Gronau
Praktiker am Werk

Sonntag, 26.09.2010, 11:09 Uhr

Gronau / Epe - Auf 100 Jahre Verbandsgeschichte blickt der Ortsverein Gronau des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zurück. Im Jahr 1910 gründeten 13 Lehrer aus Gronau und Epe den Katholischen Lehrerverein (KLV) Gronau-Epe. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten u. a. die Lehrer Hasse, Butenweg , Eimann, Flüchter aus Gronau und Albers, Husmann und Groenheid aus Epe. Gronau und Epe waren in dieser Zeit geprägt von einer blühenden und immer noch wachsenden Textilindustrie und von einer raschen Zunahme der Bevölkerung. Dementsprechend hoch waren die Schülerzahlen: In Epe mit seinen rund 5000 Einwohnern gingen rund 900 Kinder zu den beiden Volksschulen, von denen eine für Jungen, die andere für Mädchen eingerichtet war. An beiden Schulen unterrichteten insgesamt zwölf Lehrerinnen und Lehrer. Außerdem gab es zu dieser Zeit in Epe eine evangelische Volksschule, die von genau 84 Kindern besucht wurde.

In Gronau mit seinen gut 10 000 Einwohnern gab es neben den Vorläufern der heutigen Realschule und des Gymnasiums je drei katholische und evangelische Volksschulen, die von etwa 1900 Kindern besucht wurden. In der katholischen Buterland-, Wilhelm- und Eilermarkschule wurden rund 1000 Kinder von 20 bis 22 Lehrern unterrichtet, in der evangelischen Luisen-, Schiller- und Viktoriaschule waren es rund 900 Kinder, die von etwa 18 Lehrkräften unterrichtet wurden.

Nach den damaligen rechtlichen Bestimmungen musste jeweils die Hälfte der Lehrerstellen männlich bzw. weiblich besetzt sein. So kann man davon ausgehen, dass es 16 bis 17 Lehrer an den katholischen Volksschulen gab, von denen 13 dem neuen KLV-Ortsverein beitraten.

Neben dem Katholischen Lehrerverband gab es noch drei weitere große Verbände für Volksschullehrer, nämlich den VkdL für katholische Lehrerinnen, den BEL für evangelische Lehrer und den Allgemeinen Deutschen Lehrerverein (ADLV). Letzterer forderte die Abschaffung der Bekenntnisschulen und des Religionsunterrichts in den Schulen. So kam er wohl als Organisation für die überzeugten evangelischen und katholischen Lehrer in Gronau und Epe nicht infrage.

Daher schlossen sich die katholischen Lehrer aus Gronau und Epe einem Verband an, der bereits 1910 im gesamten Deutschen Reich 20 000 Mitglieder hatte.

Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 tagte man abwechselnd in Gronau und Epe. Viel Wert wurde auf die Weiterbildung der Mitglieder gelegt. In fast jeder der monatlichen Versammlungen hielten Kollegen einen Vortrag mit z. B. folgenden Themen: Freier Aufsatz, Werkunterricht, Rechtschreibreform, Kaiserliche Flotte, Obstbaumschädlinge, Neuere Untersuchungen über das Gedächtnis oder zu Themen wie „Warum muss dem Kinde die Neigung selber zu fragen und zu forschen in der Schule mehr als bisher erhalten werden und wie hat das zu geschehen?“ oder „Die Bestrebungen der Frauenwelt nach sozialer Gleichstellung mit dem Mann. Sind sie gerechtfertigt? Wie hat sich die Pädagogik zu ihnen zu verhalten?“. Die Breite der Themen zeigt, dass hier Praktiker am Werk waren, dass aber auch die Forderungen der Reformpädagogik Eingang in den Verein fanden.

Die Standespolitik nahm breiten Raum ein: Krankenkasse, Besoldungsfragen, Sterblichkeitsstatistik der Lehrer, Höherstufung der Lehrer, Gleichbehandlung mit Schulleitern, Unterrichtsbesuche durch Schulaufsicht oder Schulleiter.

Der Krieg brachte einen tiefen Einschnitt in die Arbeit des Vereins. Sieben der inzwischen 20 Mitglieder waren als Soldaten im Krieg. Im Januar 1919 fand die erste Versammlung nach dem Krieg statt: Man begrüßte die fünf „aus dem Feld“ zurückgekehrten, gedachte der beiden im Krieg gefallenen Mitglieder und beschloss eine Ehrengabe für deren Angehörige.

Beeindruckend sind ferner die Bemühungen des Vereins, als Solidargemeinschaft die Notzeiten nach dem 1. Weltkrieg zu meistern. So zahlten die Mitglieder für die Witwe eines verstorbenen Mitglieds die Beiträge zur Krankenkasse, sie opferten ein Prozent des schmalen Monatsgehalts für arbeitslose Junglehrer und unterstützten eine Geldsammlung an den Gronauer Schulen zugunsten der Witwe eines verstorbenen Kollegen.

