Dr. Gregor Luthe wird von den Studenten an der Saxion-Hochschule für seine offene Art geschätzt
„Einfach mal probieren“

Gronau-Epe/Enschede -

Dr. Gregor Luthe ist auf seine Art schon ein verrückter Professor. Verrückt im Sinne von unkonventionell. Ein Daniel Düsentrieb, vor Ideen sprühend, ein Erzähler und herausragender Wissensvermittler. Chemiker, Toxikologe, Nanotechniker, einer der beliebtesten Dozenten der Niederlande, Marie-Curie-Fellow und der erste „Fellow“ der renommierten Humboldt-Gesellschaft, dessen erster schulischer Abschluss der einer Hauptschule war. Der der Hauptschule Epe.

Montag, 27.05.2013, 07:05 Uhr

Luthe (Jahrgang 1970) wirkte kurzzeitig an der amerikanischen Elite-Uni Berkely, dann an der Universität von Iowa , arbeitete an der Uni in Hawaii, in Trondheim im hohen Norden Norwegens; und ist seit etwa zwei Jahren wieder an der Saxion-Hochschule in Enschede , wo er nach seinem Studium in Münster und seiner Promotion in Chemie in Amsterdam gearbeitet hatte. „Hier“, sagt er, „habe ich die Freiheit, die ich brauche.“ Die Freiheit, mit seinen Mitarbeitern, Studenten und Kollegen Ideen zu entwickeln, die praktischen Nutzen haben.

Und da ist Enschede genau der passende Ort. „Jeder kennt Silicon-Valley als den Ort für die Chip-Industrie“, erzählt er. „Aber kaum einer weiß, dass Enschede mittlerweile dieselbe Funktion für die Nano-Technologie hat. Hier ist das Nano-Valley.“ Die Universität und das dort angesiedelte Mesa+-Institut, die Saxion-Fachhochschule sowie Dutzende von Spin-off-Unternehmen strahlen mittlerweile in alle Welt aus. Und Gregor Luthe ist mittendrin.

Die Erfahrungen, die er während seiner Zeit in den USA gemacht hat, will er nicht missen. An der Uni Berkeley gefiel es ihm jedoch nicht. „Zu elitär. Dort ist die Frage, ob der Vater eine Bibliothek oder ein Labor gestiftet hat, wichtiger als die Leistung der Studenten.“ Deshalb bat er die Humboldt-Gesellschaft, wechseln zu dürfen, und landete in Iowa, wo er sich auf Toxikologie spezialisierte. „Dort habe ich auch immer noch eine Gastprofessur“, erzählt er.

Auch auf Hawaii war Luthe eine Zeit lang tätig: „Dort hatten wir sechseckige, offene, mit Bananenblättern gedeckte Räume für die Seminare und Labors. Mit Ausblick aufs Meer.“ Irgendwann merkte er aber, dass er doch Europäer durch und durch ist: Das nicht vorhandene Gesundheitssystem und einige Eigenheiten der Amerikaner, die Notwendigkeit, selber immer wieder Forschungsmittel heranschaffen zu müssen, ließen ihn zurückkehren. Und da er auch während seiner Abwesenheit bei der Saxion angestellt war („Ich musste nur ein Mal pro Jahr eine Vorlesung halten“), kam er zurück nach Enschede.

„Ich habe hier das Glück, dass ich interdisziplinär arbeiten kann.“ An der Saxion ist Frontal-Wissensvermittlung die große Ausnahme. Die Studenten werden sehr individuell begleitet. Und sie lernen, praxis- und anwendungsbezogen zu arbeiten. Das liegt Luthe sehr. „Statt einer Klausur müssen die Studenten bei mir ein ,Grant‘ anfertigen. Ein Konzept, mit dem bei Investoren oder Firmen Interesse für ihr Produkt geweckt werden soll.“ In der Praxis werden sie schließlich derartige Tätigkeiten ebenfalls ausüben müssen.

Und die Studenten stellen Erstaunliches auf die Beine. Eine junge Frau hat ein Verfahren entwickelt, mit dem man Gold bei Raumtemperatur schmelzen kann. Eine andere experimentiert im Labor an der Saxion mit einem Pulver. Sie entwickelt eine neue Art Kleber. Ihre Formel? „Natürlich geheim,“ macht sie klar.

Luthes Aufzählung der technischen Anwendungen in seinem Fachbereich scheinen kein Ende zu kennen: „Magnetische Hyperthermie zum Beispiel. Mit dem Verfahren ist es möglich, Partikel direkt auf einem Tumor – zum Beispiel im Gehirn – zu platzieren und sie in Bewegung zu versetzen. Die Wärme zerstört den Tumor, ohne dass eine Operation notwendig wäre.“

„Einfach mal probieren“, lautet sein Motto. „Es ging nicht, bis jemand es machte, der nicht wusste, dass es nicht funktionierte – und es funktionierte.“ Dieser Spruch wird ihm von seinen Studenten ebenfalls zugeschrieben. Luthe wurde für seine Art, theoretisches Wissen anwendungsbezogen zu vermitteln, mit einem Preis ausgezeichnet. Seine kommunikative Art hat ihn zu einem der beliebtesten und inspirierendsten Dozenten der Niederlande gemacht. Im März war er deshalb eingeladen, einen wissenschaftlichen Vortrag im Rahmen des vom amerikanischen Präsidenten ins Leben gerufenen „Obama-Summit“ in Amsterdam zu halten. Andere Redner waren unter anderem der niederländische Ministerpräsident, der Bildungsminister, der Astronaut André Kuipers –  „und eben der kleine Gregor“.

Auch wenn er lieber in Europa arbeitet – sieht er jedoch den Umgang mit dem hier erarbeiteten Wissen kritisch. „Wenn bei uns Fachartikel veröffentlicht werden, ist das Wissen für alle abrufbar. In den USA ist es bis zu einem Jahr nach der Veröffentlichung noch geschützt. Da läuft bei uns was falsch.“ Aus diesem Grund achtet er darauf, dass die Entwicklungen in seinem Institut patentrechtlich geschützt werden. „Wir haben extra einen Patentanwalt in unserem Team.“ Da ist sie wieder, die Praxisnähe, die den Studenten den Übergang vom Studium ins Berufsleben erleichtert und die zur Philosophie der Fachhochschule gehört.

Die Wirtschaft wartet nur auf gut ausgebildete Ingenieure. Schon jetzt bearbeiten die Studenten an der Saxion Aufträge von Unternehmen.

Was Luthe bedauert, ist, dass viel zu wenig junge Leute den naturwissenschaftlich-technischen Ausbildungsweg einschlagen. Dabei liegen dort so viele Chancen – und ohne Wissenschaft sind die globalen Herausforderungen kaum zu bewältigen. Dass Wüsten begrünt werden („durch einen bestimmten Nano-Ton, der Wasser besser speichert“), Ölverschmutzungen mit technischen Mitteln gereinigt werden, ist heute schon möglich. „Die Nano-Technik“, sagt er, „wird mehr verändern, als es die Computertechnik jemals getan hat.“

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