„Alleinerziehend“ - im wahrsten Sinne des Wortes
Tagesmutter verzweifelt gesucht

Gronau/Heek-Nienborg -

Offene Ganztagsschule, U3-Betreuung, Tagesmütter-Qualifikationsprogramme: Man sollte meinen, der Aufwand, der allenthalben getrieben wird, um Müttern das Berufsleben zu erleichtern, sei groß. Und doch stoßen gerade alleinerziehende Mütter oft an ihre Grenzen.

Freitag, 05.07.2013, 09:07 Uhr

Offene Ganztagsschule , U3-Betreuung, Tagesmütter-Qualifikationsprogramme: Man sollte meinen, der Aufwand, der allenthalben getrieben wird, um Müttern das Berufsleben zu erleichtern, sei groß. Und doch stoßen gerade alleinerziehende Mütter oft an ihre Grenzen, wenn sie die beiderseits berechtigten Ansprüche von Arbeitgebern und Kindern unter einen Hut bringen wollen.

Zum Beispiel Carina Westermann : Die 28-Jährige Mutter zweier Söhne (neun und zehn Jahre alt) absolviert eine Umschulung zur Bürokauffrau an der Berufsbildungsstätte Westmünsterland (BBS) in Ahaus. Und kurz vor Beginn der großen Ferien ist sie der Verzweiflung so nahe, dass sie sich an die Westfälischen Nachrichten gewandt hat.

„Kein Mensch hat so viel Urlaub, wie die Kinder Ferien haben“, sagt sie. Wo bei anderen im Notfall die Familie in die Bresche springt, klafft bei Westermann eine Lücke: Zum Vater der Kinder gibt es keinen Kontakt, ihre Eltern leben am Niederrhein. Erst vor einem halben Jahr zog sie von Gronau nach Nienborg, wo sie kaum jemanden kennt. Privat kann sie sich keine bezahlte Kinderbetreuung erlauben, denn die Familie lebt von Hartz IV.

Sie habe bereits alle ihr bekannten Möglichkeiten abgefragt: die OGS hat geschlossen, ZAK und Angelverein bieten passende Freizeiten in der ersten Ferienhälfte an, aber genau dann sei sie verordneterweise zu Hause. Während der ersten drei Wochen habe sie Urlaub, weil die BBS das vorgebe.

„In Gronau hatten wir tolle Tagesmütter “, sagt sie. Jetzt aber sieht es schlecht aus. Schon in den letzten Weihnachts- und Osterferien habe ihr die Tagesmutterstelle im Kreis Borken nicht helfen können. Eine Tagespflegestelle in Legden, die ihr inzwischen angeboten wurde, zwänge sie, täglich insgesamt 80 Kilometer extra zu fahren, auf eigene Kosten. Dabei sind die acht Euro, die sie ohnehin selbst pro Tag als Essensgeld besteuern müsste, schon schwer aufzubringen. Die Kita an der BBS ist auf Kleinkinder ausgelegt. In Gronau werde sie als nunmehr Auswärtige wegen des erhöhten Bedarfs an U3-Plätzen nicht mehr berücksichtigt, obwohl das für sie günstig sei, da ihr Praktikumsbetrieb in Gronau liegt.

„Das ist eine tolle Firma, aber irgendwann bist du untendurch, wenn du so oft fehlst.“ Arzttermine, Krankheit der Kinder, eigene Krankheit, Ferien, Brückentage – immer wieder habe sie anrufen und um Entschuldigung bitten müssen. „Der Chef ist sehr kulant und hat Verständnis gezeigt, wenn ich keine Tagesmutter finden konnte.“ Sie sehe aber auch die andere Seite. „Ganz ehrlich: Ich würde mich auch nicht einstellen wollen. Wer will jemanden einstellen, der nie in den Ferien kommen kann, der nie jemanden für die Kinder hat?“ Hinzu komme, dass ausgerechnet jetzt das Auto kaputt sei, weshalb sie nicht wisse, wie sie zur Arbeit kommen soll. Das Geld für die Reparatur hat sie mühsam zusammengekratzt. „Das sind alles Probleme, die sehen andere nicht. Die sehen immer nur: Die fehlt.“ Ihrem Chef möge sie kaum noch unter die Augen treten. „Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass ich mir einen neuen Praktikumsplatz suchen muss.“

Gleichzeitig hätten gerade die Kinder enorme Einbußen durch diese Situation: Ich kann sie in keinem Verein anmelden, weil ich keine Zeit habe, sie hinzubringen.“ Zurzeit besuchten sie den Fußballverein, allerdings eine Gruppe, die nicht ihrem Alter entspräche, weil es die einzige sei, die nach der Ganztagsschule für beide noch erreichbar sei.

Und während sich andere auf die Sommerferien freuen, sieht das bei den Westermanns ganz anders aus. Dabei hat die Mutter durchaus Ambitionen, ihren Kindern einmal mehr bieten zu können. „Ich würde gerne Betriebswirtin werden, denn mit dem Erstgehalt für Bürokauffrau müsste ich wieder aufstocken.“ Ihre Anmeldung an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie aber wird wohl hinfällig, weil ihr wieder das Wichtigste dazu fehlt: eine Tagesmutter.

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