Vor 50 Jahren:
Sprengung 1964: THW macht Schluss mit Schloss

Gronau -

Den Glanz von Königen und Fürsten hatte es schon früher eingebüßt: In den 1960er-Jahren war das Gronauer Schloss eher so etwas wie eine Aschenputtel-Immobilien. Kein Wunder also, dass im Herbst 1964 – fast auf den Tag genau vor 50 Jahren – das letzte Stündlein für den früheren Witwensitz schlug.

Samstag, 25.10.2014, 16:10 Uhr

 
  Foto: Sammlung Bohn

Den Glanz von Königen und Fürsten hatte es schon früher eingebüßt: In den 1960er-Jahren war das Gronauer Schloss eher so etwas wie eine Aschenputtel-Immobilien. Kein Wunder also, dass im Herbst 1964 – fast auf den Tag genau vor 50 Jahren – das letzte Stündlein für den früheren Witwensitz schlug. Das Schloss war damals eines der ersten „baulichen Opfer“ der Innenstadtsanierung – weitere sollten folgen.

Zur Orientierung: Das einstige Schlossgebäude lag etwa dort, wo heute die Konrad-Adenauer-Straße zwischen dem Kurt-Schuhmacher-Platz und dem Stadtpark verläuft. Längst seiner ursprünglichen Funktionen enthoben und nur noch als lokalhistorisches Symbol von Wert, erwarb die Stadt im Jahre 1942 vom Fürsten Adolf zu Bentheim-Tecklenburg in Rheda den Gronauer Schlossplatz , das alte Schloss mit Teilen der Schlossmauer und den Schlossgarten. Für einen Kaufpreis von 81 000 Reichsmark lagen damit alle städtebaulichen Optionen in kommunaler Hand.

Das Gronauer Schloss.

Das Gronauer Schloss. Foto: Sammlung Bohn

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Schloss nach kleineren Umbauten als Wohnraum für Flüchtlinge. Da seitens der Stadt keinerlei Interesse an dem Gebäude bestand und diese sich auch mit Investitionen zum Erhalt zurückhielt, verwahrloste das Anwesen in den 50er- Jahren zunehmend.

Die beginnenden Planungen für eine umfassende Sanierung der Altstadt sahen nur halbherzig eine sinnvolle Weiternutzung und einen damit verbundenen möglichen Erhalt des Schlosses vor. Zudem kam bereits 1959 der damalige Oberbaurat Dr. Busen als fachlicher Vertreter des Landeskonservators in einer umfangreichen Stellungnahme zu dem Schluss, „.dass es sich nicht lohnt, das oftmals umgebaute und sehr entstellte Wohngeschoss des sogenannten Schlosses zu erhalten“.

Als im Frühjahr 1964 die Planungen zur Gronauer Innenstadtsanierung (seinerzeit Modellfall in NRW) ihren Abschluss gefunden hatten, sahen diese einen vollständigen Verzicht auf den historischen Stadtkern vor. Damit waren auch die Würfel für den Abbruch des Schlosses gefallen, da es städtebaulich nicht in die neuzeitliche Gesamtkonzeption zu integrieren war.

Zuvor hatte es allerdings noch Bemühungen für eine alternative Nutzung des Gebäudes gegeben: So favorisierte unter anderem der Heimatverein seinerzeit den Ausbau als Heimatmuseum. Und und auch die Gronauer Nachrichten, vertreten durch den Lokalredakteur Friedrich Pfeiffer, machten in den letzten Wochen vor der entscheidenden Ratssitzung noch mal Druck, um den Abriss zu verhindern. Letztlich verabschiedete der Rat der Stadt Gronau in seiner Sitzung vom 29. Mai den Bebauungsplan Nr. 20 (Altstadtsanierung) einstimmig bei nur drei Enthaltungen. Da bereits vorab der Landeskonservator als denkmalpflegerische Instanz sowie der Oberkreisdirektor keine Bedenken gegen einen Abriss des Schlosses erhoben hatten, waren alle rechtlichen Bedingungen erfüllt.

Bis zum Abbruch des Schlosses ließ die Stadt Gronau nicht viel Zeit verrinnen, sondern legte den Abbruchtermin auf Samstag, den 17. Oktober 1964, 16 Uhr, fest. Um eine möglichst schnelle Beseitigung des Gebäudes zu erreichen, entschied man sich für eine „sanfte Sprengung “. Die Koordination hierfür übernahm der Münsteraner Sprengmeister Ferdinand Stade. Er ging davon aus, dass 100 Kilogramm Sicherheitssprengstoff ausreichend seien, um das Gebäude in sich zusammenfallen zu lassen.

THW-Kräfte bereiten die Sprengung vor.

THW-Kräfte bereiten die Sprengung vor. Foto: Frieler

Die notwendigen Vorarbeiten – wie das Bohren der insgesamt 150, teils 1,5 Meter tiefen Bohrlöcher für die Sprengladungen im Kellerbereich – lagen in den Händen des örtlichen Technischen Hilfswerkes ( THW ). Deren Mitglieder, bis zu 80 an der Zahl, übernahmen den Job kostenlos im Rahmen einer breit angelegten Übung und ersparten der Stadt damit Kosten von rund 60 000 D-Mark. Da die berufstätigen THWler immer nur nach Feierabend tätig werden konnten, zogen sich die Maßnahmen rund zwei Wochen hin.

