Gronau
Mit Leidenschaft und Leichtigkeit

Montag, 01.11.2010, 16:11 Uhr

Gronau - Die gnadenlos verrinnende Zeit tickt fast körperlich spürbar durch das Kreisau-Oratorium von Miroslaw Gasieniec. „Mein Leben ist vollendet, ich kann von mir sagen: er starb alt und lebenssatt“ lautet einer der vertonten Textteile aus den Briefen und Tagebüchern von Helmuth James von Moltke . Alt? Moltke war 37, als er von den Nazis hingerichtet wurde. Und er hätte sicher seine Frau noch gerne ein Stück auf dieser Erde begleitet. „Aber der Auftrag für den mich Gott gemacht hat, ist erfüllt“, zitiert Gasieniec den Widerständler. Am Samstagabend führten die Städtischen Musikvereine Gronau und Rheine sowie das Symphonieorchester Rheine unter Gesamtleitung von Klaus Böwering das Werk des polnischen Komponisten auf. Es spiegelt mit modernen musikalischen Mitteln die Opferbereitschaft eines standhaften Mannes wider.

Ein dräuender Unterton ist im ersten Satz allgegenwärtig. Nervös-schnelle Streicherpassagen, eruptive Ausbrüche des Orchesters, immer wieder der Klang der Röhrenglocken, die akustisch an das unerbittlichen Verrinnen der Lebenszeit gemahnen.

Die Dramatik ging am Samstagabend vor allem vom Orchester aus. Spannungsgeladene Crescendi mit abrupten Pausen dehnten das flächige Tongewebe. Böwering ließ die Musiker die Klangeffekte kräftig auskosten. Allerdings ging das in den Forte-Passagen leider zulasten des Gesangs. Die Stimmen des Chors im Altarraum der Josefskirche konnten sich gegen das gewaltige Volumen der Instrumentalisten nicht durchsetzen.

Im zweiten Satz kommentiert die Musik Textfetzen aus dem Prozess vor dem Volksgerichtshof. Militärische Trommelwirbel und schrille Dissonanzen vermitteln eine verstörende Wirkung. Die von Tenor Erwin Feith mit schneidendem Ton fast als Rezitativ vorgetragenen Textpassagen, die faktisch das Todesurteil für Moltke bedeuten, verursachten eine Gänsehaut.

Das Oratorium zeigt deutliche Parallelen zur Gattung der Passion, etwa wenn im vierten Satz der Chor das „Hochverrat“ skandiert. Es erinnert fatal an das verachtende „Kreuzige ihn“, mit dem das Schicksal Jesu besiegelt wird.

Der lyrisch-meditative dritte Satz wurde vom sanften a-capella-Gesang des Chors eingerahmt, den die Sängerinnen und Sänger in berückender Schlichtheit vortrugen. Sopranistin Renate Lücke-Hermann und Bariton Rainer Land interpretierten ihr anspruchsvolles Duett mit wunderbarer Geschmeidigkeit. Auch in den hohen Tonlagen büßten ihre Stimmen nichts von ihrer Strahlkraft ein.

Im zweiten Teil des Abends erklang „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms. Das Wissen um die Vergänglichkeit („Alles Fleisch, es ist wie Gras“) und die Hoffnung auf das ewige Leben („Tod wo ist dein Stachel?“) deutet Brahms musikalisch aus. Die stilistische Vielfalt stellte die Aufführenden vor hohe Ansprüche, denen sie bis auf einige wenige Intonationsfehler im Chor sehr gut gerecht wurden. Den grandiosen Höhepunkt erlebten die Zuhörer im sechsten Satz. Die dumpfe Furcht vor dem Tod, die in einem gewaltigen, von den Posaunen getragenen Schrecken vor dem Jüngsten Gericht kumuliert, schlägt wenig später in den triumphalen Chorgesang um „Hölle, wo ist dein Sieg?“

Mit selbstverständlich wirkenden Leidenschaft und Leichtigkeit interpretierten die Vortragenden diesen sechsten Satz, ein erhabenes Erlebnis, das im Satz aus der Offenbarung „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“ einen beruhigenden Ausklang fand.

Martin Borck

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