Aufsuchende Sozialarbeit
Wenn die Arbeit wie Freizeit wirkt

Gronau -

Olaf Reckers ist Sozialpädagoge und bei der Stadt als „Straßensozialarbeiter“ tätig. Das bedeutet, er geht auf Jugendliche zu, die mangels Alternativen auf Spielplätzen, in Parkanlagen oder etwa auf dem Laga-Gelände ihre Freizeit verbringen

Freitag, 14.12.2012, 12:12 Uhr

Aufsuchende Sozialarbeit : Wenn die Arbeit wie Freizeit wirkt
Olaf Reckers hat mit Jana Penning demnächst wieder weibliche Unterstützung bei der Arbeit mit Jugendlichen in Gronau. Foto: cn

Mitunter wird er von den Jugendlichen gefragt: „Was arbeitest du eigentlich?“ Olaf Reckers muss lachen, als er das erzählt. Dass das, was für seine „Klienten“ wie Freizeit aussieht, für den 42-Jährigen ein ganz selbstverständlicher Teil seiner Berufsausübung ist, ist für manche der jungen Leute erklärungsbedürftig. Seine Antwort: „Was andere in Jugendzentren machen, mache ich auf der Straße. Deswegen stehe ich hier zum Beispiel grad’ am Grill.“

Reckers ist Sozialpädagoge und bei der Stadt als „Straßensozialarbeiter“ tätig. Oder neudeutsch ausgedrückt: Reckers ist Streetworker. Das bedeutet, er geht auf Jugendliche zu, die mangels Alternativen auf Spielplätzen , in Parkanlagen oder etwa auf dem Laga-Gelände ihre Freizeit verbringen und bietet ihnen sinnvolle Beschäftigungen an: gemeinsam Schwimmen gehen, Wandertouren, gemeinschaftliches Kochen, Spieleabende, Übernachtungspartys. Er spielt mit ihnen Fußball, führt Aids- und Suchtpräventionsprojekte an Schulen durch und ist ansprechbar, wenn jene Jugendlichen, die bei Lehrern, Eltern oder anderen Anlaufstellen keinen Zugang finden, Hilfe brauchen. Etwa ein Drittel seiner Arbeit sei echtes „Streetwork“, der Rest mobile Jugendarbeit.

Reckers’ Klientel ist bunt gemischt. Dabei wurde die Stelle ursprünglich mit Blick auf die Jugendgeneration der Spätaussiedler geschaffen. „Als ich 2000 anfing, gab es einen Treffpunkt an der Erlöserkirche, der zweimal wöchentlich geöffnet war. Da gab es einen Kicker, Musik, Kartenspiele – ein typischer Jugendtreffpunkt halt.“ Sein Vorgänger, der allerdings nur ein Jahr im Amt war, hatte dort Vorarbeit geleistet. Doch seither ist es Reckers’ Gesicht, das untrennbar mit dem Begriff des Streetworkers und dem Dienstbus verbunden ist, mit dem er seine Schäfchen einsammelt, wenn mal wieder eine gemeinsame Aktivität geplant ist. Und die Jugendlichen stammen aus aller Herren Länder, aus unterschiedlichsten Kulturen, auch wenn es längst nicht nur Migrantenkinder sind. „Mir ist nicht so wichtig, wo die herkommen“, erklärt Reckers. „Ich nehme die so, wie sie mir gegenübertreten.“

Seit 2005 habe sich spürbar etwas verändert. Damals sei der Zuzug der Spätaussiedler abgeebbt, „gerade in der Gruppe der Zehn- bis 16-Jährigen“. Parallel habe man festgestellt, dass es für Mädchen leichter wird, wenn sie eine Ansprechpartnerin vorfinden. Seither arbeitet Reckers Seite an Seite mit einer Kollegin. Ab 1. Januar wird diese Stelle mit Jana Penning besetzt, die nach ihrem Magister-Abschluss in Erziehungswissenschaften bereits seit März bei der Jugendgerichtshilfe der Stadt arbeitet.

Inzwischen haben Reckers und seine Kollegin ihr „Büro“ an der Laubstiege im Gebäude des TV Gronau . Dort gibt es eine Küche, einen Rückzugsraum, einen Fernseh- und Spieleraum. Die Jugendlichen werden angehalten, selbst Unternehmungen zu planen und Verantwortung zu übernehmen. An den Wänden hängen Erinnerungsfotos von früheren Unternehmungen. „Der hier ist heute dreifacher Familienvater“, erklärt Reckers, als er auf das Bild eines Jugendlichen zeigt, der mit dem Kompass um den Hals eine Karte studiert.

Tatsächlich hat er manche seiner Schäfchen bis weit ins Arbeitsleben hinein begleitet. Mal ist es Hausaufgabenhilfe, mal Unterstützung bei einem Bewerbungsschreiben, mal ein Gespräch über brennende Probleme, das gebraucht wird. Einer habe ihm mal gesagt: „Ich weiß nicht, wo ich gelandet wäre, wenn du nicht da gewesen wärst.“ Erlebnisse wie diese seien der Grund, warum ihm der Job auch nach zwölf Jahren noch Spaß mache. „Das überwiegt alles andere.“ Außerdem sei die Arbeit spannend und abwechslungsreich. „Eine normale Arbeitswoche gibt es hier nicht.“

Sein Erfolgsrezept: „Ich gebe grundsätzlich keinen auf.“ Auch nach Gefängnisaufenthalten gebe es immer wieder welche, die sich positiv entwickelten und gut integrierten. „Alle, die Unterstützung wollen, kriegen die auch. Aber es ist rein freiwillig – wir drängen uns nicht auf.“ Für Reckers heißt das mitunter, dass auch mal abends oder nachts das Telefon klingelt. Oder sogar im Urlaub. „Wenn ich einem Jugendlichen signalisiert habe, dass er mich jederzeit anrufen kann, wenn er Probleme hat, kann ich nicht drei Wochen verschwunden sein.“

Der passionierte Segler entspannt sich am ehesten auf dem Wasser. Auch dort hat er sich als Trainer und Regattasegler Meriten erworben. „Das ist ein toller Ausgleich“, erklärt er. Und aufs Boot nehme er das Telefon nicht mit.

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