Bürgerversammlung zum Thema Willkommenskultur
Ein „bereicherndes Abenteuer“

Gronau -

Ein Dach überm Kopf bekommen sie, die Flüchtlinge und Asylbewerber, die es nach Gronau verschlagen hat. Materiell sind sie zwar nicht auf Rosen gebettet, aber das Existenzminimum ist immerhin gesichert. Doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein: Er ist ein soziales Wesen, das Kontakt zu Mitmenschen braucht. Und da hapert es noch in Gronau – obwohl es eine ganze Reihe von Organisationen und Privatmenschen gibt, die sich einbringen, zum Beispiel im Netzwerk Migration „GroNet“.

Mittwoch, 20.05.2015, 08:05 Uhr

Gut besucht war die Bürgerversammlung zum Thema Willkommenskultur im Rathaus. Vertreter verschiedener Initiativen berichteten über ihre Erfahrungen, so zum Beispiel Christian Funke (kl. Foto mit Moderatorin Christiane Nitsche).
Gut besucht war die Bürgerversammlung zum Thema Willkommenskultur im Rathaus. Vertreter verschiedener Initiativen berichteten über ihre Erfahrungen, so zum Beispiel Christian Funke (kl. Foto mit Moderatorin Christiane Nitsche). Foto: Martin Borck

Vor diesem Hintergrund fand am Montagabend eine Bürgerversammlung zum Thema „ Willkommenskultur “ statt. Sie sollte den Anstoß geben, Brücken zu bauen und sich einzubringen, wie Bürgermeisterin Sonja Jürgens im Gespräch mit Moderatorin Christiane Nitsche erläuterte.

Warum kommen die Menschen aus aller Welt überhaupt nach Gronau ? „Wir sind nicht hier, weil wir es möchten, sondern weil wir zu Hause Probleme haben“, zitierte Nitsche den 23-jährigen Guineer Mamadou Baldé (► Themenkasten). Es brauche Mut, die Heimat hinter sich zu lassen. ohne zu wissen, ob man die erhoffte Freiheit auch finde.

Wer in Deutschland landet, braucht zwar (meist) keine Verfolgung zu fürchten – doch stoßen Flüchtlinge oft auf Ablehnung, Desinteresse und Ausgrenzung. Sie kämpfen mit einer Bürokratie, die sie oft überfordert, und mit Sprachproblemen, die sie nicht meistern können, weil sie erst keinen Sprachunterricht erhalten. Willkommenskultur sieht anders aus.

Wie man die Probleme mildert, zeigte Christian Funke aus Heek. Er folgte mit rund 20 weiteren Heekern einem Aufruf des dortigen Bürgermeisters, sich Asylbewerbern anzunehmen. Und das tun sie. „Zwei Leute kümmern sich jeweils um eine Unterkunft“, erläuterte er. Er selbst hat mit Menschen aus Algerien und Marokko zu tun. „Liebe, nette Menschen, die meisten männlich, allein und zwischen 17 und 35 Jahre alt.“ Funke ist sich sicher, dass keiner von ihnen die Flucht freiwillig angetreten hat.

Die Resonanz in der Bevölkerung auf die Aktivitäten des Arbeitskreises Flüchtlingshilfe sei positiv. Innerhalb kürzester Zeit wurden einer Familie mit zwei kleinen Kindern Spielzeug, ein Kinderfahrrad und Möbel zur Verfügung gestellt. Der Kontakt untereinander läuft über Facebook und regelmäßige Treffen, so Funke.

Die VHS in Ahaus bildet die Mitglieder zu Integrationslotsen aus. „Dabei wird Grundlegendes vermittelt“, sagte Funke. Zum Beispiel die Bedeutung von kulturellen Unterschieden, die oft Ursache für Missverständnisse und Distanz sind. „Man muss das Denken frei bekommen“, so Funke.

Auch in Gronau existieren etliche Institutionen, die sich um Asylbewerber kümmern. Christiana Jäger von der „Chance“ berichtete von Alphabetisierungskursen. Die VHS bietet aktuell einen Sprachkursus an, der vom Land finanziert wird. Der Arbeitskreis Asyl besucht immer wieder die Unterkünfte, für Behördengänge stehen mittlerweile Dolmetscher für 13 Sprachen zur Verfügung. Die Caritas-Flüchtlingsberatung unternimmt „gemischte“ Ausflüge, bei denen sich Deutsche und Flüchtlinge näherkommen. Die Integrationsagentur des DRK bietet Hilfe an. Kurz: Viele Menschen sind schon aktiv in Vereinen, Verbänden und Kirchen.

Doch es könnten noch mehr sein. „Viele Leute trauen sich aber einfach nicht“, sagte die Aktive Angela Rost, die über ihre Erfahrungen berichtete. „Die Menschen in Asylbewerberheimen sind froh, wenn man kommt“, erzählte sie. In Zusammenarbeit mit der Freiwilligenzentrale ist ein Netzwerk entstanden, das zum Beispiel bei der Beschaffung von Haushaltsgegenständen hilft.

Auffallend ist: Alle Menschen, die sich um Asylbewerber kümmern, nehmen auch etwas mit. Für Maria Leusing von der Freiwilligenzentrale ist die Begegnung mit den Menschen aus anderen Kulturkreisen ein Abenteuer. Ein bereicherndes Abenteuer.

Doch gibt es nicht auch Spannungen, gerade zwischen Flüchtlingen verschiedener Ethnien? Auf ethnische und religiöse Unterschiede wird bei der Unterbringung so weit wie möglich Rücksicht genommen, so der Integrationsbeauftragte der Stadt, Ahmet Sezer. Und mit Veranstaltungen wie der interkulturellen Woche und dem Friedensfest wird versucht, eventuelle Spannungen zu nehmen.

Die Erste Beigeordnete Sandra Cichon sieht aktuell in fehlenden Sprachkursen das größte Problem. Asylbewerber erhalten nämlich erst Zugang zu Sprach- oder Integrationskursen, wenn ihr Asylverfahren abgeschlossen ist. Und das kann dauern. „Wir brauchen Ehrenamtliche, um die Menschen begleiten und betreuen zu können“, sagte Cichon.

Viele Probleme wurden am Montagabend angesprochen, Lösungsansätze skizziert – doch: „Wo ist die Klammer?“, fragte Otto Lohle. „Wer setzt sich den Hut auf, eine Idee wie die aus Heek auch umzusetzen?“ Dazu erklärte sich Ahmet Sezer bereit.  

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