Armut macht krank - Kampagne 2012
Zum Nichtstun verdonnert - Caritas mahnt Verbesserungen für Flüchtlinge an

Gronau -

Die Situation vieler Asylbewerber in Gronau und Umgebung ist prekär. Die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sind seit 1993 auf dem selben Niveau geblieben. Für Maria Revers und Marlies Imping von der Caritas-Flüchtlingsberatung ein Unding. Sie fordern Änderungen.

Samstag, 07.07.2012, 15:07 Uhr

Armut macht krank - Kampagne 2012 : Zum Nichtstun verdonnert - Caritas mahnt Verbesserungen für Flüchtlinge an
Eine Frau blättert für einen Deutschkurs in einem Wörterbuch. Die Flüchtlinge, die ins Westmünsterland kommen, sind den Erfahrungen der Flüchtlingsberaterinnen der Caritas nach willens und bereit, sich zu integrieren. Foto: epd

Die Renten sind gestiegen, die Löhne auch, derweil entwertet die Inflation das Geld. „Doch die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz – die sind seit sage und schreibe 1993 auf dem selben Niveau geblieben. Seit 19 Jahren!“ Für Maria Revers und Marlies Imping von der Caritas-Flüchtlingsberatung ein Unding. Die aktuellen Bedarfssätze liegen 30 Prozent unter dem, was Hartz-IV-Empfänger erhalten. Die Lebensumstände der Flüchtlinge, die aus den Krisengebieten der Welt in die Region kommen, sind oft so prekär, dass sie krank werden.

„Zum Beispiel eine junge Frau aus Afghanistan“, erzählt Marlies Imping. „Sie ist im September mit ihrem Kind nach Gronau gekommen. Sie war auf der Flucht von ihrem Mann getrennt worden und fühlte sich hier schrecklich isoliert.“ Der Arbeitskreis Asyl kümmerte sich um die traumatisierte Frau, besorgte einen Kindergartenplatz für das Kind. Glücklicherweise ist der Ehemann mittlerweile wieder aufgetaucht. Und die Frau nimmt an einem Sprachkursus teil.

Allerdings sind die Lebensverhältnisse für Flüchtlinge alles andere als ausreichend, findet Imping. „In dem Übergangswohnheim fehlt es an sanitärer Ausstattung. Mit mehreren Menschen leben sie in einem Raum. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeiten für die Bewohner.“ Integrationsangebot und Bildungschancen seien schlecht. Wobei es in Gronau und Ahaus wenigstens die Möglichkeit gibt, kostenlos Deutschkurse zu besuchen.

In Gronau werden die Leistungen zum größten Teil als Sachleistungen gewährt, in Ahaus sind es in der Regel Geldleistungen. Ohne Bares ist es den Betroffenen oft unmöglich, zur Klinik, zum Ausländeramt oder zu ihrem Anwalt zu kommen. Die medizinische Versorgung ist eingeschränkt. „Viele Leistungen hängen vom Ermessen des Sachbearbeiters ab.“

Forderungen

Die Caritas-Flüchtlingsberatung stellt im Zusammenhang mit der Situation der Flüchtlinge Forderungen auf: 1. Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes, 2. eine stichtagsunabhängige dauerhafte Bleiberechtsregelung mit Kriterien, die von den Betroffenen auch erfüllt werden können, 3. Erteilung der Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung, 4. keine Abschiebung in das Kosovo.

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Und: Selbst die sowieso schon geringen Leistungen können gekürzt werden, wenn der Asylbewerber nach Ansicht der Sachbearbeiter „nicht mitwirkt“, zum Beispiel bei der Beschaffung von Identitätspapieren. Das ist aber oft nicht möglich, weil die Menschen in ihren Herkunftständern gar nicht registriert waren.“ Bei zwei Männern hat das sogar dazu geführt, dass sie gar nichts mehr bekommen haben“, klagt Imping.

Und die Kinder? Sie trauen sich nicht, Mitschüler nach Hause einzuladen, weil sie sich wegen ihrer Unterbringung schämen. „Sie geraten in Isolation“, sagt Revers. Zumal auch die Teilnahme zum Beispiel am Bildungs- und Teilhabepaket nur eingeschränkt möglich ist. All das führt dazu, dass viele Betroffene psychisch krank werden.

Aber warum arbeiten die Asylbewerber nicht, um ihre Lage zu verbessern? „Sie würden ja gern, dürfen aber im ersten Jahr überhaupt nicht“, erläutert Revers. Kürzlich gab es einen Fall in Epe: Ein Asylbewerber hatte eine Stelle in Aussicht – hat sie aber dennoch nicht bekommen. Grund ist die Vorrangprüfung, die EU-Bürger bei der Vermittlung ein Vorrecht einräumt. „Faktisch ist das wie ein Arbeitsverbot. Erst nach vier Jahren kann eine Arbeitserlaubnis erteilt werden.“ Bei einem Mann aus Eritrea scheiterte die Arbeitsaufnahme daran, dass er keine Möglichkeit hatte, den Arbeitsplatz zu erreichen. „Die Menschen sind zum Nichtstun verdonnert“, klagen Imping und Revers. „Das ist ein Teufelskreis, der sie krank macht.“

Besonders am Herzen liegt den beiden Frauen das Schicksal der Roma aus dem Kosovo. Derzeit werden vermehrt Familien abgeschoben – obwohl sie teils schon seit 15 Jahren hier leben. „Für die Kinder ist das Kosovo ein fremdes Land“, in dem sie im Wortsinne oft auf der Müllhalde landen. „Das ist in meinen Augen eine Katastrophe“, sagt Imping. „Und ein Verstoß gegen die Kinderrechtskonvention. Das Kosovo bedeutet für die Abgeschobenen nur Elend.“

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