Am 12. Oktober, in jenem Jahr ein Montag, lud das städtische Bauamt zu einer weiteren Lagebesprechung vor Ort ein, um mit den beteiligten Stellen alle sicherheitsrelevanten Fragen zu erörtern. Da die Arbeiten zeitlich im Plan lagen, blieb der Sprengtermin am folgenden Samstag (17. Oktober) bestehen.

Aber: An besagtem Samstag lief das avisierte Spektakel am Schlossplatz allerdings nicht nach Plan. Die für 16 Uhr angekündigte Sprengung wurde bereits vorzeitig um 14.45 Uhr mittels elektrischen Auslösers durchgeführt. Zur Gefahrenabwehr war der Schlossplatz im Umkreis von 100 Metern abgeriegelt worden. Als dann die Sprengung erfolgte, gab es jedoch nur einen dumpfen, von einer Staubwolke begleiteten Knall. Der erwarte Erfolg blieb aber aus. Als sich der Staub lichtete, wurde das Desaster sichtbar: Das Gebäude hatte äußerlich kaum sichtbare Schäden und die nur geringe Druckwelle der Detonation hatte selbst die als Schutz für die Schaufensterscheiben aufgerichteten Strohhaufen vor dem Geschäft Drost nicht umgeworfen. Als interessierte Bürger, der örtliche Schmalfilm-Klub sowie Bürgermeister Bruno Jäkel samt Verwaltungsspitze der Stadt sich dann später nach und nach einfanden, war der erste große Augenblick schon vorbei. Und selbst die Polizei – die rechtzeitig erschienen war – hatte man über die Vorverlegung des Sprengtermins nicht informiert und vor vollendete Tatsachen gestellt.

Nach dem Schrecken über die misslungene Sprengung wurden in einer ersten Schnellanalyse eine zu geringe Menge Sprengstoff sowie das poröse Gestein als Gründe für das Scheitern angegeben. Aber offensichtlich hatte man auch die Festigkeit des bis zu 1,8 Meter starken Mauerwerks unterschätzt. Das wurde offenbar, als mittels Seilwinde versucht wurde, die Rückwand einzureißen. Es lösten sich lediglich kleinere Brocken. Schließlich wurden an der Rückwand des Schlosses nochmals Sprenglöcher gebohrt und eine zweite Sprengung durchgeführt. Aber auch diesmal scheiterte das Vorhaben, wohl an der zu geringen Restmenge Sprengstoff. Schließlich entschieden die Beteiligten sich dafür, den weiteren Abriss konventionell durchzuführen und auf die kommende Woche zu verlegen. Wegen der inzwischen bestehenden Einsturzgefahr musste jedoch eine Wache rund um die Uhr vor Ort im Einsatz bleiben. Der weiteren Abbrucharbeiten am Gebäude erfolgten dann ab Dienstag (20. Oktober).

Damit hatte sich der planmäßige „Tod“ des Schlosses doch um einige Tage verzögert. Die zweite Sprengung vom Samstag hatte dem Mauerwerk samt Fundamenten so großen Schaden zugefügt, dass das Mauerwerk mittels Seilwinden und mit den PS-Stärken von zwei THW-Gerätewagen eingerissen werden konnte. THW-Mitglied Georg Frieler, der beim Schlossabriss aktiv dabei war, erinnert sich: „Als Lkw-Fahrer war ich beim Bohren der Sprenglöcher als auch auf dem Gerätewagen mit der Kopfseilwinde am Einsatz beteiligt. Es waren ereignisreiche Tage mit Maloche ohne Ende. Viel Staub und Dreck gab es besonders beim Bohren der Sprenglöcher im Schlosskeller. Alles wurde ehrenamtlich nach Feierabend und am Wochenende gemacht – nicht einmal Essen und Getränke gab es von der Stadt.“

Die endgültige Beseitigung des angefallenen Bauschutts übernahm anschließend eine Privatfirma. Die zerkleinerten Mauerreste dienten damals als Packlage unter anderem für den Bau der Albrechtstraße. Unter dieser Straßendecke lagert vielleicht noch heute das eine oder andere geologische Schätzlein.

Ein Anwohner konnte damals aus dem Trümmerschutt eine etwa 1,20 Meter hohe und 30 Zentimeter dicke Säule bergen, die er bis heute als Ständer für eine Blumenschale nutzt. Die bauliche Zuordnung dieses steinernen Zeitzeugen ist aber derzeit nicht möglich, weil eine seinerzeit vom Amtmann Breh angefertigte Dokumentation des Schlosses mit Aufmaß, Zeichnungen und Fotos, nicht mehr auffindbar ist.

Der Nachwelt erhalten geblieben sind vom Schloss wohl lediglich drei Stücke eines Renaissance-Prachtkamins, die sich heute im Drilandmuseum befinden. Und natürlich ein Teil der Schlossmauer, die 2009 rekonstruiert wurde und einen neuen Standort am Mühlenplatz neben der St.-Antonius-Kirche gefunden hat.

Wer sich im Detail für die Altstadtsanierung interessiert, kann unter der Internetadresse www.youtube.com/watch?v=SzLgENkHj-Y auf Youtube eine rund fünfminütige Filmdokumentation über die ehemalige Gronauer Altstadt ansehen, die unter anderem auch den Abriss des Schlosses zeigt.

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