Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Kirche zu Gast in der Gronauer Jesaja-Kirche
Ein apostolischer Besuch

Gronau -

Die Aufregung vor der Jesaja-Kirche ist mit Händen zu greifen: Wann kommt er denn nun? Kinder mit Fähnchen, auf die das Gesicht des Patriarchen gedruckt ist, trappeln mit den Füßen. Und auch die Erwachsenen ist die Vorfreude anzumerken über den besuch von Seiner Heiligkeit Ignatius Aphrem II. Das Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Kirche weilt eigentlich zu einem mehrtägigen Besuch in den Niederlanden. Er übernachtet im Kloster Ephrem in Glane. Und da liegt Gronau ja um die Ecke.

Montag, 02.03.2015, 08:03 Uhr

Es ist ein apostolischer Besuch, bei dem Ignatius Aphrem seinen Mitchristen in der Diaspora Mut zuspricht und sie in ihrem Glauben bestärken will. Doch es ist dem mit 49 Jahren noch jungen Patriarchen auch ein Anliegen, denen zu danken, die die Aramäer in der Fremde aufgenommen haben, ihnen eine neue Heimat gegeben haben.

Außerdem macht er in eindringlichen Worten auf die Situation der Christen im Mittleren Osten aufmerksam. Im Irak und in Syrien werden sie verfolgt. Erst kürzlich war er in den Gebieten, in denen die Christen unter den Angriffen der terroristischen IS leiden. Und das 100 Jahre nach „Sayfo“, dem Genozid im damaligen Osmanischen Reich und in der Grenzregion in Persien.

In der Jesaja-Kirche entzündet er im Gedenken an die damaligen Opfer eine schlichte Kerze. „Unser Volk war immer friedlich“, sagt er. Gewalt lehnten die aramäischen Christen ab. „Wir kämpfen, indem wir eine Kerze anzünden.“ Und: „Wir sehnen uns nach Liebe und Frieden.“

Der Patriarch fordert die Welt auf, den Christen im Mittleren Osten zu unterstützen. Die Menschen dort warteten dringend auf Hilfe. Deutschland sei da vorbildlich, genauso wie bei der Aufnahme der Aramäer seit den 1980er-Jahren. In Deutschland sei es möglich, dass der Glaube und die Identität weiter gelebt und weitergegeben werden könne. Und dafür sei er dankbar.

Der Patriarch freut sich, in Gronau eine so lebendige Gemeinde und deren gut gelebte Gemeinschaft vorzufinden. „So Gott will, werden wir bald wieder hier sein“, sagt er schließlich.

Zuvor hatten mehrere Redner, darunter der Bischof, Dekan Lahdo Özkaya, und Ibrahim Savci vom Kirchenrat, Worte an den Patriarchen gerichtet.

Bürgermeisterin Sonja Jürgens hatte auf die Vielfalt der Nationalitäten und Kulturen in Gronau hingewiesen, seit im Zuge der boomenden Textilindustrie im 19. Jahrhundert zunächst viele Niederländer nach Gronau kamen, nach dem zweiten Weltkrieg Flüchtlinge, seit den 60er-Jahren Gastarbeiter und in den 80er-Jahren die syrisch-orthodoxen Christen. Letztere gründeten den Kulturverein und die Kirchengemeinde. „Damit einher ging die durchweg gelungene Integration der Aramäerinnen und Aramäer“, sagte Jürgens. „Längst sind Kirchengemeinde und Kulturverein feste Bestandteile des bunten kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in unserer Stadt geworden. Wir alle sind Gronau.“ Daher spüre man hier auch die Angst der Menschen, die um das Leben ihres Volkes bangten.

Auch Landrat Dr. Kai Zwicker sprach die großen Sorgen um die Situation in Syrien und im Irak an. „Für das, was in der Region geschieht, fehlen mir die Worte. Dass in unserer heutigen Zeit eine derartige Barbarei noch möglich ist! Unsere Solidarität gilt den Menschen, die dies alles erleiden müssen.“

Wie groß der Exodus ist, zeigen aktuelle Zahlen. Vor vier Jahren lebten noch 97 000 syrisch-orthodoxe Christen im Irak, jetzt sind es 15 000. 300 000 waren es in Syrien, jetzt sind es keine 30 000 mehr, so der Patriarch. Alte Kirchen wurden zerstört, Priester enthauptet, zwei Bischöfen vor zwei Jahren entführt.

Zum Schluss richtet Ignatius Aphrem II. einige Worte auf Englisch an die deutschen Gäste, darunter Vertreter der Parteien. Nochmals dankt er speziell den Gronauern für die Aufnahme der Menschen. „Und um Menschen geht es ja, nicht um Ressourcen oder wirtschaftliche Interessen oder potenzielle Märkte.“

„Unsere Leute sind treu und loyal“, sagt er. Und er gehe davon aus, meint er mit einem Augenzwinkern, dass sie künftig noch bessere Gronauer werden als sie jetzt schon seien.

„So“, schließt er humorvoll, „und jetzt lasst uns den Gottesdienst beenden – sonst wird das Essen kalt.“ Im Kulturzentrum wartete nämlich noch eine Mahlzeit für die geladenen Gäste.

Doch zuvor begab er in den Versammlungssaal, wo viele Gläubige, die nicht mehr in die volle Kirche gepasst hatten, den Gottesdienst an Monitoren verfolgt hatten. Der Patriarch zeigte sich als sehr nahbar, bescheiden und humorvoll. Er wies niemanden zurück, segnete Kinder und alte Leute und hatte für alle ein offenes Ohr.

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