Gronau
Versagen kontra Wahlkampfpolemik

Donnerstag, 25.03.2010, 08:03 Uhr

Düsseldorf/ Gronau - Atomkraftgegner in NRW kündigen neue Protestaktionen gegen die deutsche Atompolitik an. Am 4. April soll es einen Ostermarsch zur Urananreicherungsanlage in Gronau geben, am 24. April eine Großdemonstration in Ahaus. Der Ostermarsch beginnt Ostersonntag (4. April) um 13 Uhr in der Gronauer Innenstadt an der Ev. Stadtkirche (Döhrmannplatz).

Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) forderte die Staatsanwaltschaft Münster unterdessen auf, ihre eigenen Ermittlungen zum Strahlenunfall in Gronau fortzusetzen. „Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) kann nicht nachvollziehen, warum die Staatsanwaltschaft in Münster plötzlich den Hauptschuldigen für den Störfall mit Kontamination eines Arbeiters in der Urananreicherungsanlage, der sich im Januar ereignet hatte, in Schweden vermutet“, heißt es in einer Stellungnahme. Der BBU kritisiert, dass offenbar folgende Fragen nicht ausreichend gewürdigt worden seien: Warum wurde der Inhalt des angeblich leeren Urancontainers am Eingangstor der Urananreicherungsanlage in Gronau nicht geprüft und gewogen? Warum wird in der Gronauer Urananreicherungsanlage ohne Schutzanzüge gearbeitet? Warum gibt es offenbar nicht mal die Vorschrift, dass Mitarbeiter beim Umgang mit Uranhexafluorid Handschuhe und Mundschutz tragen müssen? Nach Auffassung des BBU kann dafür kein Mensch in Schweden zur Verantwortung gezogen werden.

Der Vorfall bei Urenco beschäftigte gestern auch die Landespolitik: SPD und Grüne haben die Informationspolitik der Landesregierung nach dem Atomunfall in der Gronau scharf kritisiert. Die Verstrahlung eines Mitarbeiters der Urananreicherungsanlage am 21. Januar sei auf unverantwortliche Weise verharmlost worden, erklärte der SPD-Abgeordnete Andreas Stinka am Mittwoch in einer Aktuellen Stunde im Düsseldorfer Landtag. Sowohl die zuständige Ministerin Christa Thoben (CDU) als auch die Atomaufsicht rückten nur scheibchenweise mit der Wahrheit über den Zwischenfall heraus. Beim Öffnen eines vermeintlich leeren Transportbehälters war ein Arbeiter mit radioaktivem Uranhexafluorid verstrahlt worden.

Es gebe ein klares Versagen des zuständigen Betreibers Urenco und der Atomaufsicht, für die die Landesregierung zuständig sei, sagte der Grüne Abgeordnete Reiner Priggen. „Bei einer besseren Eingangskontrolle der Behälter wäre es nicht zu dem Unfall gekommen.“ Zwar sei der Behälter, in dem sich noch 1,6 Kilogramm Uranhexafluorid befunden hätten, versehentlich mit leeren Behältern vom schwedischen Uranlieferanten „Westinghouse Electric Sweden“ nach Gronau geschickt worden. Insofern liege die Hauptverantwortung für den Unfall in Schweden. Doch das zuständige Waschprotokoll des radioaktiven Behälters sei nicht vollständig ausgefüllt gewesen und hätte damit einen Hinweis auf die fehlende Reinigung gegeben.

Wirtschaftsministerin Christa Thoben wies die Kritik zurück. „Eine explizite Überprüfung der Waschpapiere fand nicht statt, weil es international nicht üblich ist“, sagte die CDU-Politikerin. Nur bei gefüllten Behältern müssten alle Papiere genau kontrolliert werden. Allerdings sollten in Zukunft strengere Eingangskontrollen in der Urananreicherungsanlage durchgeführt werden, kündigte Thoben an. „Bei der Aufklärung des Unfalls haben wir nichts vertuscht oder verharmlost, sondern können erst nach Vorlage aller Daten entscheiden“, betonte die Ministerin. Schließlich habe die deutsche Übersetzung der Stellungnahme des schwedischen Uranlieferanten erst am 19. März vorgelegen.

Der CDU-Abgeordnete Oliver Wittke warf der Opposition vor, das Unglück als „billige Wahlkampfpolemik“ zu nutzen. Sie wolle nur ihre ablehnende Haltung gegenüber der Kernenergie deutlich machen und damit Wählerstimmen gewinnen. „Es ist beschämend, wie sie mit den Ängsten der Bürger Politik machen“, sagte Dietmar Brockes (FDP).

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