Am 8. Februar 1933 fand die letzte Versammlung des Ortsvereins statt, im Protokollbuch wird vermerkt, auf Anregung des Kollegen Podlinski zur nächsten Versammlung einen holländischen Kollegen einzuladen, um mit ihm über Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit zwischen den Lehrern beiderseits der Grenze zu sprechen. Aber die nächste Versammlung fand erst 14 Jahre später statt! Was war geschehen?

Sofort nach der Machtübernahme durch die NSDAP wurden im März 1933 die Lehrerverbände „gleichgeschaltet“, sie wurden wie Jugendverbände, Gewerkschaften und andere Organisationen aufgelöst und in Einheitsverbände übernommen. Für Lehrer gab es den NSLB, den Nationalsozialistischen Lehrerbund. Damit war das Vereinsleben des KLV Gronau-Epe erloschen.

Erst im Juli 1947 - nachdem die britische Militärregierung den Zusammenschluss von Lehrern zu Vereinen und Verbänden erlaubt hatte - wurde der KLV Gronau-Epe wieder begründet, man zählte 15 Mitglieder, 1950 waren es schon 32, und bis 1965 stieg ihre Zahl auf 65.

Zunächst standen die wichtigen Fragen der Nachkriegszeit im Vordergrund der Arbeit des Ortsvereins: Wie die Bevölkerung leidet auch die Lehrerschaft unter der mangelnden Ernährung und unter der Wohnungsnot, die geringe Besoldung gefährdete die Gewinnung von jungen Lehrern, während die ostvertriebenen Lehrer nur schwer eine Anstellung bekamen. Die damaligen Vorsitzenden Plackowski und Jungkamp informierten über Fragen des Dienstrechts, die Kollegen Heiß und Reimers referierten zu Bildungsfragen, z.B. 1954 zum Thema „Konzentrationsschwäche im Unterricht“ und über die Klagen der Betriebe über mangelnde Bildung bei den Lehrlingen.

Ab 1965 begann eine breit angelegte Diskussion um die Zukunft der Volksschule. Mit ihrem „Prinzip der volkstümlichen Bildung“, der achtjährigen Schulpflicht und den in manchen Fächern nicht intensiv genug ausgebildeten Lehrern sei sie den Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen, meinten Bildungspolitiker. So wurde 1968 in Gronau und ein Jahr später in Epe die Hauptschule eingeführt.

1972 schloss sich der Landesverband dem bundesweit tätigen Verband Bildung und Erziehung (VBE) an. Die jüngere Generation übernahm nun die Leitung des VBE-Ortsvereins. Neue Initiativen in den Fragen von Bildung und Erziehung werden entwickelt. 1976 wurde ein Arbeitskreis Schule und Wirtschaft gebildet, aus dem nach Gründung des Industrievereins eine VBE- und schulformübergreifende Einrichtung wurde. 1977 diskutierte man in einer Runde mit über 70 Teilnehmern die Frage „Macht die Schule die Lehrer krank“, und 1979 veranstaltete der VBE gemeinsam mit der Volkshochschule eine Podiumsdiskussion zum Thema „Unterrichtsausfall trotz Lehrerschwemme“ mit 180 Teilnehmern. Ein weiteres brennendes Thema jener Zeit wurde 1982 zur Sprache gebracht, nämlich die Situation der ausländischen Schüler in Gronau. Vor dem Hintergrund dieser erfolgreichen Arbeit feierte der Ortsverein 1985 sein 75-jähriges Bestehen. Über 70 Mitglieder zählte der Verein zu dieser Zeit.

In der Folgezeit setzte der Verein seine Arbeit mit Erfolg fort. Das jährliche Programm bot einen Wechsel von aktuellen pädagogischen und allgemein bildenden Themen, beamten- und schulrechtlichen Fragen und Veranstaltungen geselliger Art.

Die Schlussworte des damaligen 2. Vorsitzenden Alfons Roolvink zum 85-jährigen Jubiläum im Jahre 1995 - übertragen auf das Jahr 2010 - mögen diesen Bericht abschließen: Was 1910 als KLV Gronau mit 13 Mitgliedern begann, stellt sich heute - 2010 - als VBE-Ortsverband mit 70 Mitgliedern dar; überkonfessionell, aber den christlichen Erziehungswerten verpflichtet; überparteilich, aber politisch nicht abstinent; keiner Einheitsgewerkschaft angehörend, aber gewerkschaftlich mit Erfolg arbeitend in den Personalräten der Lehrer und als Landesverband anerkannter Gesprächspartner der politischen Parteien.

Mit zwei weiteren Veranstaltungen rundet der Ortsverband das Jubiläumsjahr ab:

Am Donnerstag (30. September) um 20 Uhr, tritt das Lehrerkabarett „die daktiker“ in der Mensa der Anne-Frank-Schule auf.

Am 2. Oktober feiert der Verein mit Mitgliedern und deren Partnern das 100-jährige Bestehen mit einem Festabend im Gasthof Driland.

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