Großartige Interpretin
Gerlint Böttcher spielte im Paul-Gerhardt-Heim

Gronau -

Was für ein Tempo! Die Finger der Pianistin bewegten sich in rasender Geschwindigkeit über die Klaviatur, dass sie vor den Augen des Publikum regelrecht verschwammen. Dennoch: Jede Note, die Gerlint Böttcher spielte, hatte Konturen. Die Rhapsodien von Jan Vaclav Vorišek perlten sozusagen in höchster Auflösung.

Dienstag, 29.11.2011, 07:11 Uhr

Waren es Kabinettstückchen, mit denen die Pianistin zu Anfang des „Klangpralinen“-Konzerts ihre Klasse demonstrieren wollte? Auf jeden Fall war der Ton gesetzt: An der technischen Virtuosität der Interpretin bestand kein Zweifel.

Wer die Technik derart verinnerlicht hat, kann sich umso mehr Gedanken um Interpretation und Ausdruck machen. Franz Liszts Konzertetüde in Des-Dur spielte sie denn auch mit hoher Sensibilität für Stimmungen. Der ungestüme Auftakt wich einem fast weichen Timbre. Bei der Paganini-Etüde blitze dann wieder die technische Brillanz auf, die diesem Stück gebührt. Liszt selbst galt schließlich zu seiner Zeit als famoser Tastenheld. Eine dritte Seite des Liszt’schen Musikschaffens demonstrierte Böttcher mit dem „Gnomenreigen“, einer geistreichen kleinen Etüde, die viel Kreativität und Respektlosigkeit vor tradierten Gewohnheiten verrät. Liszt war musikalisch seiner Zeit voraus, und Böttcher zollte ihm auf ihre Weise Respekt.

Mit den „Variations sérieuses“ von Mendelssohn-Bartholdy eröffnete die Pianistin den zweiten Teil des Konzerts im Paul-Gerhardt-Heim. Ein schönes Beispiel, wie stark die äußere Form die Stimmung eines musikalischen Themas beeinflussen kann.

Bachs „Siciliano“ aus der 2. Flötensonate und der Choral „Jesus bleibet meine Freude“ wirkten in Böttchers Interpretation von der Patina des Barock befreit.

Dass Chopin neben seinen vielen Mazurken und Polonaisen wahrlich viel tiefgründige und bewegende Klaviermusik geschrieben hat, gerät (trotz des weltberühmten „Marche funèbre“) oft in Vergessenheit. Die „Fantaisie Impromptu“ in cis-Moll lässt diese Seite des Komponisten anklingen. Böttcher arbeitete die tragenden Momente mit Einfühlungsvermögen heraus.

Brahms’ „Wiegenlied“ sollte noch nicht der Abschluss des Konzerts sein: Mit dem Scherzo Nr. 2 in b-Moll bewies Böttcher erneut ihre Klasse. Mit Bravo-Rufen und Applaus dankte das Publikum der großartigen Interpretin.

Martin Borck

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/60755?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F696929%2F696932%2F
Nachrichten-Ticker