, grau sind die Segeltuchschuhe . Sogar die Socken sind grau. Achim Reichel ist im Januar 65 geworden. Sein Tour-Programm heißt „Solo mit Euch“ und verspricht eine Reise durch ein Lebenswerk - fast 50 Jahre sind vergangen seit dem ersten Auftritt mit „ The Rattles “. Zeit für Ohrensessel, Melancholie und grüblerisches Bilanzieren? Alles Fassade: In Kopf, Herz und Bauch dieses Mannes muss es verdammt bunt und jung aussehen. „Wie das so ist bei einem so verspielten Schädel“, sagt Reichel.

Wenn der Hamburger in die Saiten greift und den Mund aufmacht, gibt es ein Fest. Er jauchzt und juchzt, lacht mal verschmitzt, mal wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum und hat deutlich Freude an dem, was er da tut. Noch immer moduliert er in tiefem Bass oder weichem Bariton, und auch wenn die Kopfstimme nicht mehr die alte ist, ist das Spektrum bemerkenswert groß. Ob bei der Vertonung von Heines Ballade „Belsazar“ oder den Volkslieder-Adaptionen, bei den von Jörg Fauser getexteten Stücken „Mama Stadt“ oder „Spieler“ - unterstützt durch eine hochklassige Instrumentierung mit Geige, Bassgitarre und Mandoline (Steve Page) sowie Akkordeon und Keyboard (Berry Sarluis) - tun sich vor dem geistigen Auge Bilder auf, Szenen mit Weinseligkeit, Straßenmief und klickenden Jetons. Kein Wunder, wenn sich Mütter bei Reichel dafür bedanken, dass ihre Kinder endlich etwas mit Literatur anfangen können.

Wow, was für Verse! Als Reichel Joseph von Eichendorff, Fontane und Goethe für sich und seine Rockgitarre entdeckte, hatte er sich schon mehrfach neu erfunden. „Ich kam immer wieder“, sagt er. „Oft in anderer Gestalt.“ Wie das jeweils aussah, zeigte er auf einer Leinwand in einer Art unaufgeräumtem Wohnzimmer-Dekor zwischen Relikten aus Star-Club-, Rattles- und Hippie-Zeiten, „Wanderpokal für die beste Hamburger Rock & Twist Band“, Gips-Klabautermann mit Klampfe, Sammelbüchse für die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ und Bühnen-Outfits: Bilder von Klein-Achim, vom reifen Reichel mit Duz-Freund „Paule“ McCartney, mit James Last und der Band „Wonderland“. Dazu Eindrücke aus der „Hippie-Phase“ mit Echo-Box und „gewissen bewusstseinserweiternden Substanzen“. Gern glaubt man, dass Musikjournalisten irritiert waren, weil er in keine Schublade passen wollte. Dabei standen da die Shanty- und Volkslieder-Alben oder die bestverkaufte Platte, „Melancholie und Sturmflut“ noch aus.

Geblieben ist die See, die Reichel nicht nur im Blut hat: Das erste Stück ist „Mary Ann“, eines der letzten „Sansibar“, im Bühnenhintergrund ziehen Möwen durch die Dämmerung. „Ich glaube, auf dieser Insel sind alle glücklich“, sagt er gegen Ende des rund dreistündigen Programms angesichts eines begeisterten Publikums. Für die stehenden Ovationen bedankt er sich freundlich, wie es seine Art ist: „Tut so gut“, heißt das Stück, das dann wohl auf der nächsten Platte erscheinen wird.

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