Gronau
Rissige UF6-Fässer in Angarsk?

Freitag, 20.05.2011, 07:05 Uhr

Gronau - Müll oder nicht Müll - das ist für Swetlana Slobina die entscheidende Frage. Die Suche nach einer Antwort führte sie Tausende Kilometer von zu Hause entfernt nach Gronau. Denn von hier kam, was sie in ihrer Heimatstadt Angarsk im Süden Russlands nicht länger will: Behälter mit abgereichertem Uranhexafluorid ( UF6 ), geliefert unter anderem von der Urenco Deutschland, liegen nach Slobinas Auskunft teils seit Jahren unter freiem Himmel. Offiziell ein Wertstoff , der dort seiner Nutzung harrt. Doch die Aktivistin vermutet, dass dort schlicht „Atommüll“ gelagert wird.

Um das zu klären, kam die Journalistin nach Gronau. Denn die Frage nach Wertstoff oder Müll ist entscheidend für die Lagerung, weiß der Gronauer Udo Buchholz, der seit 30 Jahren gegen Atomenergie kämpft. Atommüll müsse nach internationalen Abkommen im Ursprungsland gelagert werden. Ein Wertstoff dagegen, der auf seine Weiterverarbeitung wartet, nicht.

Mit dem Leiter des „Chemiekombinats Angarsk“ habe sie vor ihrer Reise ein Gespräch geführt, erzählt Slobina, habe sich die Anlage ansehen dürfen, nicht aber die Lagerstätte mit den Fässern. Ein ehemaliger Ingenieur des Unternehmens habe öffentlich über die Lagersituation berichtet, etwa darüber, dass rund 100 Fässer pro Jahr rissig würden. Offizielle Informationen darüber aber gebe es keine, ebenso wenig wie zu Krebserkrankungen in der Gegend.

Als in ihrer Stadt im vergangenen Jahr jedoch ein Hospiz gegründet werden sollte, seien Zahlen bekannt geworden, berichtet die Journalistin. „Sie haben die Bevölkerung schockiert.“ So kämen in Angarsk auf rund 230 000 Einwohner 1400 Krebskranke im Endstadium, im (für russische Verhältnisse) nahe gelegenen Irkutsk dagegen auf rund 600 000 Einwohner „nur“ 1600. Hinzu komme das Risiko, dass sich UF6 in Verbindung mit Wasser zur gefährlichen Flusssäure wandelt. Zwischen Lager und Wohngebiet in Angarsk lägen weniger als drei Kilometer.

Der Leiter der russischen Anlage habe ihr zugesagt, dass er bereit sei, das Material zurück nach Deutschland zu schicken, sagt Swetlana Slobina. Vorausgesetzt, Urenco sei zur Rücknahme bereit. Darüber hätte sie - neben der reinen Information - gerne auch mit der Urenco-Geschäftsführung gesprochen. Einen Termin aber erhielt sie nicht, durfte nicht mal auf das Firmengelände. Auch an einem anderen Ort wollte sich kein Urenco-Verantwortlicher mit der Journalistin der Angarsker Zeitung „Vremja“ treffen. „Das bedauere ich sehr, und darüber werde ich auch schreiben“, sagt Slobina. „In Angarsk hat man mir immerhin diese Möglichkeit gegeben.“

Der Frage nach Müll oder Wertstoff konnte sie so nicht näherkommen. Indizien sprächen eher für die Müll-Variante: So werde das abgereicherte Material in Angarsk nur zu zehn Prozent wieder angereichert und damit genutzt. „Der Rest verbleibt einfach in Russland“, sagt Slobina. Buchholz vermutet hinter diesen „Minimaltransporten“ Kalkül: Denn je länger Lagerkapazitäten bei Urenco frei blieben, umso später müsse das Unternehmen mit dem Bau eines Zwischenlagers für Uranoxid beginnen.

Widerstand indes formiere sich auch in Angarsk, berichtet die Journalistin. Überhaupt sei die UF6-Lagerung dort erst seit 2007 wirklich bekannt. Im selben Jahr starb vor Ort ein demonstrierender Umweltschützer. Laut Swetlana Slobina sei er bei einem Überfall auf ein Aktivisten-Camp erschlagen worden.

„Der Fall ist noch bei Gericht anhängig, noch ist kein Schuldiger gefunden“, sagt sie. Der Vorwurf laute aber nicht auf Mord oder Totschlag, sondern „Rowdytum“.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/237387?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F696929%2F696940%2F
Scheiwe-Straße bleibt dicht
Die Theodor-Scheiwe-Straße bleibt dicht. 
Nachrichten-Ticker