Die Orgel der Stadtkirche schweigt
Instrument wurde dauerhaft abgeschaltet / Orgelbauverein benötigt Unterstützer

Gronau -

Wenn diese Zeitung die Orgel der Evangelischen Stadtkirche wäre – dann hätten Sie, lieber Leser, jetzt ein weißes Blatt Papier in der Hand. Etwas, das vom Format her wie eine Zeitung aussähe, aber keinen Inhalt hätte. So ähnlich verhält es sich auch mit der Orgel: Das Gehäuse, die Pfeifen, die Manuale – alles ist noch da. Aber das alles ist nur eine stumme Hülle. Der Königin der Instrumente ist die Luft abgedreht worden. Zwangsweise und endgültig.

Samstag, 04.02.2012, 12:02 Uhr

Die Orgel der Stadtkirche schweigt : Instrument wurde dauerhaft abgeschaltet / Orgelbauverein benötigt Unterstützer
Kantor Tamás Szösz am Spieltisch der Orgel. Mehrere Schalter sind abgebrochen. Das kleine Foto zeigt einen Blick in das Innere des Instruments. Foto: Martin Borck

Kantor Tamás Szösz öffnet den Spieltisch. Passenderweise hängt über den Tasten ein Plakat mit einer Konzertankündigung – für ein Requiem. Die Orgel jedoch wird ihr eigene Totenmusik nicht mehr spielen. „Ein Sachverständiger hat ein neues Gutachten angefertigt“, erzählt Szösz. Bei dem Experten handelte es sich um einen Mitarbeiter der Firma, die das Instrument vor rund 50 Jahren gebaut hat. „Er war entsetzt über den Zustand.“ Sogar Brandgefahr sei nicht auszuschließen. Dieses Urteil gab den Ausschlag: Die Orgel wurde abgeschaltet. Für die Stadtkirche bricht jetzt eine Zeit der Stille an. „Gut: An der Truhenorgel oder am Flügel kann ich die Gemeinde begleiten“, sagt Szösz. Aber diese Instrumente erzeugen nun wahrlich nicht die Schwingungen, die dem großen Kirchenraum angemessen wären. Die Truhenorgel verfügt nur über vier Register – die große Orgel hat immerhin 30. Dass all diese Register gleichzeitig erklangen, war übrigens bei Gottesdiensten fast Dauerzustand. Erzwungenermaßen. Denn nur so ließen sich die klanglichen Unzulänglichkeiten des Instruments einigermaßen kaschieren. „Die Magnete ziehen nicht mehr zuverlässig“, erläutert Szösz. Das hat zur Folge, dass die Pfeifen der einzelnen Register nicht mehr gleichmäßig mit Wind versorgt werden. „Die Pfeifen ertönen unterschiedlich laut.“ Wenn Szösz alle Register zog, verteilte sich der Wind zwar besser; statt differenzierter Lautstärke gab es aber permanenten Schalldruck höchster Stufe. „Da wird man verrückt!“ Vom schrecklichen Heulen abgesehen, das durch marode Ventilklappen erzeugt wurde und den Kirchenmusiker schier zur Verzweiflung trieb. Sauberes Spiel war nicht mehr möglich. Jahrelang hatten sich die Organisten der Kirche mit Notlösungen beholfen. Kunststoffschalter wurden notdürftig geklebt, als Reparaturmaterial dienten Hölzchen, gar Büroklammern. Die Stadtkirche ohne adäquate Orgel ist für Szösz auf Dauer undenkbar. „Man muss sich vorstellen: kein Hochzeitsmarsch bei Trauungen, keine Orgelbegleitung bei den großen Festen.“ Auch für den Organisten selbst ist der Zustand unhaltbar. Er muss schließlich üben. „Zum Glück habe ich in Epe Asyl bekommen“, schmunzelt er. Dennoch: Es muss etwas passieren. Und da kommt der neue Orgelbauverein ins Spiel, der mittlerweile ins Vereinsregister eingetragen und dessen Gemeinnützigkeit beantragt ist. „Wenn alle evangelischen Christen in Gronau Mitglied werden, haben wir das Geld in vier Jahren zusammen“, rechnen Szösz und der Kassierer des Vereins, Hans Jastrow , vor. 500 000 Euro wären nötig, um eine Orgel vergleichbarer Größe zu erwerben. Teile der alten Orgel, die weiterverwendet werden könnten, sollen veräußert werden. 35 000 Euro sind bislang schon gesammelt, Spendenbriefe haben ihre Wirkung gezeigt, der Verkauf von „Orgelwein“ und „Klangpralinen“ trug finanzielle Mosaiksteine bei. Aber der große Ruck muss noch kommen. „Das größte Problem sind die Skeptiker, die jetzt schon sagen, dass wir das Geld nie zusammenbekommen.“ Oder meinen, dass das alte Instrument doch noch repariert werden könnte, oder eine Elektro-Orgel reiche. Szösz und Jastrow wollen diese faulen Kompromisse nicht eingehen. Sie sind optimistisch: „Wir schaffen das!“ Mit den zwölf Euro Jahresbeitrag, den die Mitgliedschaft im Orgelverein kostet. Mit weiteren Spenden. „Am besten wäre natürlich, wir hätten einen Großsponsor,“ so Jastrow. Auf jeden Fall werden die angestoßenen Aktionen weitergeführt. Am 18. März findet zudem ein Benefizkonzert (Dvorak-Messe) statt. Wenn die Gläubigen in den kommenden Wochen merken, dass der Gottesdienst ohne Orgelklang doch nicht ist, was er mit Orgelbegleitung war – dann dürfte sich der ein oder andere vielleicht doch einen Ruck geben und Mitglied im Orgelbauverein werden. „Ja“, bekräftigt Szösz, „wir schaffen das!“   |www.treffpunkt ­                          kirchenmusik.de

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