Elektrofischen
Fische zählen – mit 150 Volt

Gronau-Epe -

Für den Zuschauer sieht es auf den ersten Blick komisch aus: Mitten in der Dinkel an der Eisenbahnbrücke steht ein Mann hüfttief im kalten Wasser und ruft seltsame Worte

Samstag, 01.11.2014, 07:11 Uhr

Elektrofischer Jan Gehling (r.) bei der Arbeit.
Elektrofischer Jan Gehling (r.) bei der Arbeit. Foto: Klaus Wiedau

Für den Zuschauer sieht es auf den ersten Blick komisch aus: Mitten in der Dinkel an der Eisenbahnbrücke steht ein Mann hüfttief im kalten Wasser und ruft seltsame Worte: „Schmerle 5, Forelle 10, Gründling 5. . .“ Warum trägt der trotz Herbstgrau eine Sonnenbrille? Und was macht er mit dem seltsamen Kescher und dem Elektrokasten vor der Brust?

Ewald Klöpper von der Fischereigemeinschaft Gronau schaut vom Ufer aus zu. Er kennt die Antwort: Jan Gehling ist autorisierter Elektrofischer, Geologe und in dieser Funktion Mitarbeiter des Dachverbandes der Wasser- und Bodenverbände in Westfalen-Lippe.

Das Elektrofischen – siehe Kasten unten – wird unter anderem angewandt, um den Fischbestand eines Gewässers zu ermitteln. In Epe geschieht das am Freitagmorgen auf einem rund 500 Meter langen Teilstück zwischen Riekenmaateweg und Park. Hier sollen im Frühjahr strukturverbessernde Maßnahmen an der Dinkel durchgeführt werden.

Ewald Klöpper (r.), Sebastian Ohl und Dieter Breseke (v.l.) zeigen den Plan für die Renaturierungsmaßnahme.

Ewald Klöpper (r.), Sebastian Ohl und Dieter Breseke (v.l.) zeigen den Plan für die Renaturierungsmaßnahme. Foto: Klaus Wiedau

„Ausgangspunkt dafür ist die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, die das Ziel hat, Oberflächengewässer wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen“, erklärt Klöpper, der in der Fischereigemeinschaft für Naturschutzfragen zuständig ist. Auf rund 150 schätzt er die Zahl der Maßnahmen, die derzeit in diesem Zusammenhang allein in Gronau und Epe in Planung sind. Das sind zum Teil auch kleinere Projekte – wie etwa die Bepflanzung von Uferrandstreifen oder der Schilfschnitt. Die anstehende Aktion in Epe ist eine größere: An zwei Stellen sollen in der Dinkel Kiesbetten angelegt werden. Jeweils 150 Tonnen Kies werden dafür ins das Wasser eingebracht. Klöpper: „Wir haben kaum noch geeignete Standorte für Fischarten wie etwa die Bachforelle, die in solchen Kiesbetten ihren Laich ablegen“. Das soll sich durch das Projekt wieder ändern. Und die Kiesschütten haben noch einen anderen Effekt: Sie verhindern, dass massenhaft Sand weggeschwemmt wird.

Der Flussbarsch zappelt mächtig auf dem Kescher.

Der Flussbarsch zappelt mächtig auf dem Kescher. Foto: Klaus Wiedau

Die Koordination der Maßnahmen im Rahmen der Europäischen Wasserrahmen-Richtlinie liegt bei den Kreisen, die die einzelnen Vorhaben mit anderen Beteiligten – darunter Wasser- und Bodenverbände und Fischereivereine – abstimmen. Für das Dinkel-Projekt hat die Fischereigemeinschaft den Anstoß gegeben, packt im Zuge der Umsetzung auch tatkräftig mit an. Die gesamte behördliche Abwicklung wird vom Wasser- und Bodenverband geleistet: „Dafür sind wir sehr dankbar“, so Klöpper. 20 000 Euro wird diese Renaturierungsmaßnahme in Epe kosten. Neben den beiden Kiesschütten sind darin auch der Rückbau von Resten der ehemaligen Klemens-Schleuse im Wasser und weitere Arbeiten enthalten. „16 000 Euro kommen von der Bezirksregierung, den Rest teilen sich Stadt und Kreis“, weiß Klöpper. Vor Beginn der Maßnahme aber wollen die Geldgeber Details über den Fischbestand in der Dinkel wissen – daher die Zählung.

Auch dieser Hecht ging in die Bestandsermittlung ein.

Auch dieser Hecht ging in die Bestandsermittlung ein. Foto: Klaus Wiedau

Während Klöpper das Projekt erläutert, ist Jan Gehling im Wasser weitergewandert. Ihm ist im warmen Thermoanzug nicht kalt, wie er sagt. Sein Elektrogerät arbeitet im Bereich zwischen 150 und 550 Volt. Aber: „Je höher ich die Leistung drehe, desto eher löst der Schutzschalter aus“, erklärt er. Neben ihm watet Sascha Brütting (Fischereigemeinschaft), notiert den Fischbesatz, den Gehling ihm zuruft, auf Papier. Viele Striche stehen zwei Stunden nach Beginn hinter kleinen Gründlingen, Schmerlen und Stichlingen. „Aal 60“, ruft Gehling einen Moment später. Eine gute Nachricht, so Klöpper, denn Aale gibt es kaum noch in den heimischen Gewässern. Und auch der Flussbarsch, den Gehling zuvor auf dem Kescher präsentiert, kann sich sehen lassen. Den zappelnden Fisch kann er gerade solange auf dem Kescher balancieren, bis die Kamera scharf gestellt hat. Mit einem „Plopp“ verschwindet er danach im Wasser.

Unter der Eisenbahnbrücke wird es lebhafter: Ganze Fisch-Schwärme gleiten an Gehlings Gerät vorbei. „Makrelen“, unkt einer der Angler am Ufer. Anglerlatein. Der Hecht hingegen, den Gehling kurz danach mit der Hand aus dem Wasser zieht, ist echt. Er und alle „Fischkollegen“ werden von dieser Dinkel-Renaturierung im Frühjahr profitieren. Denn, so Klöpper: „In gut strukturierten Gewässern reproduziert sich der Fischbestand selbst.“ Nach anderen Maßnahmen hat sich gezeigt: „Innerhalb kurzer Zeit nehmen Artenvielfalt und Fischbestand zu.“ Gute Zukunftsaussichten also für Fische in Epe.

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